http://www.faz.net/-gqe-11l2f
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F.A.Z.-Index -- --
DAX ® -- --
Dow Jones -- --
EUR/USD -- --

Veröffentlicht: 28.01.2009, 13:46 Uhr

Datenschutz Deutsche Bahn überprüfte heimlich 173.000 Mitarbeiter

Die Bahn hat ihre Mitarbeiter offenbar in größerem Stil überwacht als bekannt. 2002 und 2003 wurden rund 173.000 Mitarbeiter mit einem Datenabgleich überprüft. Die FDP spricht von einer „Rasterfahndung“, die Bahn verteidigt ihr Vorgehen als zulässig.

© AP Die Deutsche Bahn hat offenbar Mitarbeiter in großem Stil ausforschen lassen.

Die Deutsche Bahn hat in den Jahren 2002 und 2003 rund 173.000 Mitarbeiter im Zuge eines Datenabgleichs auf Korruption überprüft. Das sagte der Antikorruptionsbeauftragte des Konzerns, Wolfgang Schaupensteiner, am Mittwoch im Verkehrsausschuss des Bundestages. Die Daten seien mit jenen von 80.000 Firmen abgeglichen worden, mit denen die Bahn geschäftlich verbunden war.

Mit dieser heimlichen Ausspähung in großem Stil stelle die Bahn alle Mitarbeiter unter Generalverdacht, kritisierte der Grünen-Politiker Winfried Hermann. „Die Grenze der Korruptionsbekämpfung wurde deutlich überschritten.“ Der FDP-Abgeordnete Horst Friedrich sagte, die Überprüfungen seien ohne konkreten Tatverdacht erfolgt und hätten damit den Charakter einer „Rasterfahndung“ gehabt. Dafür gebe es aber nirgendwo eine Rechtsgrundlage. Die Aufklärung durch eine „neutrale Kanzlei“ sei überdies durch einen ehemaligen Mitarbeiter der Bahn-Rechtsabteilung erfolgt, der heute als Ombudsmann bezahlt werde und Korruptionsverdächtigungen von Bahnmitarbeitern entgegennehme. Die Fraktionen wollen Schaupensteiner am 11. Februar noch einmal befragen.

Mehr zum Thema

„Schwerste Fälle von Wirtschaftskriminalität“

Bislang war lediglich bekannt, dass die Bahn rund 1000 leitende Mitarbeiter ohne Verdachtsmomente bei verdeckten Kontrollen auf Korruption überprüft hatte. Vergangene Woche hatte das Unternehmen entsprechende Ermittlungen bestätigt. Dabei hatte Schaupensteiner einen Vergleich mit den Datenschutz-Skandalen bei Telekom und Lidl als falsch und abwegig bezeichnet: „Bisher bestehen keine Anhaltspunkte für die Beteiligung von DB-Mitarbeitern an Straftaten.“ Man habe allerdings „kein sicheres Bild“, ob es bei Dritten zu Rechtsverstößen gekommen sei. Für die Bahn war lange auch das Unternehmen Network Deutschland tätig, das auch für die Deutsche Telekom Spitzeldienste übernommen hatte.

Zum Hintergrund hatte es geheißen, die Bahn sei in den vergangenen zehn Jahren immer wieder „Opfer schwerster Fälle von Wirtschaftskriminalität und Korruption“ geworden. Im Interesse aller ehrlichen Kunden, Steuerzahler und Mitarbeiter werde das Unternehmen, das jedes Jahr Aufträge im Umfang von 20 Milliarden Euro vergebe, im Rahmen der gesetzlichen Vorschriften weiterhin mit aller Härte gegen solche Auswüchse vorgehen.

Bahn verteidigt Screening als zulässig

Die Deutsche Bahn verteidigte die massenhafte Überprüfung von Mitarbeitern als zulässig. „Entgegen vielfacher Behauptung ist der Abgleich von Mitarbeiter- und Lieferantenadressen, das sogenannte Screening, rechtlich nicht zu beanstanden - unabhängig von der Zahl der überprüften Mitarbeiter“, sagte ein Konzernsprecher am Mittwoch in Berlin. Der Datenabgleich habe auch nichts mit Ausspähung zu tun.

Der Bahn-Sprecher verwies darauf, dass auch der Berliner Datenschutzbeauftragte Alexander Dix „grundsätzlich die Vorgehensweise des Screenings im Rahmen der Korruptionsbekämpfung bejaht“. Ein solches Verfahren sei dem Unternehmen von seiner Wirtschaftsprüfungsgesellschaft empfohlen worden. Allerdings sei zwischen dem Datenschutzbeauftragten und der Bahn „unverändert umstritten, ob es aufgrund der fehlenden Benachrichtigung der Mitarbeiter in diesem Zusammenhang zu einer reinen Ordnungswidrigkeit gekommen ist“, sagte der Sprecher. Ein offizieller Bericht darüber liege noch nicht vor.

Quelle: enn./FAZ.NET

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Wirtschaftskriminalität Betrüger erbeuten mit Chef-Masche über 100 Millionen Euro

Sie geben sich als Vorgesetzter aus und drängen ihr Opfer zur Zahlung. Mit dieser Masche erbeuten Kriminelle Millionen. In den aktuellen Zahlen ist der wohl größte Fall noch gar nicht eingerechnet. Mehr

21.08.2016, 10:41 Uhr | Wirtschaft
VW im Streit mit Zulieferern Kein Durchbruch bei Verhandlungen in Wolfsburg

Bei Gesprächen zwischen dem Autobauer Volkswagen und zwei Lieferanten hat sich auch nach über 15 Stunden kein Durchbruch angedeutet. Bei den Verhandlungen geht es um eine gütliche Lösung im Streit über ausgesetzte Lieferungen. Durch die fehlenden Lieferungen sind fast 30.000 VW-Mitarbeiter von Kurzarbeit bedroht. Mehr

23.08.2016, 07:59 Uhr | Wirtschaft
Kurz vor der Grundsteinlegung Brisante Geheimberichte über Stuttgart 21

Der Bundesrechnungshof wird in wenigen Tagen neue Zahlen und Fakten zu Stuttgart 21 veröffentlichen. Die Kosten könnten weiter steigen, die Risiken werden ignoriert. Auch über die Grundsteinlegung wird gestritten. Mehr Von Susanne Preuß, Stuttgart

26.08.2016, 15:10 Uhr | Wirtschaft
Kulinarische Integration Koch dich türkisch!

Integration mal anders: Wie zwei Deutsch-Türken den Deutschen Köfte und andere Köstlichkeiten näher bringen. Mehr Von Canan Topçu

24.08.2016, 12:55 Uhr | Stil
Sichere Kommunikation So verschlüsseln Whatsapp & Co

Sollen Strafverfolger auch verschlüsselte Kommunikation abgreifen können? Die Debatte läuft. FAZ.NET erklärt, wie Whatsapp, Facebook, Google oder Skype derzeit verschlüsseln. Eine Übersicht. Mehr Von Jonas Jansen

24.08.2016, 14:53 Uhr | Wirtschaft

Apples Scheindebakel

Von Jonas Jansen

Das bislang als so sicher geltende iPhone-Betriebssystem wurde kompromittiert – und das gleich dreifach. Eine Riesenschlappe für Apple? So einfach ist es nicht! Mehr 1 15

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden