23.09.2007 · Klaus Zumwinkel war lange der Star im Dax. Doch nun schlägt die Stimmung um. Die Investoren fallen über den Post-Chef her. „Das lässt mich nicht kalt“, räumt Zumwinkel ein. Von Georg Meck und Christian Siedenbiedel.
Von Georg Meck und Christian SiedenbiedelSie nennen ihn respektvoll „Häuptling Silberlocke“. Niemand führt länger einen Dax-Konzern als Klaus Zumwinkel, niemand ist besser vernetzt, niemand höher dekoriert. Manager des Jahres war er, wurde dafür bewundert, wie er aus der Behördenpost einen Global Player geformt hat. Der Mann hat alles richtig gemacht. So schien es. Plötzlich gilt das alles nicht mehr. Die Elogen auf den Weltmarktführer der Logistik sind verstummt.
Der Post-Chef steht im Feuer. Die Aktie Gelb notiert etwa so hoch wie bei der Ausgabe vor sieben Jahren. Jedes Sparbuch bei der Postbank hätte mehr Rendite abgeworfen. Freche Investoren schmähen Zumwinkel als Mann von gestern, rechnen vor, wie viele Milliarden der Konzern in Einzelteilen mehr wert wäre. „Der Druck des Kapitalmarktes ist enorm“, räumt Zumwinkel ein. „Das lässt auch den Vorstandsvorsitzenden nicht kalt.“
Die Politik als Schutz und Schwäche
Nicht nur die einschlägig bekannten angelsächsischen Jungs meiern ihn ab, auch deutsche Fonds zeigen ihm öffentlich die „Gelbe Karte“, kritisieren seine Strategie als verfehlt. „Das steckt man nicht so weg. Manches tut weh“, bekennt Zumwinkel. Und glaubt man den aggressiveren unter den Investoren, dann hätten sie die Post schon attackiert, den Chef womöglich aus dem Amt gefegt, wäre da nicht der Bund als Großaktionär. „Die Regierung würde es nicht zulassen, dass die Infrastruktur der Post in die Hände von Hedge-Fonds gerät“, sagt Zumwinkel.
Die Politik ist sein Schutz. Und gleichzeitig seine Schwäche. Den Übergang von der Behörde habe er glänzend gemeistert, räumen selbst seine Gegner ein. Nur: Was wird jetzt? Was ist die Post wert, wenn ihr Briefmonopol nächstes Jahr fällt? „Investoren hassen Unsicherheit“, weiß Zumwinkel. „Die Märkte honorieren nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft.“
Massive Verluste in Amerika
Und die bewertet der Markt momentan eher schlecht. Da mag Zumwinkel noch so werben, seine Aktie sei unterbewertet, der Konzern fit für den Wettbewerb: „60 Prozent des Umsatzes machen wir außerhalb Deutschlands, 80 Prozent außerhalb des Briefbereichs.“ Alles schön und gut, Umsatz ist nur nicht Gewinn. Und so hilft alles nichts, wenn der Logistik-Champion selbst in einer Hochphase der Weltwirtschaft wenig Profit erzielt mit all den Firmen, die Zumwinkel rund um den Globus zusammengekauft hat. Den Gewinn liefern bis heute die vermeintlich altmodischen Teile der Deutsche Post World Net - die Hälfte allein das Briefgeschäft, dazu die Postbank. Sonst ist da nicht viel an Perlen.
Beispiel Amerika: Seit Jahren schreibt die Post dort massive Verluste. Der Chef der Fondsgesellschaft DWS, Klaus Kaldemorgen, spricht von einem „Milliardengrab“. Seit Jahren verschiebt Zumwinkel den Termin, wann die Misere endet. Jetzt verspricht er für Ende 2009 das Erreichen der Gewinnschwelle. Aus den Staaten allerdings hört man schon wieder Stimmen, daraus werde nichts. Ein einfacher Kaufmann hätte das Amerika-Geschäft vielleicht einfach zugesperrt, doch das geht nicht bei einem globalen Logistiker. Zumwinkel: „Wir müssen mit unserem Netz die ganze Welt abdecken.“
Unterwegs als Lobbyist
Umso mehr klammert sich die Post an ihre Cashcow, die Briefe: Wie soll der Wert des Konzerns steigen, wenn ein Großteil des Gewinns gefährdet ist? Das erklärt, warum Zumwinkel in den vergangenen Monaten mehr als Lobbyist denn als Unternehmer unterwegs war. Zunächst, um das Briefmonopol zu verlängern, und als das nicht mehr ging, um sich neue Konkurrenz vom Hals zu halten. Als Mittel wählte er den Mindestlohn.
