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Investmentbanking : Deshalb braucht es eine Deutsche Bank

  • -Aktualisiert am

Vor den Büros der Deutschen Bank in London Bild: Reuters

Die Deutsche Bank taumelt. Deutsche Konzernlenker machen sich bereit, ihr Kapital zu geben. Warum ist eine deutsche Bank für die Unternehmen so wichtig?

          Der Deutschen Bank geht es schlecht. Nach einer Reihe von Skandalen und Fehlentscheidungen droht ihr aus den Vereinigten Staaten eine Milliardenstrafe, 14 Milliarden Dollar sind gefordert. Gerüchte über Rettungspläne der Bundesregierung und der deutschen Industrie für das bei weitem größte deutsche Geldhaus machen die Runde. Es stellt sich die Deutsche-Bank-Frage: Brauchen wir überhaupt eine große deutsche Bank?

          Die Sache scheint zunächst klar: Die Exportnation Deutschland bedarf einer auf der ganzen Welt tätigen Bank, die ihren Unternehmen bei Geschäften im Ausland und auf internationalen Finanzmärkten zur Seite steht, heißt es. Großfusionen in diesem Jahr zeigen jedoch, dass deutsche Unternehmen durchaus auch auf ausländische Banken vertrauen. Die Mega-Übernahme von Monsanto durch Bayer wurde ohne Beteiligung einer deutschen Bank eingefädelt. Siemens' Windkraftsparte wurde mit dem spanischen Konkurrenten Gamesa zum Windmarkt-Weltmarktführer zusammengeführt – die Transaktion wurde ausschließlich von ausländischen Banken begleitet. Gleiches gilt für Milliardenübernahmen der spanischen Krankenhausgruppe IDC durch den hiesigen Branchenprimus Helios und den amerikanischen Lackspezialisten Chemetall durch BASF. Wenn deutsche Unternehmen auch bei ihren größten Deals ohne eine deutsche Bank auskommen, wozu denken sie dann über Finanzspritzen für die Deutsche Bank nach?

          „Betriebswirtschaftliche Gründe gibt es nicht“ sagt der Kieler Finanzprofessor Peter Nippel. Gerade Großkonzerne sind nicht auf ein deutsches Geldhaus in der Größenordnung der Deutschen Bank angewiesen. „Höchstens für Unternehmen aus der 2. Reihe, aus dem Mittelstand, kann eine große deutsche Bank von Vorteil sein“, sagt der Finanzanalyst Philipp Hässler von Equinet. Allerdings reichten dem Mittelstand kleinere Banken wie die Commerzbank, Helaba oder eben eine „gestutzte Deutsche Bank“ vollkommen aus, um zum Beispiel Geld am Kapitalmarkt aufzunehmen.

          Sollten Lücken durch einen Rückzug der Deutschen Bank entstehen, würden ausländische Konkurrenten diese ohnehin schnell schließen, so Hässler. Schließlich ist der deutsche Markt für Banken aus Amerika und dem europäischen Ausland ausgesprochen attraktiv.

          Deutsche Konzernchefs betonen das Vertrauen

          Trotzdem bekunden deutsche Wirtschaftslenker vollmundig ihre Loyalität gegenüber der Deutschen Bank, sie sollen gar darüber nachdenken, zur Not Kapital zu geben. „Die deutsche Industrie braucht eine Deutsche Bank, die uns in die Welt hinaus begleitet“, sagte  der BASF-Aufsichtsratsvorsitzende Jürgen Hambrecht der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. „Wenn wir auch in Zukunft im weltweiten Wettbewerb bestehen wollen, ist es für uns wichtig, einen global Player wie die Deutsche Bank an unserer Seite zu haben“, bekräftigt RWE-Chef Peter Terium. Für eine exportorientierte Wirtschaft wie die deutsche wäre es schlecht, „wenn wir den Zugang zu den weltweiten Kapitalmärkten nur noch über Banken in anderen Ländern sicher stellen könnten“, sagt Eon-Chef Johannes Teyssen.

          Dax-Chefs betonen immer wieder die zentrale Rolle von „Vertrauen“ in ihrem Verhältnis zur Deutschen Bank. „Vertrauen ist der Anfang von allem“, hieß der Slogan der Deutschen Bank einst – jetzt scheint er sich zu bewahrheiten. Zwar ist die Deutsche Bank nicht mehr das Nervenzentrum der „Deutschland AG“ – war sie 1990 laut Deutscher Monopolkommission noch in Aufsichtsräten von 35 der 100 größten deutschen Unternehmen vertreten, waren es 2014 nur noch 2. Doch das Netzwerk hat sich keineswegs aufgelöst.

