Home
http://www.faz.net/-gqi-qb0c
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Deutsche Bahn "Teure Energie heißt, wir müssen die Preise erhöhen"

03.05.2005 ·  Der Fernverkehr ein Verlustbringer, große Konkurrenz durch Billigflugangebote: Bahnchef Hartmut Mehdorn zu den Auswirkungen der Ölpreise auf das Bahnfahren - ein F.A.Z.-Interview.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Der Fernverkehr ist seit einigen Jahren ein Verlustbringer der Deutschen Bahn. Ein Minus in dreistelliger Millionenhöhe belastet das Betriebsergebnis - die Konkurrenz durch Billigflugangebote spürt die Bahn heftig. Die Neubaustrecke Berlin-Hamburg und Sonderangebote auf den Fernverbindungen haben den negativen Trend inzwischen gestoppt. Der Fernverkehr erholt sich; im ersten Quartal ist der Verlust geringer ausgefallen als befürchtet. Zur Relativierung des Erfolgs der fliegenden Wettbewerber tragen die hohen Kerosinaufschläge bei. Doch auch die Bahn ist vom hohen Ölpreis nicht unberührt. Preisaufschläge sind nicht ausgeschlossen.

Die Autofahrer und die Fluggesellschaften stöhnen unter den hohen Energiekosten, die Lufthansa hat gerade die Kerosinzuschläge für Langstrecken erhöht. Muß auch die Bahn handeln?

Darüber reden wir erst dann, wenn entschieden wird. Aber ich mache mir schon Sorgen um die Explosion der Energiepreise. Die Bahn ist der größte Energieabnehmer und der mit Abstand größte Mineralöl- und Ökosteuerzahler der Republik. Und wenn andere, die im Gegensatz zur Bahn von den hohen Steuern und Abgaben auf Energie befreit sind, jetzt kräftige Zuschläge erheben, kann ich für die Bahn nur sagen: Auch wir können die steigenden Energiepreise, auf die wir dann ja auch noch entsprechend höhere Steuern zahlen müssen, natürlich nicht einfach mal eben so kompensieren.

Also wird Bahnfahren bald teurer?

Das kann und werde ich heute nicht sagen. Aber klar ist: Wenn die Energiepreise auf diesem hohen Niveau bleiben oder sogar noch weiter deutlich steigen, werden wir reagieren und das in irgendeiner Form weitergeben müssen. Wir sind ein Wirtschaftsunternehmen wie jedes andere auch.

Sie wollen doch mehr Verkehr auf die Schiene holen. Muß Bahnfahren da nicht eher billiger werden?

Erstens liegen unsere Normalpreise heute nach wie vor auf dem Preisniveau von 1997, damit ist Bahnfahren äußerst preiswert. Zweitens nutzen vier von fünf Kunden unsere großzügigen Rabatte und Aktionsangebote. Drittens müssen diejenigen, die immer nach mehr Verkehrsverlagerung auf die Schiene rufen, für gleiche Wettbewerbsbedingungen unter den Verkehrsträgern sorgen. Es kann nicht sein, daß die Bahn Explosionen der Marktpreise für Energie von bis zu 50 Prozent seit dem Jahr 2000 einfach so verkraften soll und gleichzeitig auch noch die um 30 Prozent gestiegenen Abgaben und Steuern darauf.

Was kostet denn die Bahn die Energie?

Die Deutsche Bahn AG hat 2004 rund 1,15 Milliarden Euro für Strom und Diesel ausgegeben und rund 380 Millionen Euro für Steuern und Abgaben. Und die zahlt der Luftverkehr nicht. Da muß sich dann keiner wundern, daß die vom Steuerzahler großzügigst subventionierten Billigflieger der Schiene mit Dumpingangeboten Konkurrenz machen können. Das ist mit öffentlichen Geldern subventionierter ökonomischer und ökologischer Unsinn, der dringend revidiert gehört.

Die Besteuerung des Luftverkehrs ist ja wesentlich von europäischen und internationalen Vorgaben bestimmt. Glauben Sie wirklich, daß die Bundesregierung an diesem Hebel drehen wird?

Ich bin ja ein positiv denkender Mensch und gebe die Hoffnung nie auf. Je eher die Bahn anderen Verkehrsträgern bei Rahmen- und Wettbewerbsbedingungen gleichgestellt wird, desto mehr wird sie ihren ökologischen und ökonomischen Beitrag dazu leisten können, im Transitland Deutschland den Verkehrskollaps zu verhindern. Die Politik denkt da genau wie wir, sie ist jedoch noch durch europäische Hindernisse nicht in der Lage zu handeln, so hören wir jedenfalls.

Die Bahn wird dieses Jahr voraussichtlich wieder Mühe haben, die staatlichen Infrastrukturmittel von 3,5 Milliarden Euro vollständig auszugeben. Droht nicht der Kollaps, wenn die Bahn zu wenig Geld für die Wartung des Schienennetzes ausgibt?

Keinesfalls. Es sind leider immer wieder dieselben Leute, die der Bahn ihre Erfolge kaputtreden wollen. Es gibt kein Instandhaltungsproblem bei der Bahn und schon gar kein Sicherheitsproblem. Bei 7000 Verkehrstoten auf der Straße im vergangenen Jahr und null auf der Schiene über ein unsicheres Netz zu reden ist schon atemberaubend. In keinem Land der Welt gibt es ein so enges und gut gepflegtes Schienennetz wie bei uns. Wir tun mit viel Geld und Personal alles dafür, daß das so bleibt. Wer Prüfberichte unserer Inspektoren und Arbeitspläne allerdings als Anzeichen für Unsicherheit interpretiert, versteht wohl nichts von der Bahn.

Aber Sie wollen doch für Investitionen nötiges, eigenes Geld sparen, damit die Bahn an die Börse gehen kann.

Ja, wir sparen, wie jedes andere Unternehmen auch. Das hat aber nichts mit unserem Börsengang zu tun. Hier wollen Leute Stimmung gegen die Bahn machen, die heimlich von einer Staatsbahn träumen, auch wenn sie sich der Staat nicht leisten kann. Wir wollen den Steuerzahler entlasten, indem wir rationalisieren, Kosten senken, mehr Menschen und Güter transportieren. Und wir brauchen Kapital, um weiter investieren zu können, zum Wohl unserer Kunden. Wie ein normales privates Unternehmen. Das sind zwei grundverschiedene Denkrichtungen.

Die Fragen stellte Kerstin Schwenn

Quelle: F.A.Z., 3. Mai 2005
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Die Förderlücke

Von Heike Göbel

Der Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld ist ein Ausweis unbelehrbaren Glaubens an die unbegrenzte Leistungsfähigkeit des Sozialstaates. Dass Eltern ihre Kinder, wie seit Menschengedenken, unbezahlt hüten, ist in Deutschland offenbar nicht mehr denkbar. Mehr 25 39

30.05.2012 15:21 Uhr
  Vortag
Dax 6.312,61 −1,32%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.375,45 −1,34%
Dow Jones 12.580,70 +1,01%
EUR/USD 1,2428 −0,48%
Rohöl Brent Crude 104,33 $ −2,36%
Gold 1.579,50 $ 0,00%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.