Alle sollen ihren Briefträgern so viel zahlen wie die Post, gleichzeitig behält die ihr Privileg, die Befreiung von der Mehrwertsteuer. „Dem Wettbewerb wird der Garaus gemacht, bevor er richtig begonnen hat“, tobt die Konkurrenz gegen den gelben Goliath. Das nervt Zumwinkel, er mag die Rhetorik der ach so benachteiligten Davids nicht mehr hören: „Hinter Pin steht der Springer-Konzern. Hinter TNT die holländische Post. Das sind keine flotten Jungunternehmer.“
Zumwinkel zieht „alle Register“
Meisterhaft beherrscht der Post-Chef die Kunst des Lobbying, verbirgt Profitinteresse hinter dem Gemeinwohl. Der ehemalige McKinsey-Berater kann mit Reden über gerechte Löhne jedem Sozialdemokraten das Herz wärmen. „Da ziehe ich alle Register“, sagt er selbst. Die SPD musste er gar nicht erst vom Mindestlohn überzeugen. Auch Unions-Leute müssen sehr prinzipienfest sein, wenn Zumwinkel ihnen das Ergebnis von Umfragen präsentiert: 80 Prozent der Bevölkerung im CSU-Land Bayern votieren für den Mindestlohn.
Wer mag sich da dem Volk - und der Post - entgegenstellen? Die Schlacht um den Mindestlohn verbucht der Post-Chef als Sieg: Das Kabinett hat am Mittwoch einen entsprechenden Beschluss gefasst. Wenn Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) nachbessern will, die Konkurrenz mit rechtlichen Schritten droht - Zumwinkel bleibt gelassen: „Ich vertraue auf den Beschluss der Bundesregierung.“
Das zumindest hört die Börse gern. Um die Unzufriedenheit der Anlager exakt zu messen, hat der Post-Chef bei Boston Consulting eine Studie in Auftrag gegeben. Die Berater haben institutionelle Investoren gefragt, was ihnen nicht passt an der Post. Erstes Ergebnis: Zumwinkel hat vor zehn Tagen seinen Finanzvorstand ausgewechselt. Prompt stieg der Kurs um vier Prozent. Der Konzernchef war zufrieden, auch wenn er von einer Verzweiflungstat, vom Bauernopfer lesen musste.
„Von unrentablen Randbereichen trennen wir uns“
John Allan soll es nun richten, ein Brite, ehemals Chef von Exel, der Firma, die Zumwinkel vor zwei Jahren übernommen hat - damals auf dem Höhepunkt des Ruhmes. „Herr Allan hat ein Netzwerk, er kennt die Märkte“, lobt Zumwinkel den neuen Hoffnungsträger, widerspricht der Vermutung, der Mann sei eine Übergangslösung: „Herr Allan zieht nach Bonn, lernt seit längerem Deutsch. Er hat einen Dreijahresvertrag, der gut verlängert werden kann.“ Am 8. November hat der neue Finanzchef seinen ersten wichtigen Auftritt. Dann präsentiert die Post ihre neue Strategie.
„Wir werden aufzeigen, wo wir effizienter werden. Von unrentablen Randbereichen werden wir uns trennen“, kündigt Zumwinkel an. Außerdem verspricht er ein transparenteres Zahlenwerk. „Da ist bei der Kommunikation an sich sehr sinnvoller und guter Dinge manches verunglückt.“ Nur das, wonach sich die Investoren am meisten sehnen, wird die Post schuldig bleiben: Die Postbank wird nicht verkauft, um Milliarden zu heben. Das schließt Zumwinkel kategorisch aus. „Die Postbank gehört zum Kerngeschäft. Wir behalten 51 Prozent.“
Den Zorn der Analysten nimmt Zumwinkel in Kauf. An einen generellen Schwenk denkt er so wenig wie an Rücktritt: „Ich bin nicht amtsmüde. Im Gegenteil: Es macht mir Freude. Ich habe noch keinen Tag bei der Post bereut.“ Ende 2008 läuft sein Vertrag aus. „Dann werde ich 65, dann sollte allmählich Schluss sein.“
Deutschland braucht dringend einen Logistikriese
Fionn Huber (fionn)
- 23.09.2007, 22:44 Uhr
Der Monopolist Zumwinkel
kurt schupp (Platino99)
- 24.09.2007, 02:24 Uhr
Christian Siedenbiedel Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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