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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Deklarationspflicht bei Parfums Chanel in Eigenproduktion

 ·  Die EU will Parfümhersteller dazu verpflichten, die genauen Inhaltsstoffe ihrer Düfte anzugeben. Was Allergiker schützen soll, sehen Parfümeure mit Unbehagen.

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© Plainpicture Können allergische Reaktionen hervorrufen: Abgeerntete Rosenblüten

In seiner Branche, sagt David Albrecht zwar, sei es derzeit eigentlich „nicht so spannend“. Neue Dufttrends wird es im gerade angebrochenen Jahr 2013 wenige geben - Weihrauch, Harze und arabische Hölzer vielleicht. Spannung kommt in diesen Wochen aber aus Brüssel: Denn die EU will einige Düfte verbieten. Viele synthetische Duftstoffe stehen auf dem Prüfstand, im Sinnes des Verbrauchers.

Dass auch sogenannte natürlich Düfte oft nicht nur aus Pflanzen und Hölzern gewonnen werden, sondern dass deren Bestandteile teils den natürlichen Vorbildern nachgeahmt werden, ist kein Geheimnis. Höherwertige Parfums bestehen zwar zu einem hohen Anteil aus natürlichen Essenzen, enthalten aber immer auch synthetische Duftsttoffe. Einen Duft, der sich zu hundert Prozent aus natürlichen Inhaltsstoffen zusammensetzt, gibt es nicht, sagt Albrecht, ein Frankfurter Parfümeur und Vorstandsmitglied des Deutschen Parfümverbandes.

Gegen Allergien

Dabei sind es gerade die natürlichen Duftstoffe, die dieses Jahr spannend machen könnten. Die Europäische Union will künftig bei Inhaltsstoffen von Duftwässern auf eine strengere Kennzeichnungspflicht achten. Demnach sollen bestimmte Essenzen in ihrem Einsatz beschränkt, einige sogar ganz verboten werden. Ein entsprechender Gesetzentwurf wurde schon im Dezember 2012 angekündigt.

Grund für die neue Parfum-Politik seien Allergien: So sollen Verbraucher zukünftig besser vor Unverträglichkeiten und allergischen Reaktionen auf bestimmte Inhaltsstoffe geschützt werden. Mindestens drei Prozent der EU-Bürger seien aktuell bereits von Parfümallergien betroffen. Die Weltgesundheitsorganisation geht davon aus, dass Allergien in den kommenden Jahren in den Industrienationen weiter zunehmen werden.

In Deutschland leiden derzeit etwa 30 Prozent der Bevölkerung an einer Allergie. Nach Nickel sind Duftstoffe der zweithäufigste Auslöser für allergische Reaktionen. Grundsätzlich wird bei Kosmetikprodukten zwischen solchen Produkten, die auf der Haut bleiben (Leave-on-Produkte), zu denen auch Duftwässer zählen, und solchen, die abgespült werden (Rinse-off-Produkte), wie etwa Shampoos, unterschieden. Insbesondere natürliche Essenzen in Leave-on-Produkten würden allergische Reaktionen hervorrufen. Daher empfiehlt der wissenschaftliche Ausschuss für Verbrauchersicherheit der Europäischen Kommission (SCCS) nun, den Anteil von zwölf natürlichen Substanzen auf 0,01 Prozent im Parfum zu beschränken.

„Wenn dieses Gesetz kommt, bin ich am Ende“

Darunter fallen auch Duftstoffe wie Lavendel, Nelken- oder Rosenöl, deren Nutzung zum Teil schon stark eingeschränkt ist. Auch das wegen seiner kräftigen Note häufig eingesetzte Eichenmoos wurde zunehmend wegen des Risikos von Hautreizungen limitiert. Nun soll es ganz verschwinden. Da diese traditionellen Essenzen aber als Grundzutaten vieler Duft-Klassiker gelten, könnten manche Hersteller zukünftig gezwungen sein, einige ihrer erfolgreichsten Rezepturen zu ändern. „In der Kosmetikindustrie läuft die Prüfung und Folgenabschätzung zu den Empfehlungen des SCCS. Insbesondere die Verwender natürlicher Substanzen wie etwa Rosenöl als Teil zukünftig zusätzlich deklarationspflichtiger oder in der Anwendung beschränkter Stoffe wären hier betroffen“, sagt Martin Ruppmann, Geschäftsführer des Kosmetikverbandes KVE. Es sei davon auszugehen, dass Eingriffe in die Rezepturen langjährig bewährter Düfte mit erheblichen wirtschaftlichen Belastungen für die Hersteller verbunden sind, meint Ruppmann.

