Die Aktionäre der Deutschen Bank können mit der Amtszeit des scheidenden Vorstandsvorsitzenden Josef Ackermann kaum zufrieden sein. Als der Schweizer im Mai 2002 die Nachfolge von Rolf-E. Breuer übernommen hatte, war Deutschlands größte Bank an der Börse 50 Milliarden Euro wert. Zehn Jahre später sind es nur noch 27 Milliarden Euro. Dazwischen lag im Herbst 2010 eine Kapitalerhöhung von 10 Milliarden Euro, was die Bilanz zusätzlich verschlechtert. Doch auf der Hauptversammlung an diesem Donnerstag wird wohl kaum die Halbierung des Börsenwerts im Mittelpunkt stehen. Einmal mehr dürften angelsächsische Fonds und andere institutionelle Investoren die unglücklichen Umstände in der Nachfolgeregelung im vergangenen Herbst zum Thema machen. Entsprechende Gegenanträge zur Nichtentlastung des Aufsichtsrats sind gestellt.
Umso spannender wäre aber die Frage, welche strategischen Weichenstellungen die künftige Doppelspitze aus Anshu Jain und Jürgen Fitschen plant. Die Aktionäre müssen ebenso wie die Führungskräfte der Bank noch auf die neue Marschrichtung warten. Eigentlich hätte sie schon am 11. April rund 200 Führungskräften präsentiert werden sollen. Doch dieses Treffen in Montreux wurde Mitte März abgesagt, weil es wegen der zahlreichen Änderungen in den Führungsgremien auch in den unteren Ebenen zu Umbesetzungen kommt. Die Zusammensetzung der Führungskräfte im April wäre eine andere gewesen als nun nach dem Machtwechsel. Bislang steht lediglich fest, dass Jains Investmentbanker den neuen Vorstand und das für das Tagesgeschäft verantwortliche Group Executive Committee (GEC) dominieren werden.
Deutsche Bank - zukünftig aus London dominiert?
Dies nährt die Befürchtung, die Deutsche Bank werde in Zukunft von London, dem Sitz des Investmentbanking, aus dominiert. Ähnliche Sorgen hatte es auch schon vor einer Dekade gegeben, als der Schweizer Ackermann als erster Ausländer das Zepter übernommen hatte. Außer Zweifel steht, dass das von Jain verantwortete Investmentbanking für die Deutsche Bank entscheidend bleibt. Hier spielt sie im internationalen Konzert der Großbanken mit und nimmt in wichtigen Bereichen wie dem Anleihe- oder Devisengeschäft stets einen Spitzenplatz ein. Der frühere Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Hilmar Kopper, würdigte vor kurzem als eines der wichtigsten Verdienste Ackermanns den Ausbau des Investmentbanking. Zu diesem Zweck hatte er ihn auch 1996 von der Credit Suisse zur Deutschen Bank geholt.
Wie sehr das von der Entwicklung an den Kapitalmärkten abhängige Investmentbanking die Ergebnisse der Deutschen Bank bestimmt, zeigen die vergangenen Geschäftsjahre. Ein günstiges Kapitalmarktumfeld sorgte 2007 für einen Rekordnettogewinn von 6,5 Milliarden Euro. Nur ein Jahr später musste die Bank im Zuge der Finanzkrise einen Rekordverlust von 3,9 Milliarden Euro ausweisen. Jains Investmentbanking trägt zum Ergebnis der Bank in der Regel zwei Drittel bei - so auch im ersten Quartal 2012. Einzig im vergangenen Geschäftsjahr waren es mit 2,9 Milliarden Euro nur 44 Prozent. Dafür zeigte sich das durch die Übernahme der Postbank gestärkte Privatkundengeschäft umso besser, indem es seinen Gewinn auf 1,8 Milliarden Euro verdoppelte.
Dass die Deutsche Bank nun neben Sparkassen sowie Volks- und Raiffeisenbanken einer der Marktführer im deutschen Filialgeschäft ist, kann als Verdienst Ackermanns gewertet werden. Schon kurz nach seinem Amtsantritt stellte er klar, dass nur eine Bank im Ausland Kunden überzeugen könne, die in ihrem Heimatmarkt die unumstrittene Nummer eins ist. Und dies lässt sich nur über ein schlagkräftiges Filialgeschäft erreichen, das die Deutsche Bank noch vor der Ära Ackermann in die Discount-Marke Deutsche Bank 24 abgeschoben hatte. Auch Jain würdigte zuletzt die Bedeutung des Privatkundengeschäfts und die Übernahme der Postbank.
