31.10.2009 · Die Deutsche Post bleibt auch nach dem abgewendeten Streik in Bedrängnis: E-Mail und SMS verdrängen das Briefgeschäft. Viel Neues ist dem Management bislang noch nicht eingefallen. Außer Sparen.
Von Christian SiedenbiedelDie Deutsche Post ist bescheiden geworden. Große Siege erwartet sie nicht, die kleinen werden gefeiert, wie sie fallen. Vorstandschef Frank Appel ließ es etwa vergangene Woche als großen Erfolg verkünden, dass es in diesem Jahr keinen Poststreik im Weihnachtsgeschäft geben wird. Türme von nicht ausgelieferten Weihnachtspäckchen und Postboten, die derweil die Arme verschränken - zumindest das wird es nicht geben. Da verzichtete der Postchef dann doch lieber auf geplante Sparmaßnahmen und längere Arbeitszeiten für die Postler.
Ein Streik im Weihnachtsgeschäft hätte der Post gerade noch gefehlt. Im Unternehmen herrscht sowieso schon große Unruhe. Das Geschäft befindet sich seit Jahren in einer Krise, die sich nun dramatisch zuspitzt. Es geht um nichts Geringeres als den Abschied vom Brief.
Es geht um einen Wandel, der viel grundsätzlicher ist
Jahrelang hatten die Postvorstände verkündet, die Konkurrenz der elektronischen Medien mache dem Unternehmen nicht viel aus. Die Zahl der Liebesbriefe sei zwar zurückgegangen, seit es SMS gebe. Und den Kontoauszug bekomme auch kaum noch jemand per Post, die meisten druckten ihn selbst aus. Dafür sei die Zahl der Werbesendungen von Firmen kontinuierlich gestiegen. So nervig das für die Empfänger war: Es hat der Post einst ordentliche Gewinne beschert. So gute sogar, dass sie damit Verluste aus anderen Geschäftsbereichen ausgleichen konnte.
Das ist jetzt vorbei. Um gut fünf Prozent ist das Geschäft mit den Briefsendungen in Deutschland dieses Jahr zurückgegangen. 150 Millionen Briefe weniger wurden allein im ersten Halbjahr 2009 verschickt. Und wenn die Post am Donnerstag ihre Zahlen für die vergangenen drei Monate vorstellt, wird sie zwar von einer leichten Verbesserung im September gegenüber dem desaströsen Sommer berichten können. Die negative Entwicklung aber ist ungebremst.
"Zwei Drittel dieses Einbruchs sind struktureller, nicht konjunktureller Natur", sagt Postchef Appel. Damit meint er: Es liegt nicht allein an der mauen Wirtschaftslage, dass die Post keine Briefe zum Transportieren mehr bekommt. Es geht um einen Wandel, der viel grundsätzlicher ist.
Werbung wird ganz grundsätzlich in Frage gestellt
Schwacher Trost: In anderen Ländern sieht es auch nicht besser aus. Die meisten Postgesellschaften berichten von Rückgängen im Briefgeschäft um fünf bis zehn Prozent in diesem Jahr - oder von noch mehr. In Amerika sollen es bis September sogar minus 14 Prozent gewesen sein.
Die Ursachen liegen auf der Hand. Die Menschen kommunizieren heute anders als früher. Nach einer gewissen Anlaufphase nutzen mittlerweile selbst ältere Leute E-Mails. Und viele Jüngere verständigen sich untereinander am liebsten in Internetgemeinschaften wie Facebook oder per Chat.
Zugleich, und das trifft die Post sogar noch härter, ändert sich etwas im Werbeverhalten der Unternehmen. "Die Budgets für Werbung per Post werden nach der Krise nicht mehr auf das alte Niveau zurückkehren", prophezeit der Postchef. Die Unternehmen nehmen die Rezession zum Anlass, um Werbung im herkömmlichen Sinne ganz grundsätzlich in Frage zu stellen.
Jahrelang hatten viele Firmen in der Werbung einfach wie die Lemminge das gemacht, was alle machten. Ein paar Anzeigen, ein paar Werbebriefe. Seit es Alternativen im Internet gibt, fragen sie viel genauer nach dem Nutzen. Erreicht man mit solchen Werbeschreiben wirklich die Richtigen? Nervt das nicht nur? Erlauben elektronische Medien nicht eine viel zielgerichtetere Auswahl?
