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Deutsche Großunternehmen auf Einkaufstour Die Dax-Konzerne greifen wieder an

 ·  Deutsche Großunternehmen sichern sich durch strategische Übernahmen Marktpositionen auf der Welt. Das ist das Fazit des Übernahmejahres 2010. Zwar ist die Zahl der Übernahmen nach der Krise nur leicht gestiegen - der Wert legt aber deutlich von 79 auf 106 Milliarden Euro zu.

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Deutsche Großunternehmen nutzen die Krise, um ihre internationale Stellung durch Übernahmen zu festigen. Trotz der Euro-Schwäche greifen viele deutsche Unternehmen in diesen Monaten gerade auch in Nordamerika an. Das ist nach Aussage von Axel Gollnick, geschäftsführender Partner der Kronberger M & A International GmbH, eine der Haupttendenzen des Übernahmejahres 2010. Dabei gehen die deutschen Dax-Konzerne nach seiner Ansicht außerordentlich geschickt vor, fast lautlos. Während der Übernahmeversuch des spanischen Bau- und Dienstleistungskonzerns ACS bei dem Essener Baukonzern Hochtief international hohe Wellen schlägt und aus Angriff, Abwehr, Reaktion und Gegenreaktion besteht, haben Merck, SAP und die Deutsche Bahn im Ausland börsennotierte Gesellschaften mit Zustimmung des jeweiligen Managements zügig erworben. Nimmt man andere Übernahmen im Ausland durch Dax-30-Unternehmen hinzu (Deutsche Bank, Kali + Salz, Münchener Rück, Volkswagen), zeigt sich ganz deutlich, dass deutsche Großunternehmen quer durch alle Branchen im Ausland auf Einkaufstour sind.

Die Merck KGaA hatte Ende Februar allen ausstehenden Aktionären des amerikanischen Life-Science-Unternehmens Millipore Corporation, Billerica (Massachusetts), ein Übernahmeangebot unterbreitet, das die Zustimmung des Managements wie auch der Aktionäre fand. Am 15. Juli konnte die 5,2 Milliarden Euro teure Übernahme abgeschlossen werden. Die Aktien der neuen Tochtergesellschaft werden von der Börse genommen.

Der Kauf der englischen Arriva

Ähnlich ist auch das Softwareunternehmen SAP vorgegangen. Über die amerikanische Tochtergesellschaft Sheffield hat das Walldorfer Unternehmen den kalifornischen Datenbankspezialisten Sybase Inc. für 4,6 Milliarden Euro erworben. Auch dessen Aktien wird es bald nicht mehr an der Börse geben.

In die gleiche Kategorie – deutscher Konzern rundet internationale Marktposition durch Übernahme im Ausland ab – gehört auch der Kauf der englischen Arriva durch die Deutsche Bahn. Auch dieses Geschäft, das die Bahn 2,8 Milliarden Euro kostete, ist abgeschlossen. Kartellamtsauflagen wie der Verkauf der Arriva Deutschland-Gruppe an ein Konsortium aus der italienischen Staatsbahn Ferrovie dello Stato (mit ihrer Personenverkehrssparte Trenitalia) und dem Finanzinvestor Cube hat der Vorstand bereits zugestimmt. Damit können die Italiener in Deutschland Regionalzüge fahren. Dem Vernehmen nach zahlt Trenitalia nach Abzug von Verbindlichkeiten netto 170 Millionen Euro. Für die Bahn war die Arriva-Übernahme der zweite große Abschluss in diesem Jahr. Im Frühjahr hatte die DB Schenker Rail, eine Tochtergesellschaft der Bahn, ihren Anteil an der italienischen Güterbahn Nordcargo von 49 auf 60 Prozent aufgestockt. Einschließlich der DB Schenker Rail Italia ist die Deutsche Bahn jetzt der zweitgrößte Güterbahnbetreiber Italiens. Im Vorjahr hatte man den polnischen Güterbahnkonzern PCC Logistics übernommen.

