Für Don Pizarro ist der Vatikan ein Unterhaltungskonzern mit Sitz in Rom. Die Dialoge der Serie, die mit großem Erfolg in alle Welt verkauft wird, haben gewiefte Profis verfasst. Um dem immer anspruchsvolleren Publikum mehr zu bieten als ein paar lateinische Segenssprüche, so Don Pizarro, braucht es alle paar Jahre einen Toten oder besser noch einen spannenden Cliffhanger: „Dahinter steckt eine Menge Arbeit.“
In Wirklichkeit gibt es Don Pizarro, diesen schmierigen Kurientheologen mit genervtem römischen Akzent, natürlich nicht. Er wird im italienischen Privatfernsehen verkörpert vom Komiker Corrado Guzzanti, dem die Rolle schon diverse Lästerungsklagen eingebracht hat. Wenn es aber wirklich ein Drehbuch einer katholischen Reality-Soap im Vatikan gäbe, dann hätten die Autoren mit dem Päderastie-Skandal, den vom Kammerdiener gestohlenen Dokumenten, den Intrigen zwischen Kardinälen, dem Schwarzgeld der Vatikanbank und als Höhepunkt dem sensationellen Rücktritt von Papst Benedikt XVI. wirklich in die Vollen gegriffen.
Doch ist der Vatikan bei aller historischen Würde und bei allen spirituellen Aufgaben nicht in der Tat auch ein riesiger Medienkonzern, der gegen die Konkurrenz sein Produkt erfolgreich unter die Leute bringt? Der emeritierte Papst, ein kühler Analytiker, hat seinen Arbeitgeber genau so charakterisiert. Als er noch als Joseph Ratzinger der Glaubenskongregation vorsaß, verglich der Kardinal fürs deutsche Fernsehpublikum das Funktionieren des Vatikans mit einem multinationalen Konzern, in dessen Zentrale nun einmal die Informationen, die Geldflüsse zusammenlaufen - und am Ende die Entscheidungen fallen. Hartes Business eben.
Nun wird kein anderer Global Player von einem greisen Chef geleitet, der niemals an einer Business School studiert hat und sich, abgeschirmt von zwei Zuarbeitern, die meiste Zeit mit komplizierten Ritualen und Gebeten beschäftigt. Kann das gut gehen? Nicht nur bei den Vatikanologen Italiens keimt daher der Verdacht, dass gerade das Missmanagement der zentralisierten Weltkirche ein Auslöser von Ratzingers resignativem Rücktritt gewesen ist. Eine „Phase der Reinigung“ müsse das ethisch saubere Funktionieren des Ganzen gewährleisten. Und es könnte allzu viele „Papabili“ geben, die in der Grauzone des Geschäftes Dreck am Hirtenstecken abbekommen haben. „Transparenz“, so der „Corriere della Sera“ vergangenen Freitag, „hat ihren Preis. Doch der Preis des Vertuschens könnte noch beträchtlich höher sein.“
Wovon ist die Rede? Beobachtern des Kirchenstaates war es aufgefallen, dass seit Jahresbeginn und bis heute Kreditkarten und Geldautomaten im kleinsten Staat der Welt nicht mehr funktionieren. Die Wirtschaftsunion mit dem Staat Italien, die Währungsunion mit dem Euro, von denen der Vatikan pro Jahr sogar 670 000 in Form von Gedenkmünzen herstellen darf, sind de facto aufgehoben. Der Grund für diese harte Maßnahme sind endlose Ermittlungen der italienischen Finanzpolizei gegen das I.O.R., das „Istituto per le Opere di Religione“, das seit der Gründung 1942 de facto als Staatsbank des Vatikans fungiert. Eine Überweisung von 23 Millionen Euro wollten die Bankfunktionäre des I.O.R. schon 2010 keinem Besitzer zuweisen und beriefen sich wie seit jeher auf die Autonomie des Kirchenstaates. Das Verfahren wurde zwar 2011 nach der päpstlichen Einrichtung einer internen Finanzaufsicht sowie einem erstmaligen Gesetz gegen Geldwäsche eingestellt. Doch noch im Frühjahr 2012 galt der Vatikan für das amerikanische Außenministerium als Bankenplatz mit Anfälligkeit für Geldwäsche. Schließlich wurden auch in den Vorjahren Überweisungen von fast 200 Millionen Euro entgegen den internationalen Usancen nicht transparent gemacht. Diesmal jedoch sieht es so aus, als blieben im Machtkampf um mehr Transparenz die italienischen Behörden trotz Interventionen des geistlichen Bankpräsidenten, des italienischen Kurienkardinals Tarcisio Bertone, tatsächlich hart.
