26.05.2009 · Deutsche-Bank-Chef Ackermann erwartet keine rasche Erholung der Konjunktur. „Auch 2009 wird kein einfaches Jahr“, sagte er auf der Hauptversammlung in Frankfurt. Einen offenen Machtkampf zwischen Ackermann und Börsig gibt es allerdings nicht vor den Aktionären. Stattdessen verteidigt der Aufsichtsrat seinen Chef.
Von Markus Frühauf und Hanno MußlerDie Deutsche Bank stellt sich auf ein unverändert schwieriges Jahr ein. Vorstandschef Josef Ackermann erwartet keine rasche Erholung der Konjunktur. „Auch 2009 wird kein einfaches Jahr“, sagte der Schweizer auf der Hauptversammlung in Frankfurt. Einen offenen Machtkampf zwischen Ackermann und Aufsichtsratschef Clemens Börsig gibt es allerdings nicht vor den Aktionären. Stattdessen verteidigt der Aufsichtsrat seinen Chef gegen Kritik.
Der Aufsichtsrat habe bei der Suche nach einem Nachfolger für Bankchef Josef Ackermann zwar durchaus alle Alternativen bedacht - bis hin zu der Notwendigkeit, „Börsig in die Pflicht zu nehmen“, sagte Aufsichtsrat Tilman Todenhöfer bei der Hauptversammlung. Börsig habe jedoch deutlich gemacht, „dass er in dieser Hinsicht keinerlei Ambitionen hat, sondern Vorsitzender des Aufsichtsrates bleiben möchte“. Börsig habe während des gesamten Prozesses „keine eigenen Ziele verfolgt“, betonte der Vorsitzende des mit Personalfragen betrauten Präsidialausschusses des Aufsichtsrates.
Zur Erinnerung: Am Abend des 27. April teilte der Aufsichtsrat mit, dass Ackermann seinen Vertrag um drei weitere Jahre bis Mai 2013 verlängern wird.
Börsig vor dem Rücktritt?
Ursprünglich wollte der 61 Jahre alte Ackermann auf der Hauptversammlung am 27. Mai 2010 zurücktreten. Doch die Suche nach einem geeignetem Nachfolger, die die Aufgabe des Aufsichtsratschefs Börsig war, gestaltete sich schwierig. Kurzerhand soll sich Börsig dazu entschlossen haben, selbst vom Aufsichtsratsvorsitz auf den Vorstandsvorsitz zu wechseln. Doch der 60 Jahre alte frühere Finanz- und Risikovorstand fand für seine eigene Rückbeförderung ins operative Geschäft nicht die Rückendeckung der institutionellen Investoren und der Arbeitnehmer im Aufsichtsrat. Als Lösung des Führungsdebakels bleibt Ackermann nun weiterhin im Chefsessel von Deutschlands größter Bank.
Von einer Demontage des Aufsichtsratsvorsitzenden spricht Klaus Nieding von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Die Instrumente zu dieser Demontage habe Börsig selbst geliefert, denn er habe auf der Suche nach einem Nachfolger für Ackermann mehr als unglücklich agiert. Nieding erwartet, dass Börsig noch die Hauptversammlung leiten und dann nach einer Schamfrist seinen Rücktritt erklären wird.
Schwierige Suche nach einem Nachfolger
Per Gerichtsbeschluss könnte die Deutsche Bank dann einen neuen Aufsichtsrat für den frei werdenden Sitz bestellen oder gleich einen der stellvertretenden Mitglieder in das Gremium aufrücken lassen. Doch wer soll Börsigs Nachfolger werden? Die Suche, zumal in diesem Fall unter Zeitdruck, dürfte sich noch schwieriger gestalten als die in der Personalie Ackermann. In Medienberichten fiel der Name des früheren SAP-Vorstandschefs Henning Kagermann. Dieser hätte den Aufsichtsratsvorsitz übernommen, wenn Börsig auf Ackermanns Posten gewechselt wäre. Demnach soll Börsig damit gerechnet haben, bereits auf dieser Hauptversammlung das Zepter übernehmen zu können. Angeblich wäre Ackermann dazu bereit gewesen, um einen reibungslosen Übergang zu ermöglichen. Allerdings gibt es keine öffentlichen Aussagen Ackermanns, die darauf schließen lassen, dass er bereit gewesen wäre, ein Jahr früher als geplant zurückzutreten.
