17.03.2008 · Seit einem halben Jahr steht die Postbank zum Verkauf. Jetzt scheint es ernst zu werden. Der Vorstandsvorsitzende dringt im Gespräch mit der F.A.Z. auf eine rasche Lösung, denn strategische Entscheidungen liegen auf Eis.
Von Helmut Bünder und Daniel SchäferAuf Fragen nach der Zukunft seines Unternehmens antwortet der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Postbank, Wolfgang Klein, gern mit hübschen Sprachbildern. Die "galvanisierende Wirkung" der internationalen Finanzkrise ist eine dieser Metaphern. Zu ihr bietet Klein folgende Exegese an: "Die Finanzkrise liefert den Strom für die Umgestaltung der deutschen Bankenlandschaft, und das Ergebnis ist ein veredeltes und nicht mehr trennbares Etwas." Die Postbank wird also veredelt. Mit wem und wie? "It ain't over 'til the fat lady sings", bescheidet Klein dann mitunter neugierigen Journalisten. Frei übersetzt: Die Hauptdarstellerin hat ihre Schlussarie noch nicht gesungen - und das gilt noch immer.
Aber die Aufführung neigt sich offenbar dem letzten Akt zu. Im Gespräch mit der F.A.Z. jedenfalls wird Klein konkreter: "Es hat zu allen Zeiten Gespräche gegeben, und es gibt sie auch zur Stunde." Zwar sei noch keine Investmentbank beauftragt worden, ein Modell vorzubereiten. Aber Klein macht keinen Hehl daraus, dass er sich eine schnelle Entscheidung wünscht. "Wir brauchen Klarheit", sagt er. Denn die Hängepartie wird allmählich zur Belastung.
Unsicherheit liegt wie Mehltau über der Bank
Seit Oktober 2007 liegt die Unsicherheit wie Mehltau über der Bank. Damals hatte Klaus Zumwinkel, der inzwischen zurückgetretene Vorstandsvorsitzende der Deutschen Post und Aufsichtsratschef der Postbank, die Verkaufsspekulationen auf einer Analystenkonferenz losgetreten und anschließend in mehreren Interviews angeheizt. Einen Zeitplan gibt es nicht. Aber bis Jahresende, möglichst früher, wünscht sich Klein, müsse eine Entscheidung fallen. Diese Hoffnung dürfte in Erfüllung gehen. Wie aus Kreisen des Mutterkonzerns Deutsche Post zu hören ist, steht die Mandatierung einer Investmentbank bevor. Voraussichtlich gehe der Auftrag an Morgan Stanley, hieß es.
Der Verkaufsprozess bremst strategische Entscheidungen. Im Dezember hatte Klein angekündigt, nach Verstärkung für Vertrieb, Bausparkassen und Firmenkundengeschäft Ausschau zu halten. Auch kleinere Übernahmen würden geprüft. "Eins nach dem anderen. Natürlich stellen wir das derzeit ,on hold'", sagt er nun. Das gelte auch für Überlegungen, das eigene Fondsmanagement ganz oder teilweise aufzugeben und die Leistungen lieber zuzukaufen. Bevor die Arie nicht zu Ende gesungen ist, heißt es auch hier: abwarten.
Hauptdarsteller sitzt im Bundesfinanzministerium
Klein ist bei der Entscheidungsfindung nicht der Hauptdarsteller. Dieser sitzt im Bundesfinanzministerium, das über die KfW-Anteile 30,5 Prozent der Deutschen Post kontrolliert und deshalb im Aufsichtsrat das letzte Wort darüber hat, was aus der Mehrheitsbeteiligung an der Postbank werden soll. Die immer wieder kolportierten Gerüchte, dass der Bund einen Verkauf der Postbank nutzen wolle, um durch eine Kombination mit der Commerzbank ein zweites deutsches Bankenschwergewicht neben der Deutschen Bank zu schaffen, will Klein nicht kommentieren. Aber Anrufe aus dem Finanzministerium hätten ihn noch nicht ereilt. "Es mag ja sein, dass es strukturpolitische Vorstellungen gibt", sagt er dazu nur. "Wenn es Vorfestlegungen gäbe, wäre das kein professioneller Umgang mit dem Thema."
In diesem Punkt kann Klein auf den neuen Aufsichtsratschef Frank Appel zählen. Der hat versichert, dass sich die Post keine Entscheidung über die Bank aufzwingen lasse, sondern der Konzern Herr des Verfahrens sei. Klein hält sich an die Rollenverteilung. "Meinen Wunschpartner kenne ich. Aber erstens bin ich nicht der Verkäufer, und zweitens würde es meine Position schwächen, wenn ich ihn verrate", sagt der Vorstandsvorsitzende. Mehr ist ihm dazu nicht zu entlocken, auch keine Aussage darüber, ob er einem inländischen Institut den Vorzug gibt oder lieber mit einer ausländischen Bank zusammenarbeiten würde. "Die wichtigste Frage ist, ob der Partner ein ähnliches Verständnis des Privatkundengeschäftes mitbringt", betont Klein.
Zweifel am Bieterverfahren
Dafür lässt er Zweifel durchscheinen, dass ein Bieterverfahren der beste Weg ist. "Für mich ist nicht nur der Preis ausschlaggebend. Für mich gehört dazu auch die Frage, wie sich langfristig der höchste Wert schaffen lässt. Dazu gehört die optimale Nutzung von Synergien. Und dazu gehört die Frage, wie man die Konsolidierung in Richtung 20 Prozent Marktanteil vorantreibt." Klein gesteht zu, dass solche Motive in den Hintergrund treten könnten, wenn ein Bieter bereit sei, eine extrem hohe Prämie zu bezahlen. Aber den Kreis der Banken, die dazu willens und in der Lage sind, hält er nicht für besonders groß.
In den langfristigen Vertriebsverträgen für Versicherungspolicen, welche die Postbank mit der Talanx-Gruppe und Huk-Coburg abgeschlossen hat, sieht Klein kein Verkaufshindernis. Eine Auflösungsklausel für den Fall eines Eigentümerwechsels gebe es zwar nicht. Aber diese Verträge böten ausreichenden Spielraum. Wenn sich das Geschäftsmodell der Bank für den jeweiligen Vertriebsarm ändere, "dann können wir neu reden", sagt Klein. Das dürfte die Allianz gern hören, die immer wieder als Kaufinteressent genannt wird. Aus ihrer Sicht hätte eine Verschmelzung der Dresdner Bank mit der Postbank sicherlich weniger Charme, wenn an den Bankschaltern die eigenen Versicherungspolicen nicht mehr verkauft werden dürften.
Aufspaltung der Dresdner befeuert Spekulationen
Die am vergangenen Freitag bekanntgewordene Aufspaltung der Dresdner Bank in zwei eigenständige Banken - die eine für das Privat- und Firmenkundengeschäft, die andere für das Investmentbankgeschäft - hat die Spekulationen über ein Zusammengehen mit der Postbank weiter befeuert. Klein äußert sich dazu nicht. Auch der hohe Anteil von Beamten in der Postbank-Belegschaft von rund einem Drittel werde keinen Interessenten schrecken, prognostiziert er.
Die enge Filialkooperation mit der Deutschen Post, geregelt durch einen noch bis 2012 laufenden Vertrag, beschreibt Klein als den großen strategischen Wettbewerbsvorteil der Postbank. "In anderen Banken herrscht gespenstische Leere. Wir haben jeden Tag eine Million Kunden in den Filialen, von denen bisher nur ein Zehntel Kunde bei der Postbank ist", sagt er. In ihren eigenen, vor zwei Jahren vom Mutterkonzern für eine Milliarde Euro gekauften 855 Filialen erzielt die Bank 70 bis 80 Prozent des Neugeschäftes. Aber 50 Prozent des gesamten Kundenstroms finden sich noch immer in den etwa 5400 Postfilialen mit Bankangebot. Klein will dieses Netz sogar noch weiter ausbauen, indem er einen Teil der neuen "Postpoints" für einfache Bankleistungen aufrüstet. Etwa 900 dieser Minifilialen, die ein eingeschränktes postalisches Alltagssortiment anbieten, hat die Post seit dem vorigen Jahr eingerichtet.
Klein kann sich vorstellen, daraus teilweise "Cashpoints" zu machen, in denen sich Postbankkunden mit Bargeld versorgen können - nicht aus dem Geldautomaten, sondern gegen Vorlage der EC-Karte aus der Ladenkasse. Und wenn die Post weitere eigene Filialen schließt und in Partnerfilialen des Einzelhandels umwandelt, ist das für Klein keineswegs notwendigerweise mit einem Rückzug der Postbank verbunden. Wo es sich auszahlt und möglich ist, werde die Deutsche Postbank mit in die Partnerfilialen wechseln. Bis 2011 ist dieser Umbau für 700 der noch bestehenden 800 Filialen mit posteigenem Personal geplant.
„Bereitsteller von Liquidität ist der Privatkunde“
Klein glaubt, dass die Postbank und das Privatkundengeschäft insgesamt als Gewinner aus der derzeitigen Finanzkrise hervorgehen werden: "Als ich im Sommer als Vorstandschef angefangen habe, sprach jeder von einer Liquiditätsschwemme. Das hat sich dramatisch geändert. Krisenfeste Liquidität hat auf einmal eine riesige Bedeutung bekommen - und der einzige krisenfeste Bereitsteller von Liquidität ist der Privatkunde." Viele vom Kapitalmarkt abhängige Banken haben angesichts der Unsicherheit und des Preisverfalls an den Märkten große Probleme, sich zu refinanzieren. Denn die Banken vertrauen sich gegenseitig nicht mehr und scheuen davor zurück, einander Geld zu leihen. "Auch wir sind manchen Instituten gegenüber vorsichtiger geworden", sagt Klein. Die Postbank selbst hat keine Refinanzierungsschwierigkeiten, denn sie kann schließlich aus dem vollen Pool ihrer Kundeneinlagen schöpfen. Eben weil dieses Geschäft ein sicherer Garant von Liquidität ist, prophezeit Klein eine Renaissance des Privatkundengeschäfts.
Die internationalen Banken manövrieren angesichts der starken Verwerfungen auf den Finanzmärkten abermals durch ein schwieriges Quartal. Der deutlichen Verschlechterung des Marktumfelds werde sich auch die Postbank nicht entziehen können, sagt Klein. "Ich gehe nach wie vor von weiteren Belastungen im ersten Quartal aus, zumal die Marktkrise auch auf andere Asset-Klassen übergegriffen hat." Schon bei der Bilanzvorlage Mitte Februar hatte er die Märkte auf weitere Belastungen eingestimmt.
Unterproportional von der Krise betroffen
Bislang ist die Bank im Vergleich mit Wettbewerbern unterproportional betroffen. Im vergangenen Jahr verzeichnete die Postbank lediglich Wertminderungen von 112 Millionen Euro auf ihr Portfolio wenig besicherter amerikanischer Hypothekenkredite (Subprime). Insgesamt besaß die Postbank zuletzt ein Portfolio an strukturierten Wertpapieren im Volumen von 6,3 Milliarden Euro. Doch ungeachtet der Turbulenzen an den internationalen Kapitalmärkten läuft das operative Geschäft bestens. "Das erste Quartal wird operativ ein gutes. Gerade im Filialbereich haben sich die Zahlen positiv entwickelt", sagt der Vorstandsvorsitzende. Das Versicherungsgeschäft sei beispielsweise verdoppelt worden. Selbst früher bei der Postbank nicht besonders etablierte Produkte wie Ratenkredite würden stark nachgefragt. Zwar werde das Geschäft der Bank immer noch von den Spar- und Giroeinlagen dominiert. Darüber hinausgehende Produkte stünden aber mittlerweile für rund 40 Prozent des Geschäfts. "Das war vor einigen Jahren noch undenkbar."
Nicht durch den Verkaufsprozess blockiert sind kleinere Projekte der Postbank wie die weitere Expansion des Bauspargeschäfts. "Wir beschäftigen uns mit dem Thema Bausparen in Russland. Das hängt aber von der Entwicklung der Gesetzgebung ab", sagt Klein. Auch Wettbewerber der Tochtergesellschaft BHW denken über einen Einstieg in diesen Markt nach. So gab es schon erste Gespräche zwischen dem Bausparer Schwäbisch Hall und der russischen Uralsib Financial Corporation. Doch die Gespräche sind in einem frühen Stadium, weil die deutschen Anbieter noch auf eindeutige Rahmenbedingungen für die russischen Bausparprodukte warten. Auch in Indien sondiert die Postbank weiterhin die Möglichkeiten, das mit der BHW übernommene Bauspargeschäft zu intensivieren.
| Name | Kurs | Prozent |
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