Fachleute schätzen den Wert der Parfüm-Industrie weltweit auf etwa 25 Milliarden Dollar. Setzt die EU die Empfehlungen des Beratergremiums um, müssten nach Schätzungen der International Fragrance Association (IFRA), welche die Richtlinien für die Kennzeichnung von Duftstoffen vorgibt, etwa 9000 Parfüms neu gemischt oder zumindest mit synthetischen Stoffen, die keine allergischen Reaktionen hervorrufen, neu formuliert werden. Eine Änderung, die die Hersteller mehrere hunderttausend Euro kosten könnte. Die 1973 gegründete IFRA hatte den Einsatz einiger natürlicher Essenzen aufgrund gesundheitlicher Bedenken schon in der Vergangenheit eingeschränkt. Einige der Stoffe würden allergische Reaktionen und Unverträglichkeiten auslösen. Bei anderen wurde sogar auf ein erhöhtes Krebsrisiko verwiesen. Eine größere Anpassung gab es zuletzt 2003: Seitdem müssen 26 Inhaltsstoffe deklariert werden.

Für alle übrigen Essenzen war es bisher ausreichend, auf der Verpackung Sammelbegriffe wie „Parfum“, „Fragrance“ oder „Aroma“ anzugeben. Die Ankündigung, sämtliche Ingredienzen zukünftig detailliert ausweisen zu müssen, sorgte besonders in Frankreich für Aufruhr. Die Folge des EU-Vorhabens für Luxus-Marken wäre „wie eine Atom-Explosion“, sagt Frederic Malle, Besitzer des Herstellers Editions de Parfums Frederic Malle. „Wenn dieses Gesetz kommt, bin ich am Ende, da meine Parfüms aus diesen Inhaltsstoffen bestehen.“ Künstlich nachempfundene Duftstoffe könnten natürliche Essenzen kaum ersetzen. Es sei daher unerlässlich, Europas Geruchskulturerbe zu bewahren, mahnt der französische Luxuskonzern LVMH an, zu dem mit Dior und Guerlain zwei der international bedeutendsten Dufthersteller gehören.

Angst um die Rezepturen

Während manche Hersteller schon von einem Duftstoff-Verbot sprechen, will die IFRA davon nichts wissen. „Die meisten Parfüms, die älter als 20 Jahre sind, werden schon mehrere Male reformuliert sein, weil sich die Wissenschaft entwickelt hat und wir die Sicherheit der Verbraucher schützen wollen“, sagte IFRA-Präsident Pierre Sivac. Patrick Saint-Yves, Präsident der französischen Gesellschaft der Parfüm-Hersteller, kann das dennoch nicht beruhigen. „Die Geschäfte verkaufen doch auch weiter Alkohol und Zigaretten, die noch viel größeren Schaden anrichten.“ Der größte Schaden, den das angekündigte Gesetz anrichten könnte, ist dabei nicht einmal der teuere Ersatz von natürlichen durch synthetische Essenzen. Vielmehr fürchten die Hersteller, ihre gut gehüteten Rezepturen offenlegen zu müssen. Käme es tatsächlich zu einer Gesetzesanpassung, blieben auch Klassiker wie „Chanel No. 5“ oder „Opium“ nicht verschont. In wieweit diese bisher von den IFRA-Reglementierungen betroffen waren, ist allerdings nicht bekannt.

Die Befürchtung, eine strengere Deklarationspflicht sorge dafür, dass sich Luxusdüfte bald auch in Eigenproduktion daheim herstellen ließen, dürfte aber unbegründet sein. Selbst wenn sämtliche Inhaltsstoffe einer Rezeptur bekannt wären, blieben die Mischverhältnisse doch geheim. Und die Wahrscheinlichkeit, zufällig die richtige Mischung zu finden, ist verschwindend gering. Zudem müssten neben den  eigentlichen Duftstoffen auch Substanzen zugesetzt werden, die den Duft „festhalten“. Diese sogenannten Fixateuere fallen aber nicht unter die Kennzeichnungspflicht und würden damit auch zukünftig nicht auf der Verpackung erscheinen.

