Home
http://www.faz.net/-gqi-z7n7
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Der Luxus-Clan Mit edlen Düften und Schuhen steinreich werden

03.06.2011 ·  Calvin Klein, Lagerfeld, Kukident: Mit Putzmitteln und Parfüms hat eine Familie von der Bergstraße viel Geld verdient. Jetzt kauft sie Luxusmarken. Und schafft es trotzdem, unerkannt zu bleiben.

Von Bettina Weiguny
Artikel Bilder (5) Lesermeinungen (0)

Ein Schuh namens Jimmy Choo ist der Beweis dafür, dass Schuhe Frauen den Verstand rauben: Die schrillen Stilettos, das Aushängeschild der Marke, haben mindestens zehn Zentimeter hohe Absätze und tauchen überall dort auf, wo Hollywood-Diven über den roten Teppich stöckeln. Für ein Paar dieser Highheels, das gut und gerne tausend Euro kostet, fliegen Frauen um die halbe Welt. Warum bloß? Egal, sie tun es. Mehr kann eine Marke kaum erreichen. Seit voriger Woche gehört das britische Kleinod nun einer deutschen Milliardärsfamilie: den Reimanns von der Bergstraße. Reimann? Nie gehört? Kein Wunder, der Name sagt wenigen Menschen etwas. Dafür kennt jeder die Marken, die zum Firmenimperium gehören: Colgate, Clearasil, Sagrotan und Kukident sowie Hunderte von Parfüms, darunter etliche Klassiker wie Davidoff, Chloé, Jil Sander und Joop.

Zwei Konzerne, beide mit Milliardenumsätzen, haben die Familie reich gemacht: Die Reinigungs- und Waschmittel firmieren unter dem Dach Reckitt Benckiser in London, die Duftsparte unter Coty, dem weltgrößten Parfümhersteller in New York. Auf mehrere Milliarden Euro wird das Vermögen der Reimanns taxiert. Wie hoch es genau ist, weiß niemand. Denn die Familie redet nicht über Geld - und auch sonst nicht. Da hält sie es, erpicht auf ihre Privatsphäre, ganz wie die Aldi-Brüder und andere Milliardäre. Es gibt keine Bilder und keine Auftritte in der Öffentlichkeit. Nicht einmal Skandale sind bekannt. Nur, dass an der Universität Heidelberg ungewöhnlich viele Reimanns ein Chemiestudium abschließen, das fällt auf.

Bisher funktionierte das gut mit der gewünschten Diskretion. Interessierte sich doch kaum jemand für die faden Pülverchen und Wässerchen, die die Familie seit 160 Jahren zusammenmixte. Das ist jetzt anders. Wer sich eine Glamourmarke wie Jimmy Choo schnappt, zu dessen fanatischen Fans Victoria Beckham zählt, Jennifer Lopez und Cameron Diaz, der steht plötzlich international im Rampenlicht. Was sind das für Deutsche, die 575 Millionen Euro für eine der begehrtesten Schuhmarken der Welt hinblättern? Von Hause aus sind die Reimanns Chemiker. Schon Urahn Ludwig Reimann stand schüttelnd und rührend im Labor. Zusammen mit dem Kaufmann Johann Adam Benckiser gründete er 1851 eine Chemiefabrik in Ludwigshafen, in der sie Wein- und Zitronensäure und später Phosphate herstellten.

Hundert Jahre später wurde in dem Werk am Rhein das Waschmittel Calgon (1956) erfunden, 1964 das Geschirrspülmittel Calgonit. Da die Benckisers keine Nachfahren hatten, blieb von ihnen nur der Name. Bis heute nennt sich die Familienholding der Reimanns in Wien Joh. A. Benckiser SE. Mitte der 30er Jahre übernimmt Ludwig Reimanns Sohn Albert die Geschäfte und treibt die Expansion des mittelständischen Betriebs voran, bis ins hohe Alter, jenseits der achzig. Ein Juniorchef fehlt, denn auch Albert Reimann bleibt kinderlos. Vor seinem Tod 1984 benennt er deshalb testamentarisch mehrere Erben aus dem weiteren Familienkreise.

Was also tun mit dem Geld?

