03.05.2009 · Eklat in der Deutschen Bank: Ackermann wird Nachfolger von Ackermann. Als ob er es selbst geplant hätte. Und in der Tat: Der Coup war aktiv vorbereitet. Großer Verlierer ist Clemens Börsig. Der Aufsichtsratschef scheitert grandios.
Von Christian SiedenbiedelMontag vergangener Woche, 10 Uhr. Bei der Deutschen Bank in Frankfurt passieren geheimnisvolle Dinge. Clemens Börsig, der in der Öffentlichkeit wenig bekannte Aufsichtsratschef der Deutschen Bank, präsentiert den verblüfften Mitgliedern des Aufsichtsrats einen Nachfolger für den ebenso berühmten wie umstrittenen Bankchef Josef Ackermann: sich selbst. Seit Monaten war spekuliert und gestritten worden, wer demnächst Ackermann nachfolgen könnte. Und jetzt das. Börsig, der Mann, der qua Amtes die Nachfolge regeln muss, entscheidet sich für sich selbst.
Siebeneinhalb Stunden später, wieder in Frankfurt. Die Mitglieder des Aufsichtsrates sitzen abermals zusammen. Mittlerweile aber ist alles anders. Das Präsidium des Aufsichtsrats verkündet, man habe sich von dem Vorschlag, Börsig solle Bankchef werden, wieder entfernt. Stattdessen muss nun ausgerechnet Börsig Ackermann darum bitten, er möge noch drei Jahre länger im Amt bleiben.
Der Eklat ist perfekt. Ein Aufsichtsratschef macht den Versuch, sich selbst an die Vorstandsspitze des Unternehmens zu hieven, und scheitert grandios. Eine Riesenblamage. Wer oder was hat Börsig in die Katastrophe getrieben? Und vor allem: Was wusste Ackermann, und wann hat er sich entschieden, seinen früheren Entschluss zu revidieren?
Aufsichtsrat nehme die Aufgabe „sehr ernst“
Aufseher Börsig musste der Meinung sein, er habe alles geschickt eingefädelt. Seit vorigem Jahr war er offiziell damit beauftragt, einen Ackermann-Nachfolger zu suchen. Passiert ist wenig. Immer wieder versicherte er, der Aufsichtsrat sei "dran" und er nehme die Aufgabe "sehr ernst". Ausschließen, dass er es am Ende selber werden könnte, das wollte er in Interviews nie. Richtig ernst genommen aber hatte das keiner, entspricht es doch nicht wirklich guter Sitte, dass ein Aufseher sich selbst für den Platz des Beaufsichtigten empfiehlt.
Börsig aber meinte es ernst. Seit langem befand er sich in Wartestellung. Genau vor drei Jahren, mit damals erst 57 Jahren, war er, für deutsche Verhältnisse ausgesprochen früh, von seinem Posten als Finanzvorstand der Deutschen Bank in den Aufsichtsratsvorsitz gewechselt. Angedeutet hatte er bisweilen, dass er sich auch die Leitung des operativen Geschäftes zutraute. So lancierte er nach dem Mannesmann-Prozess 2006, wenn Ackermann verurteilt worden wäre, hätte Börsig zur Übernahme der Bankführung bereitgestanden.
Aufbrausend und von sattem Selbstbewusstsein
Zug um Zug hat Börsig seine eigene Inthronisation betrieben: Der Mann ist nicht nur ehrgeizig, aufbrausend und von sattem Selbstbewusstsein. Immer schon neigte er auch zum Alleingang. Während er gerne gewähren ließ, dass wochenlang in allen Magazinen alle möglichen Namen für die Ackermann-Nachfolge durchspekuliert wurden, gelang es ihm, mehr oder weniger im Verborgenen Schritt für Schritt eine Unterstützerfraktion für seine eigenen Interessen aufzubauen. Wichtigster Etappensieg: Tilmann Todenhöfer, Mitglied des Deutsche-Bank-Aufsichtsrats und mit Börsig seit gemeinsamen Tagen beim Stuttgarter Automobilzulieferer Bosch gut bekannt, versprach Unterstützung. Im Vorstand der Bank ließ zudem der Inder Anshu Jain verlauten, zuständig für das Investmentbanking, er sei für Börsig. Jain hatte Ackermann lange selbst beerben wollen, ließ in London verbreiten, er lerne Deutsch - und traf sich mit deutschen Politikern an der Themse.
Jetzt aber war er chancenlos - angesichts des krisenbedingten Imageschadens des Investmentbankings. Sogar einen Nachfolger als Aufsichtsratschef hatten die Börsig-Freunde schon ausgesucht: Henning Kagermann, den Chef von SAP. Nur mit einem hatte Börsig offenbar nicht gerechnet: dass sein größter Konkurrent im Kampf um die Rolle des neuen Bankchefs jemand vollkommen anderes sein würde, als alle spekuliert hatten: der alte nämlich.
So klar im Nachhinein die Rolle des Verlierers Clemens Börsig sich darstellt, so unklar ist die Rolle Josef Ackermanns. Dass er tatsächlich im Frühjahr 2010 - dann 62 Jahre alt - aus der Bank ausscheiden wollte, wird man ihm als lautere Absicht glauben dürfen. Aber wann hat Ackermann selbst davon erfahren, dass der, der seinen Nachfolger suchen sollte, sein Nachfolger werden wollte und ihn womöglich schon ein Jahr früher beerben wollte?
Der Coup war aktiv vorbereitet
Klar ist: Ackermann hat nicht erst am vergangenen Montag beschlossen, sich noch einmal in die Pflicht nehmen zu lassen. Der Coup war aktiv vorbereitet. "Es ist sicher, dass Ackermann das schon vor dem Montag beschlossen hatte", sagt ein Aufsichtsratsmitglied. Ackermanns Motiv: das bei Top-Managern (allerdings auch bei ganz normalen Männern) verbreitete Gefühl, es am Ende doch selbst am besten zu können. Gezielt schickte Ackermann Vertraute und Anhänger aus, bei wichtigen Aktionären (ausländischen Fonds und Versicherungen) vorzufühlen, ob Ackermann nicht doch der bessere Chef sei. Angesichts der jetzt wieder guten Zahlen war das im Ausland kein Thema: Klar sei er das.
Die Antwort kam den Ackermann-Leuten zupass, bot sie doch die Möglichkeit, die aktive Rolle des Altneuen möglichst herunterzuspielen. Wie viel schöner ist es, in der Not gebeten zu werden, als von seinem Amt nicht lassen zu können. Wichtige Aufsichtsräte der Kapitalseite ließen sich überzeugen. Selbst die Arbeitnehmervertreter stimmten am Ende für den alten Chef. Und Berlin, wo Ackermann sich zuletzt unbeliebt gemacht hat mit seinem Diktum, er würde sich "schämen", für seine Bank Staatsgeld anzunehmen, ließ ausrichten, man habe lieber einen starken Ackermann als einen schwachen Börsig.
Börsig wurde ausgebremst
Am Ende war der Coup perfekt. Börsig wurde ausgebremst. Er ist am Ende. Die Ackermann-Leute flüstern jedem zu, der es hören will, Börsig werde, wenngleich heute noch uneinsichtig, bald zurücktreten. Eine Pressemitteilung vom Donnerstag, der Aufsichtsrat spreche Börsig das "volle Vertrauen" aus, unterstützte den Eindruck: Das Bekenntnis zu sich hat Börsig selbst verfasst.
Ackermann aber darf weitermachen. Golfspielen kann er später noch, auch die Universität des dritten Lebensalters kann warten. Und alle sind sie auf einmal zufrieden: Die Mitarbeiter auf seinem Flur geben Standing Ovations.
Coup hin oder her, Dr. Ackermann musste bleiben!
Melita Zimmermann (melitaz)
- 03.05.2009, 14:21 Uhr
Ackermann ist der richtige Mann!!!
Stefan Schaller (hnosteve)
- 03.05.2009, 14:31 Uhr
Es kann
Kay Schmelzer (weitererfazleser)
- 03.05.2009, 14:38 Uhr
Um wieviel besser
Mona Vogelsang (Aghapi)
- 03.05.2009, 14:49 Uhr
Clemens Börsig ist eben kein Gegner für das alte Schlachtroß Ackermann.
Karl-Heinz Andresen (khaproperty)
- 03.05.2009, 20:41 Uhr
Christian Siedenbiedel Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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