27.07.2009 · Der heikelste Punkt auf der Aufsichtsratssitzung am Dienstag dürfte die Frage nach Konsequenzen aus der Datenaffäre sein, in der Aufsichtsratschef Börsig unter Druck geraten ist. Das frühere Vorstandsmitglied Tessen von Heydebreck wird schon als Nachfolger genannt. Börsig wehrt sich.
Von Hanno MußlerDie vermutlich hervorragenden Halbjahreszahlen der Deutschen Bank sind eigentlich einer der wichtigsten Tagesordnungspunkte auf der seit langem für diesen Dienstag Vormittag terminierten Aufsichtsratssitzung des Geldhauses. Allerdings hat sich die Deutsche Bank überraschenderweise dazu entschlossen, ihre Bekanntgabe von Mittwoch auf Dienstagmorgen vorzuziehen. Nur der Prüfungsausschuss, ein Unterausschuss des Aufsichtsrats, erhält die Zahlen vorab; der Aufsichtsrat in seiner Gänze bekommt die vor Beginn seiner Sitzung veröffentlichten Ergebnisse erst im Anschluss vom Vorstand präsentiert.
Das Verhältnis zwischen Vorstand und Aufsichtsrat ist unterschwellig ohnehin das Hauptthema der Sitzung. Der Aufsichtsrat soll den Vertrag des Vorstandsvorsitzenden Josef Ackermann um drei Jahre bis Mai 2013 verlängern. Zur Erinnerung: Dieser Entscheidung vorausgegangen war der gescheiterte Versuch des heute 61 Jahre alt werdenden Clemens Börsig, vom Aufsichtsratsvorsitz auf den Chefposten der Bank zu wechseln und die Nachfolge Ackermanns anzutreten. Seither wird am Finanzplatz Frankfurt von einem Machtkampf zwischen dem zuvor amtsmüden Ackermann und Börsig gesprochen.
Konsequenzen aus der Spitzelaffäre noch offen
Der heikelste Punkt auf der Aufsichtsratssitzung an diesem Dienstag dürfte die Frage nach Konsequenzen aus der Datenaffäre sein, in der Börsig durch die Deutsche Bank unter Druck gesetzt worden ist. Am 22. Mai hatte der Vorstand in Abstimmung mit dem Prüfungsausschuss, dem Börsig angehört, Bankenaufsicht und Datenschutzbehörden über mögliche Verstöße der Abteilung Konzernsicherheit gegen interne oder rechtliche Vorgaben informiert. Inzwischen prüft die Staatsanwaltschaft, ob sie in zwei Fällen strafrechtliche Ermittlungen gegen von der Bank beauftragte Detektive aufnimmt.
Am vergangenen Mittwoch hat die Deutsche Bank von sich aus „zentrale Ergebnisse der unabhängigen Untersuchung“ durch die von ihr eingeschaltete Anwaltskanzlei Cleary Gottlieb Steen & Hamilton bekanntgegeben. Die Deutsche Bank betonte, es gebe keinerlei Hinweise, dass „heute amtierende Vorstandsmitglieder in die rechtlich bedenklichen Aktivitäten verwickelt oder über sie informiert“ waren. Allerdings sei der wohl heikelste von vier untersuchten Fällen, die Nachforschungen über den kritischen Aktionär Michael Bohndorf, durch ein Gespräch des Aufsichtsratsvorsitzenden Börsig mit dem langjährigen Leiter für Investor Relations, Wolfram Schmitt, nach der Hauptversammlung 2006 ausgelöst worden.
Bauernopfer
In Aufsichtsratskreisen wird nun Ärger über das Vorgehen des Vorstands kolportiert. Der Vorstand wasche sich in der Affäre rein, heißt es. Die inzwischen erfolgten Entlassungen von Schmitt und dem Leiter Konzernsicherheit Deutschland, Rafael Schenz, seien Bauernopfer. Der Hinweis auf das Gespräch Schmitts mit Börsig sei perfide. Der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ ließ Börsig ausrichten: „Ich sehe keinen Grund für einen Rücktritt.“ Er lasse sich nicht erpressen.
In Finanzkreisen werden schon Namen von Nachfolgern für Börsig gehandelt. Den Vorstandschefs Karl-Gerhard Eick (Arcandor), Hennig Kagermann (früher SAP) und Werner Wenning (Bayer), allesamt Eigentümervertreter im Aufsichtsrat, fehlt praktische Führungserfahrung im Bankgeschäft. Insofern erscheint nicht unplausibel, dass der 64 Jahre alte Tessen von Heydebreck, von 1994 bis 2007 Vorstand der Deutschen Bank, auf Dauer Aufsichtsratschef werden könnte. Zumindest hätte das Ackermann-Lager wohl kaum etwas dagegen. Allerdings müsste zunächst im Gremium ein Platz frei werden.
Börsig verweist auf Verantwortlichkeiten
Unterdessen wehrt sich Börsig mit Hinweis auf Verantwortlichkeiten. Von Abteilungsleiter Schmitt wird zwar überliefert, er habe das Gespräch mit Börsig als Auftrag empfunden, mögliche Verbindungen zwischen Bohndorf und dem Filmhändler Leo Kirch zu klären. Börsig war aber nur bis April 2006 Finanzvorstand und damit Schmitts Vorgesetzter. Schon vor der Hauptversammlung 2006 wurde er Aufsichtsratsvorsitzender.
Börsig war zuvor nicht nur Finanz-, sondern seit 2002 auch Risikovorstand gewesen. Damals war ihm die Abteilung Konzernsicherheit unterstellt, aber seine Periode ist „sauber“. Vielmehr lag „Konzernsicherheit“ im ersten Fall, als 2001 ein Aufsichtsrat und ein Journalist ausgeforscht wurden, in der Vorstandsverantwortung von Thomas Fischer. Für die nachfolgenden drei Fälle ab 2006 war Hugo Bänziger, noch heute amtierender Risikovorstand, für Konzernsicherheit verantwortlich. Die Anwälte haben offenbar keine Hinweise dafür gefunden, dass der entlassene Abteilungsleiter Schenz den Vorstand Bänziger über die umstrittenen Aktivitäten informiert hat. Ob Abteilungsleiter Schmitt seinen Vorgesetzten, den von April 2006 bis Oktober 2008 amtierenden Finanzvorstand Antonio Di Iorio, informiert hat, ist unklar.
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