In Deutschland wird das Vorhaben der Europäischen Union weitaus gelassener aufgenommen. „Deklaration heißt ja nicht, dass die Inhaltsstoffe auch bedenklich oder gefährlich sind“, sagt Martin Ruppmann. „Generell sollte man sich vergegenwärtigen, dass die Inhaltsstoffangaben als neutrale Deklaration vorrangig geschaffen wurden, um Allergikern im Vorfeld ihrer Kaufentscheidung zu helfen.“ Ähnlich sieht man es beim Industrieverband Körperpflege und Waschmittel (IKW) in Frankfurt. In seiner Stellungnahme vom vergangenen Jahr habe die SCCS zwar eine Reihe von Parfuminhaltsstoffen hinsichtlich ihres Allergierisikos bewertet. Das bedeute aber nicht, dass es auch ein entsprechendes Gesetz geben wird. „Bisher ist völlig offen, in welcher Form die EU-Kommission die Vorschläge des SCCS umsetzen wird“, sagt Birgit Huber vom IKW. Es sei aber zu erwarten, dass das Informationsangebot für Allergiker, die „ihr Allergen“ kennen, zu Duftstoffen in Kosmetika zukünftig erweitert wird.

Schwierig könnte es für kleinere Hersteller werden

Das genauere Auszeichnen der Parfüms sorge zwar für mehr Bürokratie, sei aber ansonsten nicht dramatisch, meint David Albrecht. Die aktuell diskutierten Änderungen seien lediglich die Umsetzung einer Richtlinie aus dem Jahr 2009. Die Mehrzahl der Hersteller würde sich ohnehin schon daran halten. „Die meisten Hersteller stellen die Duftstoffe ja nicht selbst her, sondern kaufen ihrerseits wieder bei Spezialisten aus dem Katalog. Was erlaubt ist, wird also zu einem gewissen Grad schon vorgegeben.“ Dass die Kataloge durch eine eventuelle neue Richtlinie an Umfang verlieren, sei nicht zu erwarten. Schwierig werden könne es dagegen für kleinere Hersteller mit begrenzten Budgets, wenn wirklich ein passender Ersatz für ihre Mischungen gefunden werden muss. „Manche Hersteller schwören eben auf einen bestimmten Stoff, der lässt sich dann nicht einfach so austauschen.“

Trotz drei guter Quartale und eines erfolgreichen Weihnachtsgeschäfts im Jahr 2012 hat der Kosmetikverband für 2013 ein Wachstum von nur etwa zwei Prozent vorhergesagt. Die aktuell diskutierten Empfehlungen der SCCS hätten bei der verhaltenen Prognose für den deutschen Markt aber keine Rolle gespielt, sagt Ruppmann. „Im Selektivmarkt konnten die Damendüfte bis Ende Oktober 2012 bereits ein Wachstum von fast vier Prozent verzeichnen und die Herrendüfte von zumindest 1,4 Prozent. Die Prognose 2013 bezieht das schwierige gesamtwirtschaftliche Umfeld ein.“

Wie spannend es in diesem Jahr in der Branche noch wird, bleibt daher abzuwarten. David Albrecht sieht all dem gelassen entgegen. Für 2013 plant er einen Relaunch des Dufts „069 Frankfurt“, der passe auch garantiert zu den gültigen Richtlinien. Zu viel Natur sei eben nicht immer die beste Lösung.

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Lieber ehrlich

Von Johannes Pennekamp

Die SPD und noch mehr die Grünen haben höhere Steuern für Top-Verdiener angekündigt - und finden sich dabei besonders ehrlich. Was sie gerne verschweigen: Zu den Top-Verdienern im Land zählen nicht nur Millionäre mit Sportwagen, sondern auch schon leitende Angestellte, Handwerksmeister und Beamte. Mehr 1 10


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