Die Post profitiert auch vom Internet
Für die Post ist das bitter. Auf ihre Cashcow, das Briefgeschäft, wird sie so schnell nicht wieder zählen können. Zwar probiert die Post selbst, durch das Internet Geschäft zu machen. Sie bietet im Netz elektronische Briefe mit elektronischer Signatur an. Das Geschäft ist allerdings noch in der Aufbauphase. Die Post profitiert auch davon, dass etwa Bücher zwar im Internet bei Amazon bestellt werden können - aber doch physisch per Paket ausgeliefert werden müssen.
Zumindest bislang aber kann die Offensive im Internet für die Post den Rückgang im traditionellen Briefgeschäft nicht ausgleichen. Dafür ist der einfach zu stark. Zumal auch noch große traditionelle Versandkunden wie Quelle nun ausfallen.
Postchef Appel ist damit in einem Dilemma. Den Umsatz im Briefgeschäft kann er nicht beeinflussen. Das Porto legt der Gesetzgeber nach einem bestimmten Schlüssel fest. Dabei spielt die Inflationsrate eine wichtige Rolle, die derzeit praktisch bei null liegt. Appel kündigt zwar an, "zu gegebener Zeit" mit der Politik über eine Portoerhöhung verhandeln zu wollen. Realistisch ist das im Augenblick aber wohl nicht. Bleiben dem Postchef nur die Kosten, um auf den Rückgang im Briefgeschäft zu reagieren. Um die zu senken, vergibt er immer mehr Postfilialen an private Betreiber, Bäcker oder Händler. Außerdem müssen die Postmitarbeiter jetzt für die nächsten zwei Jahre auf Lohnerhöhungen verzichten. "Das ist ein Schritt in die richtige Richtung", sagt Appel, "allerdings keine langfristige, strukturelle Antwort auf unsere Probleme."
Es ist verrückt. Mit viel Raffinesse hatte Appels Vorgänger Klaus Zumwinkel sich alle Konkurrenz vom Leib gehalten. Als das Briefgeschäft liberalisiert wurde, setzte er einen Mindestlohn durch. Der zwang viele Post-Konkurrenten zum Aufgeben. Jetzt hat die Post praktisch wieder ein Monopol auf Briefe. Aber paradoxerweise schreiben die Leute kaum noch Briefe.
Dass die Post-Konkurrenten ein Comeback erleben könnten, fürchtet Appel nicht besonders. Zwar haben die Reste der Postkonkurrenten wie der einstige Springer-Ableger Pin und die niederländische Post TNT sich gerade unter dem Namen "Mail Alliance" zusammengeschlossen. "Es ist noch schwer einzuschätzen, ob und, wenn ja, wie stark uns das schaden wird", sagt Appel. Aber im Grunde ist er sicher: "Die Konkurrenz ist nicht das Hauptproblem."
Amerika: Ein einziges Desaster
Das Hauptproblem ist die Suche nach neuen Geschäftsfeldern. Die Expansion zum globalen Logistikanbieter, lange die wichtigste Ausweich-Strategie, hat nicht geklappt. Von einem Strategiewechsel will Appel nicht sprechen, wohl aber von einer "Fokussierung". Vom Namen "Deutsche Post World Net" ist das Unternehmen auf jeden Fall wieder abgerückt und nennt sich wieder bescheiden "Deutsche Post DHL".
Verabschiedet hat sich die Post auch aus dem verlustreichen Express-Geschäft in Amerika, einem einzigen Desaster. "Das war schlimm, aber wir bekommen das jetzt in den Griff", versichert der Postchef. "Wir haben unsere Verluste planmäßig gesenkt und streben an, im vierten Quartal dort nicht mehr als 100 Millionen Dollar Verlust zu machen." Hinzu kämen allerdings "erhebliche Restrukturierungskosten". Das heißt wohl, es wird noch einmal richtig teuer für die Post.
Die größten Hoffnungen ruhen deshalb jetzt auf China. Ein Land im Aufbruch, das gewaltig wächst und immer mehr exportiert: davon will der Konzern profitieren. Briefe austragen können die Chinesen zwar selbst. Menschen, die sie herumbringen können, gibt es dort schließlich genug. Aber für komplizierte Logistik-Dienstleistungen wie den Betrieb moderner computergesteuerter Lager oder auch einen gutorganisierten Übernacht-Expressdienst sieht Postchef Appel in China erheblichen Bedarf. Den Postboten in Deutschland allerdings, die künftig nicht mehr genug Briefe haben, dürfte das wenig helfen.
Christian Siedenbiedel Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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