Der Name von Kagermann als oberster Aufseher der Deutschen Bank dürfte gleichwohl verbrannt sein, falls die Gerüchte zutreffen. Ebenso lässt sich nur schwer vorstellen, dass die künftige Zusammenarbeit zwischen Ackermann und Börsig von diesen Vorgängen unbelastet bleibt. Zwar hat der Aufsichtsrat der Deutschen Bank Börsig wenige Tage nach Bekanntwerden des Gerangels um die Vorstandsspitze das Vertrauen ausgesprochen. Doch dies zeigt nur, wie schwach die Position Börsigs derzeit ist. Allerdings hat der frühere Industriemanager, der über Stationen bei Mannesmann, Bosch und RWE 1999 zur Deutschen Bank stieß, in der Vergangenheit schon manches einfach ausgesessen. So ließ sich Börsig vor drei Jahren trotz öffentlicher Proteste nach seinem Wechsel an die Aufsichtsratsspitze seinen Vorstandsvertrag mit 17 Millionen Euro auszahlen.
Bereitmachen für größere Zukäufe
Der starke Mann an der Spitze der Deutschen Bank ist nun zunächst mehr als je zuvor Ackermann. Das hat auch strategische Bedeutung. Denn nun ist sicher, dass das Investmentbanking einen hohen Stellenwert behält. Hätte Börsig das Zepter übernommen, hätte womöglich das Privatkundengeschäft Auftrieb erhalten. Die Hauptversammlung soll dem Vorstand der Deutschen Bank auch einen neuen Rahmen für Grundkapitalerhöhungen von insgesamt 620 Millionen Euro bereit stellen. Einschließlich noch gültiger Beschlüsse wäre dann eine Steigerung um 790 Millionen Euro oder fast 50 Prozent des Grundkapitals möglich. Ackermann plant zwar derzeit keine größeren Zukäufe, will aber Chancen in der Zukunft nutzen können - womöglich gar im Investmentbanking.
Ackermann kontrolliert mit Börsig ein schwacher Aufsichtsratschef. Diese Konstellation wirft Fragen bezüglich der Grundsätze guter Unternehmensführung auf. Die Deutsche Bank als Branchenprimus und Aushängeschild der deutschen Wirtschaft gibt sich eine Blöße. Es steht zu erwarten, dass gerade auch die Vertreter des Münchener Medienunternehmers Leo Kirch die Hauptversammlung dazu nutzen werden, ihre Schadenfreude über Börsigs unglückliches Agieren offen Ausdruck zu verleihen. Niemand anderes als Kirch ist dafür verantwortlich, dass vor drei Jahren der Finanzvorstand Börsig an die Spitze des Aufsichtsrats wechseln musste.
Denn der damalige Aufsichtsratsvorsitzende Rolf-E. Breuer war zurückgetreten, weil er nach einer Teilniederlage im Kirch-Prozess eine mögliche Nicht-Entlastung auf der Hauptversammlung im Juni 2006 offenbar vermeiden wollte. Kirch überzieht die Deutsche Bank seit Jahren mit Klagen, weil er die Aussagen Breuers, die dieser in einem Fernsehinterview im Februar 2002 über die finanzielle Lage der Mediengruppe gemacht hatte, als wesentliche Ursache für den Zusammenbruch seines Imperiums wertet.
Gerüchte über Datenaffäre
Kurz vor der Hauptversammlung hat sich noch ein weiteres Angriffsfeld aufgetan. Womöglich sind Personen aus dem Umfeld der Deutschen Bank bespitzelt worden. Wie berichtet, hat die Bankenaufsicht eine Sonderprüfung begonnen. Dies ist insofern bemerkenswert, als die Bankenaufsicht noch vor einer Woche über Überlastung klagte. Die Deutsche Bank indes wiegelt noch ab. Es handele sich nach bisherigen Erkenntnissen nur um wenige Verstöße der Abteilung Konzernsicherheit. Ackermann, Börsig und die Datenaffäre - die Deutsche Bank hat ihren Aktionären vor der Hauptversammlung eine Bühne bereitet wie lange nicht.
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