Im Nachhinein betrachtet, hat sich das Fehlen eines Thronprinzen nicht zum Nachteil der Familie ausgewirkt. 1986 nämlich übernimmt ein externer Manager die Führung: Peter Harf, ein überaus erfolgreicher Mann, wenn man sich anschaut, was er aus dem Marken-Sammelsurium gemacht hat, einen weltweit agierenden Konzern mit klingenden Namen. 1992 kauft Harf den Parfümhersteller Coty. Er übernimmt Kukident und andere Marken und fusioniert Benckiser 1999 mit der britischen Reckitt & Colman. Seither heißt das Unternehmen Reckitt Benckiser und hat seinen Sitz in der Nähe von London. Harf findet sogar eine Lösung, als ein Teil der Erben Mitte der 90er Jahre Geld braucht und sich auszahlen lassen will: Er überzeugt die Familie vom Börsengang des Spüli-Konzerns und löst damit das Problem mit dem Cash. Heute sind noch vier Erben im Gesellschafter-Team. Die Familienholding hält 15,6 Prozent an Reckitt Benckiser, Coty gehört ihr zu 100 Prozent (siehe Grafik).

Beide Unternehmen werfen Jahr für Jahr eine beträchtliche Rendite ab. Auf die seien die Erben allerdings nicht angewiesen, da sie einer geregelten Arbeit nachgehen und bescheiden leben. So berichtet es zumindest Peter Harf, mittlerweile Sachverwalter des Clans.

Was also tun mit dem Geld? Die Hälfte der Gewinne spenden die Reimann-Nachfahren, angeblich. Bleibt immer noch ein dicker Batzen Geld. All die Dinge, die Privatbanker für gewöhnlich wohlhabenden Leuten empfehlen, langweilten die Gesellschafter, erzählt Harf. Sollten sie immer weiter in Immobilien, Staatsanleihen oder Kunst investieren? Nein, sie wollten etwas Neues schaffen. Etwas Großes wie Benckiser und Coty. Nur darf es diesmal auch ein bißchen sexy sein, ein Luxuskonzern also. Zu dem Zweck hat die Familie vor drei Jahren in Wien eine Firma namens „Labelux“ gegründet; direkt am Sitz der Familienholding, die sie Ende 2006 aus Erbschaftssteuergründen von Ludwigshafen nach Österreich verlegt haben.

Schuhe zwischen 300 und 2000 Euro

Labelux strebt nichts Geringeres an, als sich mit den Größten zu messen, ein zweiter LVMH (Louis Vuitton) will man werden - derzeit immerhin der bedeutendste Luxuskonzern der Welt. „Labelux wird ein signifikanter Spieler in der Luxusbranche“, sagt Vorstandschef Reinhard Mieck dieser Zeitung. Wie viel Geld die Familie dafür zur Verfügung stellt, verrät er nicht. Und was ins Labelux-Köfferchen wandert, entscheidet das Management gemeinsam mit dem Clan. Alle paar Jahre eine Investition, so lautet die Devise. „Buy und build“ nennt der Manager das. Vielleicht komme dieses Jahr noch eine hinzu, vielleicht nicht. Man habe ja keine Eile, denke in Generationen. Labelux-Chef Mieck schlägt zu, wenn's passt. Wie bei Jimmy Choo - bereits der fünfte Neuerwerb der Familie. Neben der Schweizer Schuhmarke Bally gehört die Londoner Schmuckdesignerin Solange zum Portfolio, das amerikanische Modehaus Derek Lam und die Ledermarke Zagliani aus Italien. Alles kleinere, aber feine Adressen.

Jimmy Choo macht 170 Millionen Euro Umsatz mit Schuhen zwischen 300 und 2000 Euro und betreibt 120 Geschäfte in Eins-a-Lagen. Zwei Stores gibt es neuerdings in Deutschland, in München auf der Maximilianstraße und in Frankfurts Goethestraße. Nicht alle Anhängerinnen begrüßen die Expansion. Jimmy Choo sei das Einzige, womit man sich von der Masse absetzen kann, sagt eine Frankfurter Investmentbankerin. Sie will die Schuhe nicht in der Mittagspause kaufen und dort irgendwelche Frauen treffen, die halb so viel verdienen wie sie. Sie fliegt regelmäßig mit Freundinnen nach New York, um einen halben Tag bei Jimmy Choo in der Fifth Avenue zu verbringen. „Das ist der Wahnsinn da.“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1970, freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Jüngste Beiträge

Die Förderlücke

Von Heike Göbel

Der Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld ist ein Ausweis unbelehrbaren Glaubens an die unbegrenzte Leistungsfähigkeit des Sozialstaates. Dass Eltern ihre Kinder, wie seit Menschengedenken, unbezahlt hüten, ist in Deutschland offenbar nicht mehr denkbar. Mehr 25 39

30.05.2012 15:21 Uhr
  Vortag
Dax 6.312,61 −1,32%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.375,45 −1,34%
Dow Jones 12.580,70 +1,01%
EUR/USD 1,2428 −0,48%
Rohöl Brent Crude 104,33 $ −2,36%
Gold 1.579,50 $ 0,00%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.