25.02.2009 · René Obermann kann es in der Deutschen Telekom nicht allen recht machen. Er ist überzeugt: Das Unternehmen wird nur bestehen können, wenn es sich grundlegend wandelt. Die Chance für den großen Umbruch sieht er jetzt gekommen.
Von Johannes WinkelhageEs ist der kleine, leuchtende Punkt im Rückspiegel, der einem auf der Autobahn zuerst gar nicht auffällt. Wenige Sekunden später hängt der Punkt frontlampengroß und leicht blendend im Spiegel, und es ist eindeutig: Der Motorradfahrer hinter einem fährt erheblich schneller als man selbst. Früher hätte es auch René Obermann sein können, der mit seiner MV Agusta mit solchen Geschwindigkeiten auf den Straßen unterwegs war. Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Telekom ist begeisterter Motorradfahrer, war es zumindest, bis er im November des Jahres 2006 seinen heutigen Job angetreten hat.
So rasant Obermann auf seiner Maschine unterwegs war, so rasant lief auch die Karriere des im März 1963 geborenen Managers: Von der Gründung des eigenen Unternehmens in den achtziger Jahren und dessen Verkauf in den Neunzigern, der ihn noch heute finanziell unabhängig macht, bis hin zur Mobilfunksparte der Telekom, wo er im Jahr 1998 anfing. Damals war er einer von denen „da drüben“. So wurden die Mobilfunker auf der Beueler Rheinseite von den Mitarbeitern in der Telekom-Zentrale an der Friedrich-Ebert-Allee zwischen Bonn und Bad Godesberg hin und wieder genannt.
„Die von der anderen Seite“
In Beuel bei T-Mobile hingegen wurde von denen „auf der anderen Seite“ gesprochen, wenn die Festnetz-Telekom gemeint war. Beide Titulierungen hatten jeweils einen etwas despektierlichen Unterton. Der ISDN-geprägten Zentrale waren die Mobilfunker, die oft keine Beamten sind, suspekt. Schnellere Geschäftsprozesse, eine andere Kleiderordnung, kräftiges Wachstum und eine etwas modernere Anmutung machten einen Unterschied. Dass zwischen den Spartensitzen der breite Rhein fließt, war beiden Seiten eher lieb. Es gab und es gibt tiefe Gräben zwischen den Kulturen im Unternehmen.
Mit Obermanns Vorgänger Kai-Uwe Ricke hatte schon einer von „da drüben“ die Macht im Konzern übernommen, konnte sich dort aber gegen „die von der anderen Seite“ nicht dauerhaft durchsetzen. Ricke scheiterte an den unterschiedlichen Temperamenten, die die beiden Unternehmensteile in ihrem Innersten prägen. Er bereitete Obermann mit seinen Integrationsvorstößen aber den Boden.
Die Chance für den großen Umbruch
Obermann hat im Gegensatz zu seinem Vorgänger gar nicht erst den Versuch unternommen, es beiden Seiten recht zu machen. Er ist einer von denen „da drüben“, ist vom Mobilfunk geprägt und trägt diese Kultur in den Rest des Konzerns hinein. Konsequent und dadurch auch mit Härte. Obermann hat inzwischen praktisch alle Führungspositionen in seiner Umgebung mit T-Mobile-Leuten besetzt. Nun übernimmt Timotheus Höttges wahrscheinlich noch das Finanzressort, und es würde viele Beobachter sehr verwundern, wenn der jetzt avisierte Deutschlandchef der Telekom nicht auch von „da drüben“ kommen würde.
Obermann implementiert die T-Mobile-Kultur im gesamten Konzern aber nicht um ihrer selbst willen. Er ist fest davon überzeugt, dass die Telekom gegenüber ihren Wettbewerbern nur bestehen kann, wenn sie sich grundlegend wandelt. Die Chance für den großen Umbruch sieht er jetzt offenbar gekommen.
Schon länger arbeitet der Konzern an integrierten Produkten aus Festnetz- und Mobilfunkangeboten, ist damit aber bisher noch nicht weit gekommen. Erst langsam wird sichtbar, welche Möglichkeiten hier bestehen. Die Zusammenlegung der Verantwortung für beide Sparten in Deutschland in einer Vorstandsposition soll diesem Prozess jetzt den nötigen Schwung verleihen - und auch die Kosten weiter senken.
Die Vorliebe für Rasantes hat er nicht verloren
Wer Obermann länger beobachtet, der weiß, dass er großen Wert auf den konsequenten Vollzug getroffener Entscheidungen legt. Das gilt für den Aufbau von VDSL-Netzen ebenso wie für den Abbau von Stellen, der die Telekom weiterhin beschäftigt und noch lange beschäftigen wird. Das gilt auch für den jetzt angefassten Umbruch, der - wenn es nach Obermann geht - durchaus etwas schneller gehen dürfte als geplant. Die Vorliebe für Rasantes hat er nicht verloren.
Die größte Bewährungsprobe für Obermann besteht allerdings weiter in der Bewältigung der diversen Datenschutz- und Spitzelskandale, die das Unternehmen seit mehr als einem Jahr erschüttern. Selten hat man ihn so dünnhäutig erlebt wie im persönlichen Gespräch in den Tagen der ersten Anschuldigungen im Mai des vergangenen Jahres. Wer hat wann was gewusst? Wer hat welche Aufträge erteilt oder illegale Praktiken zumindest geduldet? So lauten weiter die Fragen, die wie ein Damokles-Schwert über allen damaligen Vorständen hängen. Auch über Obermann.
"Power corrupts absolute power corrupts absolutely"
Martin Weigele (mgweigele)
- 26.02.2009, 01:14 Uhr
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