Zweifel an der Kapitalaustattung
Ihm muss klar sein, dass es einer reinen Investmentbank in Zukunft schwer fallen dürfte, die Investoren von ihrem Geschäftsmodell zu überzeugen. Die hohen Rechtsrisiken der Deutschen Bank - vor allem in Amerika - resultieren aus dem Investmentbanking. Die strengeren Kapitalanforderungen der Aufsichtsbehörden drücken auf die Eigenkapitalrenditen und nähren Zweifel an der Kapitalausstattung der Deutschen Bank. Konkurrenten wie UBS, Credit Suisse, Barclays oder JP Morgan weisen höhere Kapitalquoten auf. Schließlich verschaffen die Kundeneinlagen aus dem Filialgeschäft der Investmentbank eine wichtige Finanzierungsquelle und damit den nötigen Rückhalt, um Stürme an den Börsen zu überstehen. Nach der im Herbst 2008 eskalierten Finanzkrise waren die Kapitalmärkte als Finanzierungsquelle vorübergehend versiegt.
Schließlich sichert das Filialgeschäft zusammen mit der Vermögensverwaltung dem Investmentbanking auch einen wichtigen Vertriebskanal für Produkte wie zum Beispiel Zertifikate oder börsengehandelte Indexfonds (ETFs). So wird die Indexfondstochtergesellschaft DB-X-Trackers auf die Publikumsfondsgesellschaft DWS übertragen. Dass die Vermögensverwaltung künftig mit Michele Faissola ein Investmentbanker und Vertrauter Jains leiten wird, verdeutlicht die angestrebte engere Verzahnung.
Kein Trost für die Aktionäre
Fitschen und Jain wollen, so viel ist bislang bekannt, die Silostrukturen der Bank aufbrechen. Investmentbanking und Privatkundengeschäft sollen also keine Koexistenz unter einem Konzerndach mehr führen, sondern stärker zusammenspielen. Das erinnert an das Modell der beiden Schweizer Großbanken UBS und Credit Suisse. Die beiden Institute bauen aber gerade im Investmentbanking Tausende Stellen ab. Vor allem die UBS hatte sich mit Verbriefungen amerikanischer Immobilienkredite schwer verhoben und musste in der Finanzkrise vom Schweizer Staat aufgefangen werden. Dies spiegelt auch die Aktienkursentwicklung in den vergangenen zehn Jahren wider. Unter Ackermann ist der Deutsche-Bank-Kurs nicht so stark gefallen wie der von UBS oder Credit Suisse. Dass dies die Aktionäre tröstet, darf bezweifelt werden. Zumindest hat die Deutsche Bank die Finanzkrise ohne direkte Kapitalhilfen des Staates überstanden und bewahrte sich damit ihre geschäftspolitische Unabhängigkeit.
Leider hat sich dies nicht in einem höheren Börsenwert niedergeschlagen. Zu seinem Antritt hatte Ackermann noch das Ziel ausgegeben, in die Phalanx der wertvollsten zehn Banken auf der Welt vorzustoßen. Damals lag die Deutsche Bank auf Rang 14, heute ist es nur noch der 35. Platz. An ihr vorbeigezogen sind chinesische Banken und Institute wie zum Beispiel die amerikanische Wells Fargo, die stark im Privatkundengeschäft verankert sind. Den regionalen Schwerpunkt haben Jain und Fitschen schon auf Asien und andere Schwellenländer gelegt. Dass die Investoren das Privatkundengeschäft schätzen, zeigt Wells Fargo. Nun ist es an der Zeit, dass die künftige Doppelspitze den Aktionären und Mitarbeitern aufzeigt, wie die neue Bank auch in der Börsenbewertung zur Spitzengruppe aufschließen will. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft eine große Lücke.
Überall wird mit Wasser gekocht-auch in Banken.
günther reichert (g.reichert)
- 31.05.2012, 09:34 Uhr
get "best" or die tryin?
Sergej Strutschkow (HiobsSohn)
- 31.05.2012, 08:39 Uhr
Bankenzyklus, Bankerethik
Klaus Michael Strauss (kmstFAZ)
- 31.05.2012, 06:57 Uhr