Für Gollnick kommen in diesen herausragenden Übernahmen des zu Ende gehenden Jahres auch eindeutig weitere Trends des Übernahmejahres 2010 zum Ausdruck. Mit zwei Übernahmen, für die jeweils mehr als 5 Milliarden Euro gezahlt wurden, „haben wir nach den Krisenjahren eine erste Rückkehr der Megadeals zu verzeichnen“. Dazu gehört neben der Übernahme von Merck in Amerika der zweite Megadeal des ehemaligen Eon-Chefs Wulf Bernotat. Seine letzte Amtshandlung vor der Übergabe der Amtsgeschäfte an Johannes Teyssen war der Verkauf der amerikanischen Tochtergesellschaft Eon US LLC für 5,8 Milliarden Euro an PPL Corporation. Damit hat Bernotat Eon vor der Übergabe an seinen Nachfolger deutlich entschuldet. Aber schon das drittgrößte Übernahmegeschäft unter deutscher Beteiligung passt wieder in das Muster: SAP kauft in Amerika zu – und bleibt mit 4,6 Milliarden Euro auch nur knapp unter der Marke für Megadeals von 5 Milliarden Euro.

Und eine zweite Tendenz verdeutlichen diese Beispiele für Gollnick: Fast alle Übernahmen sind eindeutig strategisch motiviert. Die Rückkehr der Finanzinvestoren (Private Equity) geht langsamer als noch in den ersten Monaten 2010 angenommen. Das hängt nach den Worten von Steven Koltes, Deutschland-Chef der CVC Capital Partners, genau mit der von Gollnick beschriebenen Entwicklung zusammen. Die deutschen Konzerne hätten sich in den vergangenen Jahren verschlankt und verspüren derzeit kaum den Druck, sich von Tochtergesellschaften zu trennen. Eher kaufen sie von Finanzinvestoren zu wie die BASF, die von Permira Fonds, Goldman Sachs Capital Partners und SV Life Sciences für 3,1 Milliarden Euro den Spezialchemiehersteller Cognis erwarb.

Wissenschaft, Technik und Medizin

Von den zehn größten Übernahmen des Jahres mit deutscher Beteiligung sind Private-Equity-Unternehmen nur an drei Geschäften beteiligt. Gar nur einmal ist ein Private-Equity-Unternehmen bei den Großübernahmen als Käufer aufgetreten: Springer Science + Business, der zweitgrößte Verlag für Wissenschafts-, Technik- und Medizinpublikationen der Welt mit einem Umsatz von zuletzt 857 Millionen Euro (2009), wurde von der schwedischen Beteiligungsfirma EQT (82 Prozent) und Singapurs Staatsfonds GIC (18 Prozent) übernommen. Verkäufer waren die beiden Private-Equity-Investoren Cinven und Candover. Mit einem Gesamtvolumen inklusive Schulden von 2,3 Milliarden Euro war der Erwerb 2010 die größte Übernahme durch Finanzinvestoren. Springer Science + Business hat von den neuen Eigentümern eine Kapitalerhöhung von 450 Millionen Euro erhalten; darüber hinaus von Banken eine neue langfristige Kreditfinanzierung über 1,2 Milliarden Euro sowie Mezzaninekapital über 454 Millionen Euro. In den Bereichen Wissenschaft, Technik und Medizin bringt Springer 2000 Zeitschriften und mehr als 6500 Bücher jährlich heraus.

Springer war im noch ziemlich transaktionsarmen ersten Halbjahr die zweitgrößte Unternehmensübernahme. Die größte betraf den Fernsehkabelbetreiber Unitymedia. Der Kabelnetz-Betreiber in Nordrhein-Westfalen und Hessen sowie Europas drittgrößter Betreiber von Breitbandkabelnetzen wurde von der amerikanischen Liberty Global Inc. des amerikanischen Milliardärs John Malone übernommen. Die Transaktion hat einen Gesamtwert von 3,5 Milliarden Euro (Kaufpreis 2,0 Milliarden Euro zuzüglich Übernahme von 1,5 Milliarden Euro Schulden). Verkäufer sind unter anderem die britische Private-Equity-Gesellschaften BC Partners (35 Prozent Anteil an Unitymedia) und der amerikanische Investor Apollo Management (29 Prozent), die das Unternehmen 2003 erworben hatten und nun nach sieben Jahren Haltedauer komplett an einen strategischen Partner weiterreichen.

Die deutsche Wirtschaft geht zum Angriff über

Die großen Übernahmen haben den M & A-Markt in diesem Jahr deutlich anwachsen lassen. Das Volumen der Transaktionen ist um ein Drittel auf wieder mehr als 100 Milliarden Euro gestiegen. Obwohl für Mehrheitsübernahmen mit deutscher Beteiligung auf der Käufer- oder Verkäuferseite 106 Milliarden Euro ausgegeben wurden und damit 27 Milliarden Euro mehr als 2009, verharrte die Zahl der Transaktionen mit 1274 nur leicht oberhalb des letztjährigen Wertes. „Es wird wieder mehr Geld ausgegeben für Übernahmen“, stellt Gollnick fest. Der Wert der 20 größten Übernahmen lag um 90 Prozent über dem des Vorjahres. Dass die Krise überwunden ist, zeigt die Zunahme der Großübernahmen einerseits und der gleichzeitige Rückgang innerdeutscher Übernahmen andererseits. Auch diesen Rückgang bewertet Gollnick positiv. „Innerdeutsche Übernahmen nehmen meist in der Krise zu“, sagt er. Das ist so eine Art Abwehrverhalten, wenn sich der regionale Markt konsolidiert.