Vieles also deutet auf einen Machtkampf im Finanzzentrum der katholischen Kirche hin. Der Aufsichtsratschef Ettore Gotti Tedeschi, obgleich als kirchentreuer Mann des Opus Dei bestens vernetzt und Berater des Papstes in Fragen der Wirtschaftsethik, wurde im Mai 2012 gefeuert und nach endloser Sedisvakanz quasi gleichzeitig mit Ratzingers Abdankung am 13. Februar dieses Jahres durch den schwäbischen Wirtschaftsanwalt Ernst von Freyberg ersetzt. Der Bankier Gotti Tedeschi beteuert seinerseits, die Probleme hätten erst begonnen, als er die Anonymität von inkriminierten Nummernkonten des I.O.R. antasten wollte. Um ziemlich genau diese obskure Geldangelegenheit drehten sich die entwendeten Dokumente des päpstlichen Kammerdieners. Dieser „Vatileaks“-Skandal, den drei greise Kardinäle in einem geheimen Untersuchungsbericht mit gravierenden Folgerungen aufarbeiteten, überschattet nun die Vorverhandlungen zur Findung eines Nachfolgers. Schwer zu leugnen, dass die Geldgeschäfte des Vatikans massiv die Leitungsebene beschädigt haben.
Eine der mächtigsten Wirtschaftsdynastien weltweit
Der Kirchenstaat ist eben „ein Offshore-Paradies mitten in Europa“, wie dies detailliert der italienische Publizist Claudio Rendina vorrechnet. Die veröffentlichten Staatsbilanzen rund um Sankt Peter sind noch einigermaßen transparent, wenn auch hier eine saubere Trennung des Vatikan-Vermögens von zahllosen frommen Stiftungen, Pilgerstätten, schwerreichen Missionsgesellschaften und Orden kaum möglich ist - vom Kirchenvermögen in den jeweiligen Nationen zu schweigen.
Insgesamt ist die winzige Wahlmonarchie mit einem Jahresetat von rund einer Viertelmilliarde Euro dennoch eine der verzweigtesten und mächtigsten Wirtschaftsdynastien weltweit. Was die päpstliche Kasse mit 2800 Angestellten der globalen Kurie und 1900 Mitarbeitern des Kirchenstaates aus den Vatikanischen Museen einnimmt (91 Millionen Euro jährlich) oder aus dem Peterspfennig der Gläubigen erlöst (70 Millionen) - das soll die Welt immerhin wissen. Auch die runde Milliarde Euro Staatssubvention, die allein aus der Kirchensteuer Italiens zusammenkommt, ist ebenso bekannt wie die vierzig Millionen Euro Abwassergebühren, welche die Römer dem Vatikan wegen einer übersehenen Vertragsklausel pro Jahr schenken müssen. Beim Vatikan lässt sich für gut 30 000 Euro die Annullation einer kirchlichen Ehe kaufen, für 25 Euro gibt es ein Pergament mit päpstlichem Segen. Dies bringt, obwohl die Benediktion eigentlich gratis ist, allein 7,5 Millionen Euro per annum in die Kasse.
Mit der jährlichen Finanzspritze aus den Erlösen des I.O.R. - 2011 waren es rund 50 Millionen Euro - gehen die Mysterien freilich erst richtig los. Die Vatikanbank ist zu keiner öffentlichen Rechnungslegung verpflichtet; sogar die Höhe der Einlagen, die bei gut sechs Milliarden Euro liegen soll, ist nur geschätzt. Was zudem in den Tresorräumen unter der Zentrale im massiven Mittelalterturm von Papst Nikolaus V. und hinter den Grenzwächtern der Schweizer Garde noch alles an Goldreserven und Staatsanleihen ruht - man kann nur spekulieren und munkelt dabei von zwei Tonnen Gold. Erst durch die posthume Veröffentlichung der Geheimpapiere eines geistlichen Bankiers, Monsignore Renato Dardozzi, durch den Journalisten Gianluigi Nuzzi kam etwas Licht ins Gebaren der Bank, die bereits in den achtziger Jahren unter dem ominösen Kardinal Marcinkus als Geldwaschanlage der Mafia sowie als Bestechungskasse der italienischen Politik schwerst in Verruf geraten war.
Statt hier gründlich aufzuräumen, so legen die Dardozzi-Papiere nahe, hat man das System unter dem Schutz der vatikanischen Immunität nur verfeinert. Paul Kasimir Marcinkus durfte seine Tage ohne Strafverfolgung auf einem amerikanischen Luxusgolfplatz beschließen, indes das System Tausender Nummernkonten und verhohlener Überweisungen bestehen blieb. Sogar eine eigene Filiale auf den Cayman-Inseln, die „als Missionsgebiet“ direkt Rom unterstellt wurde, leistet sich das I.O.R. Dass kirchentreue Politiker wie der Christdemokrat Giulio Andreotti, aber auch der Schiedsrichterbestecher Luciano Moggi bei der Vatikanbank fette Geheimkonten besitzen, konnten Nuzzis Enthüllungen glaubhaft machen. „Vater, der du bist Off-Shore“, kommentierten italienische Zeitungen hämisch.
