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Deutsche Bahn Das System Mehdorn

30.01.2009 ·  Zu gern sähe Bahn-Chef Hartmut Mehdorn seinen Konzern wegen der Milliardengewinne und Millionenakquisitionen in den Medien. Doch es sind andere Schlagzeilen, die das Unternehmen produziert. Dies hat auch damit zu tun, dass der Bahn-Chef dem Börsenziel alles untergeordnet hat - auch die Transparenz.

Von Kerstin Schwenn
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Zu gern sähe Bahn-Chef Hartmut Mehdorn seinen Konzern wegen der Milliardengewinne und Millionenakquisitionen in den Schlagzeilen. Stattdessen gibt es dort Pleiten und Pannen: Spitzelaffäre, Streiks, Achsenprobleme und vielleicht Kurzarbeit im Güterverkehr. Das Scheitern des Börsengangs ist noch nicht verdaut, da muss sich die Bahn schon wieder im Krisenmanagement beweisen. Doch das, was der Bahn in diesen Tagen widerfährt, hat seine Ursache nicht nur in der Wirtschaftskrise oder bloßem Pech. Die Bahn-Führung, allen voran Mehdorn, hat dazu ihren Beitrag geleistet.

Zum einen geht es um die Vorgänge, die jetzt verkürzt „Spitzelaffäre“ heißen: In den Jahren 2002 und 2003 unternahm die Bahn mit Hilfe der Detektei Network einen umfassenden Abgleich zwischen den Daten von 173.000 Mitarbeitern und 80.000 Lieferanten. Dadurch versuchte sie jenen schwarzen Schafen im eigenen Haus auf die Schliche zu kommen, die ihr Salär durch Bestechung und Bestechlichkeit aufbesserten. Seit je gilt die Bahn als korruptionsanfällig. Kein Wunder: Sie vergibt Aufträge für 20 Milliarden Euro im Jahr. Sich gegen Kriminelle zu wehren ist das Recht jedes Unternehmens – nicht zuletzt im Interesse der Steuerzahler und Kunden, die am Ende den Aufpreis für Mauscheleien und Vetternwirtschaft zahlen müssen.

Von der Überprüfung erfuhr nicht einmal der Betriebsrat

Von der großangelegten Überprüfung erfuhr indes auch nachträglich niemand, nicht einmal der Betriebsrat. Im vergangenen Sommer, als die Spitzeleien bei der Telekom und Lidl ans Licht kamen, berichtete der Korruptionsermittler der Bahn, Wolfgang Schaupensteiner, dass auch die Bahn wie die Telekom mit Network zusammengearbeitet habe, der fragwürdige Methoden nachgesagt werden. Keine Rede war von der Dimension, die jetzt scheibchenweise bekannt wird: Erst wurde fast die ganze Belegschaft überprüft (Aktion „Babylon“), später noch einmal 1000 leitende Mitarbeiter samt Ehepartner („Eichhörnchen“).

Den Aufsichtsrat interessierte angeblich damals nur die Zusicherung, dass die Bahn weder Aufsichtsräte noch Journalisten ausgespäht und niemand sich einer Straftat schuldig gemacht habe. Dabei wäre es spätestens zu diesem Zeitpunkt angebracht gewesen, das zu offenbaren, was die Opposition jetzt Rasterfahndung nennt. Doch diese Transparenz verweigerte der Bahn-Vorstand – ein Schelm, wer Böses dabei denkt und eine Verbindung zieht zum damals noch für Oktober geplanten Börsengang, auf den Mehdorn seinen Konzern voll ausgerichtet hatte.

Nicht von ungefähr fällt in diese Phase ein anderer Fall unzureichender Transparenz: das Problem mit den bruchanfälligen ICE-Achsen. Im Juli war in Köln ein Zug verunglückt, im August gab es erste Untersuchungen, die nahelegten, dass es sich bei dem Achsriss nicht nur um einen Einzelfall handelte. An die Öffentlichkeit ging die Bahn aber – auch auf Druck des Eisenbahnbundesamtes – erst unmittelbar nach der Absage des Börsengangs im Oktober, als die nötigen Werkstatt-Rückrufaktionen zu starken Behinderungen im Bahnverkehr führten.

Mehdorn schätzte die Macht des Parlaments zu gering

Mehdorns Haltung, alles dem Börsenziel unterzuordnen, war (und ist) im Konzern allenthalben zu spüren. Er setzte dabei auf starke Partner – auf das Kanzleramt und die Bahngewerkschaft Transnet. Diese Strategie erwies sich partiell als richtig, denn der Börsengang scheiterte nicht an der Politik oder den Arbeitnehmervertretern, sondern unglücklich wegen der Wirtschaftskrise. Doch die Kehrseite der Strategie ist nicht auszublenden: Mehdorn schätzte die Macht des Parlaments zu gering, sonst wäre der Börsengang wohl schon früher über die Bühne gegangen – und gelungen.

Ein ähnliches Verhaltensmuster wird sichtbar, wenn man die Hintergründe für die aktuellen Streiks beleuchtet. Mehdorn unterschätzte lange die Hartnäckigkeit der Transnet-Konkurrenz: Von der Lokführergewerkschaft GDL, die er und seine Tarifspezialisten nicht ernst genug nahmen, ließ er sich in einen zermürbenden Arbeitskampf ziehen, aus dem die Bahn im vorigen Frühjahr nicht als Siegerin hervorging – auch die Transnet nicht, die deshalb jetzt ihre Kampfwilligkeit und Kampffähigkeit beweisen muss. Die aktuelle Runde wird zudem dadurch belastet, dass der langjährige Transnet-Vorsitzende Norbert Hansen letzten Sommer als Personalvorstand zur Bahn wechselte.

Die Tarifverhandlungen stehen in einem ungünstigen wirtschaftlichen Umfeld. Für das zurückliegende Jahr wird die Bahn zwar noch Rekordzahlen verkünden, aber seit Dezember bricht vor allem die Nachfrage im Güterverkehr ein. Auch wenn die Bahn der Entwicklung gerade durch einen millionenschweren Zukauf in Osteuropa trotzt, muss sie – die sich selbst zunehmend als „internationaler“ Logistikkonzern sah – in der Wirtschaftskrise notgedrungen umdenken und den Blick vom weltweiten Frachtmarkt auch wieder verstärkt auf den heimischen Personenverkehr richten. Hier ist zwar in neue Züge investiert worden, doch im Dienst am Kunden ist viel verlorengegangen. An mancher Stelle ist hier unter dem Druck des Börsengangs über die Maßen gespart worden. An allen Ecken ist viel zu tun für Mehdorn und seinen Nachfolger.

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Jahrgang 1963, Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

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