Im Aufschwung geht die deutsche Wirtschaft zum Angriff über – in diesem Jahr vor allem in Richtung Vereinigte Staaten. Die Zahl der veröffentlichten Übernahmen deutscher Unternehmen in dem nordamerikanischen Land ist von 38 auf 51 gestiegen. Aber auch in der umgekehrten Richtung funktioniert der Markt. Amerikanische Unternehmen haben nicht nur Eon in Amerika etwas abgekauft – und damit den größten Deal in diesem Jahr realisiert. Die deutsche Unitymedia GmbH ist von Finanzinvestoren ebenso an amerikanische strategische Eigentümer gegangen wie der Mannheimer Motorenhersteller MWM GmbH, der in dem Weltkonzern Caterpillar einen neuen Eigentümer fand. Auch hier war mit 3i ein Finanzinvestor der Verkäufer. Kurz vor Jahresschluss hat der amerikanische Internetmarktplatz Ebay in Deutschland die Internet-Shoppinggemeinschaft Brands4Friends für 150 Millionen Euro erworben. Mit dem Zukauf des Online-Kaufhauses will Ebay seine Position im Modeverkauf über das Internet stärken. Das Unternehmen Brands4Friends wurde 2007 gegründet und zählt in Deutschland nach eigenen Angaben 3,5 Millionen Mitglieder.

Übernahmeaktivität im Finanzbereich

Die Deutsche Bank musste nicht über den Atlantik gehen. Sie wurde in der Nähe fündig, sogar mehrmals. Deutschlands größte Bank erwarb nicht nur das Köln-Luxemburger Privatbankhaus Sal. Oppenheim, das im Zuge der Arcandor-Karstadt-Insolvenz ins Straucheln geraten war. Die Deutsche Bank zog auch den Mehrheitserwerb der Deutschen Postbank vor und sicherte sich somit den Zugang zu den vielen Privatkunden. Zudem kam die Deutsche Bank bei der Übernahme der Geschäftskundensparte der niederländischen ABN Amro zum Zuge. Mit dieser Verstärkung in mehreren wichtigen Kundensegmenten – auch solchen, die man früher einmal abgegeben hat, wie die Privatkunden – taucht die Deutsche Bank unter den 20 größten Übernahmen drei mal auf. Insgesamt nahm die Übernahmeaktivität im Finanzbereich jedoch ab.

Deutlich mehr gekauft wurde in den Branchen Pharma und Maschinenbau. Der israelische Pharmakonzern Teva hat das Rennen um den Arzneimittelhersteller Ratiopharm gewonnen. Der größte Hersteller von Nachahmermedikamenten (Generika) der Welt hat den deutschen Generikakonzern für 3,625 Milliarden Euro übernommen. Rechnerisch erreichten die beiden Unternehmen 2009 zusammen einen Umsatz von 16,2 Milliarden Euro. Teva wird künftig rund 40.000 Mitarbeiter haben, rund 18.000 davon in Europa. Die bisherige Eigentümerfamilie Merckle musste Ratiopharm verkaufen, um ihre Milliardenschulden bei den Banken zu verringern. Sie hatte zuvor schon ihre Schweizer Pharmagesellschaft Mepha in Aesch bei Basel an die amerikanische Cephalon Inc. veräußert. Zur Merckle-Gruppe gehören neben Ratiopharm unter anderem der Pharmahändler Phoenix sowie ein Anteil am Zementhersteller Heidelbergcement und der Pistenraupenhersteller Kässbohrer.

