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Deutsche Bahn Große Enttäuschung beim 80-Millionen-Euro-Spiel

31.07.2011 ·  Zur Frauenfußball-WM haben Deutsche Bahn und Rewe 250.000 Fahrkarten verlost - und wurden zum Opfer des eigenen Erfolgs. Nun fühlen die Gewinner sich verprellt: Die Bahn liefert nicht. Die Organisatoren hatten das Interesse unterschätzt.

Von Christian Siedenbiedel
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Ute Lawnick ist enttäuscht. Die junge Frau aus der Nähe von Gießen hatte sich so darauf gefreut, mit der Eisenbahn mit ihren Kindern zu Oma und Opa ins schöne Freiburg zu fahren. Schließlich hatte sie bei einem Gewinnspiel der Deutschen Bahn und der Supermarktkette Rewe zur Frauenfußball-WM eine Freifahrt gewonnen: kostenlos mit dem Zug durch Deutschland, so weit sie will.

Doch aus dem Mehr-Generationen-Treff im Breisgau scheint nichts zu werden: Seit immerhin zweieinhalb Wochen wartet die Frau darauf, dass ihr die Fahrkarte endlich zugestellt wird. Jetzt rückt das Ende der Schulferien in Hessen bedrohlich näher: Nur noch bis zum nächsten Wochenende ist frei. Und was noch schlimmer ist: Die Freifahrt ist nur bis Anfang September gültig. In den Herbstferien ist es also definitiv zu spät.

„Papa, Mama, gehen wir heute zu Rewe?“

Offenkundig ist die Frau aus Hessen kein Einzelfall: Auf Nachfrage bestätigen die Organisatoren, dass viele Leute derzeit auf ihre Freifahrten aus dem Gewinnspiel warten müssen. „Es gibt bei der Bahn offenbar einen Stau“, sagte ein Rewe-Sprecher. „Die Leute müssen etwas Geduld haben.“ Interessant ist: Es scheint nicht einfach um jene Langwierigkeit zu gehen, die Verwaltungsprozessen auch in Deutschland bisweilen zu eigen ist. Nein, offenkundig sind die Organisatoren von der Nachfrage regelrecht überrannt worden: Bahn und Rewe wurden Opfer ausgerechnet des eigenen Erfolgs.

Wie kam es dazu? Die Supermarktkette Rewe hatte schon in der Vergangenheit einigen Erfolg damit, an den Kassen Sammelbildchen zu verteilen. Während viele Leute nach dem Einkauf routinemäßig den Kopf schütteln, wenn die Kassiererin beim Zahlen fragt, ob sie „auch noch Treuepunkte“ haben wollten, ist das bei den Sammelbildchen offenbar anders. Vor allem die Tier-Sammelbilder, die Rewe im Mai zusammen mit der Tierschutzorganisation WWF aufgelegt hatte, entwickelten sich zu einem solchen Renner, dass Sammelalben nachgedruckt werden mussten. Kinder, die sich sonst nur widerwillig zum Einkaufen mitschleppen ließen, quengelten bei ihren Eltern auf einmal: „Papa, Mama, gehen wir heute zu Rewe?“ Auf diesen Marketing-Erfolg wollte die Bahn aufspringen – hat aber das Ausmaß der möglichen Reaktionen wohl unterschätzt.

Zur Fußball-WM der Frauen, bei der Bahnchef Rüdiger Grube als Sponsor auftrat, legten Bahn und Rewe eine eigene Sammelbildchen-Aktion auf. Sie gewannen den Sticker-Produzenten Panini dafür, erstmals in der Geschichte seines sonst männerlastigen Produkts auch Fußballsammelbilder mit weiblichen Spielern aufzulegen. Und außerdem Bilder von den neun Stadien der Weltmeisterschaft in Deutschland.

Viel Gemecker im Internet

Die Bahn wollte das Großereignis nutzen, um neue Fahrgäste zu gewinnen. Deshalb gab es in einigen der Sammelbildchen-Tüten Sofortgewinne über zehn Euro, einzulösen als Gutschein bei einer Bahnfahrt – sofern der Fahrpreis mehr als 40 Euro beträgt. Größere Preise sollte es unter anderem geben, wenn jemand alle neun Stadien der WM zusammenbekam, aufklebte, und an eine Adresse der Bahn in Essen schickte. Das war, was die Frau aus Hessen gemacht hat.

Bahn und Rewe warben damit, Preise im Wert von 80 Millionen Euro zu vergeben. Sie hatten nach eigenen Angaben eine „hohe zweistellige Millionenzahl“ von Stickern unters Volk gebracht. Nun wollte die Bahn, die alle Preise gestiftet hat, aber nicht so viele Freifahrten vergeben. Was machte sie also? Die Bilder der Stadien von Wolfsburg, Sinsheim, Berlin, Mönchengladbach, Bochum, Leverkusen, Dresden und Augsburg gab es in Hülle und Fülle. Nur die Commerzbank-Arena in Frankfurt, in der später das Endspiel zwischen Japan und Amerika ausgetragen werden sollte, gab es genau 250.000 Mal. Sie war sozusagen das entscheidende Glückslos für die Freifahrt.

Im Internet gab es damals viel Gemecker, diese Art der Glücksspiel-Konstruktion verschaukele die Spieler. Sogar die Verbraucherzentrale in Hamburg fühlte sich bemüßigt, das Verfahren als „grenzwertig“ zu kritisieren. Gleichwohl verhinderte die Knappheit der Frankfurter Stadien offenbar nicht, dass rauhe Massen von Menschen bei dem Gewinnspiel mitmachten. Ob es das eingeübte Verhalten von den Tier-Sammelbildern war oder die Aussicht auf eine Zugfahrt im Sommer für lau: Obwohl das Interesse an den Bildern der Spielerinnen nach Aussagen von Rewe-Kassiererinnen abnahm, als Deutschland aus dem Turnier flog, sollen für das Gewinnspiel der Bahn in Essen seit Juni täglich mehr als tausend Zuschriften eingehen.

Bis Anfang September ist ja noch etwas Zeit

Damit hatten offenbar weder die Bahn noch Rewe gerechnet. „Als Maßgabe hatten wir uns gesetzt, jeden Gewinn innerhalb einer Woche zu bearbeiten“, sagte ein Rewe-Sprecher. „Aber jetzt ist der Einsendeschluss sogar schon vorbei – und der Strom der Zuschriften ebbt nicht ab.“ Die Leute von der Bahn reden sich heraus, oft seien die Absender so unleserlich geschrieben, dass sie erst beim Einwohnermeldeamt die genaue Anschrift recherchieren müssten. Zur Beruhigung der Gewinner kündigten sie außerdem an, trotz des Ablaufs der Einsendefrist die eingehenden Briefe weiter zu bearbeiten. Und außerdem sei bis Anfang September ja noch etwas Zeit, die Freifahrt einzulösen.

Die Frau aus der Nähe von Gießen auf jeden Fall hat keinen richtig guten Eindruck von der Bahn gewonnen. Und zwar nicht, weil irgendwelche Züge zu spät waren oder zu voll. So weit ist sie ja gar nicht gekommen. Aber als sie die Bahn-Hotline anrief, wann sie ihren Gewinn denn endlich bekomme, da wurde ihr nur gesagt: „Sie sind nicht die Erste, die deshalb anruft. Aber wir haben selbst keine Telefonnummer von den zuständigen Leuten in Essen. Ich kann Sie nur um Geduld bitten.“

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Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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