          „Auf der Ebene der Topmanager kennt man sich“, so Professor Nippel. Die langjährigen persönlichen Beziehungen zwischen Bankern und Konzernlenkern können echte wirtschaftliche Vorteile bergen. Wenn ein Banker ein Unternehmen beispielsweise durch ein Aufsichtsratsmandat seit Jahren von innen kennt, kann er neue Informationen oftmals schneller und besser einordnen als anonyme Herden externer Investoren. Dieses in der Forschung als „informelle Koordination“ bekannte Prinzip galt lange Zeit als das Erfolgsrezept des deutschen Wirtschaftsmodells.

          Gerade hochkomplexe Geschäfte können auch heute Insiderwissen verlangen. Denkt man an die Unwägbarkeiten des Energiesektors seit der Energiewende, mag es wenig überraschen, dass der Börsengang der RWE Ökosparte Innogy von der Deutschen Bank begleitet wurde. Aus der Deutschen Bank heißt es, dieser politisch sensible und regulatorisch komplexe Börsengang – der größte in Deutschland seit 16 Jahren – wäre ohne eine fest in Deutschland verankerte Großbank nicht realisierbar gewesen.

          In Krisen bleiben heimische Banken stärker

          Vertrauen und Loyalität spielen besonders in Krisenzeiten eine wichtige Rolle. Anders als erbarmungslose Kapitalmärkte, die Verluste in Echtzeit weitergeben, kann eine Bank häufig auch in schlechten Zeiten Kreditlinien aufrechterhalten. Ob eine Bank dazu bereit ist, kann von ihrem Heimatland abhängen, sagt der Frankfurter Finanzprofessor Rainer Haselmann. Gerät eine ausländische Bank in Schieflage, kann es durchaus sein, dass sie ihr Geschäft in Deutschland zurückfährt, auch wenn dieses eigentlich profitabel ist. Das meinen Ökonomen, wenn Sie davon sprechen, dass Banken Krisen auf andere Länder übertragen.

           „Wenn Banken in der Krise sich eher auf den Heimatmarkt konzentrieren und im Notfall hierzu Unterstützung von der Regierung erhalten würden, würde diese Hilfe wegfallen wenn es keine große deutsche Bank mehr gäbe“, so Haselmann. Der Schaden für die Realwirtschaft durch eine Finanzkrise wäre folglich ohne ein Geldhaus wie die Deutsche Bank größer.

          Der Hauptvorteil einer großen deutschen Bank für Industrieunternehmen ist laut Haselmann jedoch politischer Natur. Man stelle sich vor, Siemens hätte sich vor allem bei französischen Banken Geld geliehen und gerät in Zahlungsschwierigkeiten. „In einem solchen Fall fände ich es durchaus denkbar dass die französische Regierung auf die französische Bank einwirkt, um zum Beispiel einem Mitbewerber von Siemens zu helfen“. Ohne eine große deutsche Bank könnten deutsche Unternehmen also ins Hintertreffen geraten. Haselmann gibt zu bedenken: „Trotz europäischer Integration mischen sich Nationalstaaten nach wie vor stark in die Industriepolitik ein“.

          Auch die Regulierung könnte Richtung Amerika gehen

          Betrachtet man den europäischen Bankenmarkt insgesamt, macht sich zunehmend Angst vor einer amerikanischen Übermacht breit. Davor warnt Dorothea Schäfer vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung Berlin: „Ein deutsches Geldhaus in der Größenordnung der Deutschen Bank ist nicht unbedingt notwendig, dafür aber deutsche global tätige Großbanken, die der Preissetzungsmacht der amerikanischen Konkurrenz etwas entgegensetzen können“. In Amerika zahlen Unternehmen deutlich höhere Gebühren als in Europa – nach Schätzungen bis zu 20 Prozent mehr. Ohne Konkurrenten wie die Deutsche Bank, die den amerikanischen Konkurrenten hierzulande Paroli bieten, könnten deutsche Unternehmen diesen höheren Preisen ausgeliefert sein.

          Die zunehmende Dominanz amerikanischer Großbanken beunruhigt europäischer Beobachter auch vor dem Hintergrund der Regulierung von Kapitalmärkten. Wären es zukünftig vor allem amerikanische Banken, die mit Finanzprodukten handeln oder Übernahmen begleiten, verschöbe sich damit die Deutungshoheit in der Finanzregulierung in die Vereinigten Staaten. Wie stabil das europäische Finanzsystem zukünftig ist, würde somit mehr in New York und Washington denn in Berlin und Brüssel bestimmt.

          Quelle: FAZ.NET

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