Auch das Traumschiff hat neue Eigentümer

Der Frankfurter Pharmahändler Anzag ist mehrheitlich in britische Hände übergegangen, als Allied Boots die Anteile von Sanacorp, Celesio und Phoenix an Anzag übernahm. Die Frankfurter Merz-Gruppe (bekannt für Alzheimer-Präparate) hat zu Beginn des Jahres für 250 Millionen Euro das amerikanische Pharmaunternehmen Bioform Medical erworben – auch hier wieder mit Zustimmung des Managements der börsennotierten Gesellschaft. Der auf Nierenwäsche spezialisierte Dax-Konzern Fresenius hat durch Übernahme des Dialysedienstleisters Asia Renal Care vom thailändischen Krankenhausbetreiber Bumrungrad International Hospital sein Geschäft in Asien gestärkt. Es müssen ja nicht immer Milliardenübernahmen sein. Das zeigt auch Volkswagen, das nicht jedes Jahr Porsche kaufen kann (wie 2009). VW hat in diesem Jahr aber italienisches Design eingekauft und die Mehrheit am Design- und Entwicklungshaus Italdesign-Giugiaro übernommen.

Mehrere Übernahmen gab es im Schuhbereich. Zu der Anwr-Gruppe, die schon die Schuhhandelsgruppen Ariston, Nord-West-Ring, Rexor und Quick vereint, hat in diesem Jahr auch noch Garant übernommen. Der Schuhhersteller Sioux landete bei Square Four, wo auch schon der hessische Schuhhersteller Rohde untergekommen ist. Auch das Traumschiff hat neue Eigentümer. Die angeschlagene Reederei Peter Deilmann ist mehrheitlich von dem Finanzinvestor Aurelius erworben worden. Diese auf Sanierungsfälle spezialisierte Beteiligungsgesellschaft hat auch die Sparte Kompressoren des Industriekonzerns Danfoss erworben. Aus den Überbleibseln des untergegangenen Arcandor-Konzerns hat der Finanzinvestor Carlyle fünf Spezialitätenversender erworben, darunter als größten das Unternehmen Baby-Walz. Den Kindersitzhersteller Britax Römer dagegen hat Carlyle an Nordic Capital weitergereicht.

Umfang von Diplomarbeiten

Private Equity hat es noch schwer, weil die Fremdfinanzierung über Banken wieder möglich ist, aber immer komplizierter wird. Nach Gollnicks Beobachtungen wird von Private-Equity-Unternehmen derzeit auch vieles „totgeprüft und totverhandelt“. Die Anwaltsgebühren überstiegen manchmal deutlich jene für die M&A-Beratung. Die Vertragsumfänge würden immer größer; schon die sogenannten Covenants (das Gerüst jener Finanzkennzahlen, das eingehalten werden muss) nehmen inzwischen den Umfang von Diplomarbeiten ein.

Nicht totverhandeln ließ sich der deutsche Reiseveranstalter Vural Öger den Verkauf seines auf Türkeireisen spezialisierten Reiseunternehmens Öger Tours an das britische Unternehmen Thomas Cook. Und wer gern Onken-Joghurt isst, weiß, dass das ehemalige Produkt aus dem Haus Oetker jetzt von dem Schweizer Lebensmittelkonzern Emmi kommt. Den „Grünen Punkt – Duales System Deutschland“ (DSD) hat die amerikanische Investmentgesellschaft KKR an das Management verkauft.

Die Gunst der Stunde

Lange beschäftigt hat die Öffentlichkeit die Übernahme von Karstadt. Am Ende hat der Verkauf an den deutsch-amerikanischen Investor Nicolas Berggruen doch noch geklappt. Angesichts seines geringen finanziellen Engagements fragen sich jedoch viele Beobachter, wie lange er die Warenhauskette in ihrer heutigen Konstellation wird führen können. Ein gutes Weihnachtsgeschäft dürfte ihm zunächst etwas Luft bei der Sanierung verschafft haben. Öffentlich wenig beachtet wurde dagegen der Übergang des Privatbankhauses Merck Finck & Co. an den indischen Mischkonzern Hinduja Group. Hinduja erwarb die Luxemburger Muttergesellschaft von Merck Finck, die KBL European Private Bankers, die in zehn Ländern an 55 Standorten vertreten ist. Für diesen Einstieg in Europa haben die Inder 1,35 Milliarden Euro bezahlt.

„2010 war durchaus ein sehr interessantes Übernahmejahr. Deutsche Unternehmen trauen sich nach der Finanzkrise wieder etwas zu und nutzen die Gunst der Stunde. Das verspricht Zuversicht auch für den Jahrgang 2011“, fasst Gollnick das Übernahmejahr 2010 zusammen. Nach einer von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young vorgenommenen Umfrage wird sich der Schwerpunkt der Übernahmen im Ausland aber zunehmend von Nordamerika auf die Schwellenländer verlagern.

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Jahrgang 1955, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

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