Der Versuchung einer von kiebigen Kirchenfürsten abgeschotteten Bank mitten in der Metropole Rom und einem immensen weltweiten, nie bezifferten Immobilienvermögen - allein die Missionskongregation „Propaganda Fide“ nennt Liegenschaften für neun Milliarden Euro ihr Eigen - können dubiose Unternehmer nicht widerstehen. Es genügt eine Bestallung als päpstlicher Kammerherr oder der Deckmantel einer frommen Stiftung, und schon gehört man zu den glücklichen Kontonutzern des I.O.R., obgleich dort eigentlich nur Geistliche und Angestellte des Vatikans Einlagen haben dürften.
„Don Bancomat“
Ein Schlaglicht auf den Immobilienbetrug warf erst jüngst die „Congregazione dei Missionari del Preziosissimo Sangue“. Leiter dieser „Vereinigung der Missionare des kostbarsten Blutes“ war der römische Geistliche Evaldo Biasini, in dessen Umfeld nicht nur ein Ring von Knabenprostitution um einen nigerianischen Chorleiter im Vatikan herauskam. Als fast noch gravierender erwiesen sich die familiären Kontakte Biasinis mit römischen Bauunternehmern, die mit Schwarzgeld Politiker - etwa einen Minister der Berlusconi-Regierung - schmierten und glänzende Geschäfte mit vatikanischen Liegenschaften machten. Biasini führte für seine bettelarme Missionsbruderschaft rund fünfzig Konten, ein Dutzend allein bei der I.O.R., über die in wenigen Jahren weit über fünfzig Millionen Euro durch den Vatikan flossen. Der 84-jährige Priester bekam Hausarrest - und von der italienischen Öffentlichkeit den hübschen Beinamen „Don Bancomat“.
Weil es im Vatikan keine zentrale Rechnungslegung gibt, lassen sich solche Missstände nur schwer erkennen. Überlappende Kompetenzen der Kongregationen und die ohnehin kaum überschaubaren Wirtschaftsverflechtungen mit der Weltkirche machen den Vatikan zum letzten Finanzparadies in Europa - mit höllischen Gewinnen. Allein die flüssige Kriegskasse mit mindestens sechs Milliarden Euro, auf die auch für Entschädigungen von Päderasten-Opfern nur ungern zurückgegriffen wird, verdankt sich der Angst der Päpste, wie nach der Eroberung des Kirchenstaates 1870 durch Italien nahezu ohne Geldmittel dazustehen. Der gierige Papst Leo XIII. verspekulierte in Roms Immobilienblase um 1880 noch die Restfinanzen. Erst 1929 mit den Lateranverträgen, die Historiker heute als „Der Pakt mit dem Teufel“ bezeichnen, floss durch den faschistischen Diktator Mussolini wieder reichlich Geld in die Kasse. Das legten die Päpste sogleich ohne moralische Rücksichten an, beispielsweise auch in Waffenproduktion für Mussolinis Kriege. Kennzeichen der seit dem Mittelalter gewachsenen und nie grundlegend reformierten „Vatikan-AG“ bleibt eine obsessive Verschleierung und Geheimhaltung, die bis in Details wie zu Londoner Luxusimmobilien reicht, die sich seit Mussolinis Geldgeschenken im päpstlichen Besitz befinden.
Ob und wie die Geschäfte des Vatikans ehrlicher und offener gemacht werden können, darüber wird derzeit von den Kardinälen mindestens so eifrig diskutiert wie über die Person des künftigen Papstes. „Die Wurzel aller Übel ist die Habsucht“ - an diese Maxime aus dem Timotheusbrief erinnert die kreuzbrave italienische Kirchenzeitung „Famiglia Cristiana“. Bevor noch weitere Enthüllungen das Image des Konzerns beschädigen, lautet die Forderung aus berufenem Munde: Auflösung des I.O.R. und eine schnelle Umstellung zum „ethic banking“.
Mit anderen Worten, der Papst ist nicht aus Altersgruenden
zurueckgetreten, sondern -
Goetz Kaufmann (Goetz.Kaufmann)
- 13.03.2013, 20:25 Uhr
Die Banken können machen was sie wollen
Klaus Letis (odysseus_8)
- 13.03.2013, 14:14 Uhr
Wenn es wirklich um Geld und Macht gehen würde
Stefan Neudorfer (sttn)
- 13.03.2013, 14:10 Uhr
Bin kein Katholik, aber dieses Vatikan-Bashing sollte mal langsam aufhören.
Gerhart Manteuffel (cem_m)
- 13.03.2013, 13:21 Uhr
Kindesmissbrauch, Geldwäsche, Ablasszahlungen, Streikverbot
für Kirchenangestellten, Verbreitung
Reinhard Wolf (Pumuckel42)
- 13.03.2013, 12:14 Uhr
