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Daimler-Vorstand : „Der nationalistische Virus schadet allen“

Handelskriege sind für Daimler „eine ernste Gefahr, weil sie überhaupt nicht in unsere Welt, unser Denken reinpassen“, sagt Daimler-Vorstand Martin Daum. Bild: Wolfgang Eilmes

Daimler-Vorstand Martin Daum plädiert im Interview für mehr Freihandel und wehrt sich gegen den Vorwurf, dass die Industrie Urheber der Umwelt-Probleme sei. Zudem äußert er sich zum möglichen Börsengang der Daimler-Truck-Sparte.

          Herr Daum, wann ersticken wir im Verkehr?

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ich sehe keinen Grund für diese dramatischen Sprachbilder. Tatsache ist: Wir haben eine wachsende Bevölkerung, eine wachsende Wirtschaft, das heißt einen wachsenden Warenaustausch. Damit werden die Straßen voller. Und wenn der Verkehr weiter wächst, muss man sowohl die Infrastruktur ausbauen als auch über intelligente Systeme nachdenken. Das tun wir bei Daimler, etwa, indem wir mit gutem Beispiel vorangehen: Wir halten den Werksverkehr grundsätzlich aus Stuttgart raus.

          Trotzdem wird der Güterverkehr in Deutschland bis 2040 noch mal um 40 Prozent wachsen. Würde es helfen, den einzelnen Truck schwerer zu beladen, wie Industrieverbände jetzt fordern?

          Ja. Schwerere Lkw würden dem Verkehr helfen, der Umwelt helfen, den Spediteuren helfen. Die Einzigen, denen es nicht hilft, das sind wir, die Lkw-Hersteller, weil wir dann weniger verkaufen.

          Deswegen sind Sie gegen den Vorschlag?

          Nein, ich unterstütze die Idee. Die heutige Grenze von 40 Tonnen als maximale Frachtlast ist aus technischer Sicht künstlich. Mit Assistenzsystemen wie in unserem neuen Actros können wir die Sicherheit auch mit 44 Tonnen oder mehr gewährleisten. Wir können, über die Achsenverteilung, auch sicherstellen, dass die Straßen nicht stärker belastet werden. Die Vorteile sind offenkundig: Lässt der Gesetzgeber zehn Prozent mehr Gewicht je Lkw zu, dann haben wir zehn Prozent weniger Lkw-Verkehr auf der Straße und entsprechend weniger Abgase in der Luft. Eine einfache Rechnung.

          Die Superschwergewichtler könnten allerdings nur außerhalb der Städte fahren. Warum nicht in der Stadt? Weil sie vielleicht nicht um die Kurve kommen?

          Das werden sie gar nicht erst probieren, falls es haarig wird. Wenn jemand die Straßen kennt, dann die Lkw-Fahrer. In Städten, wo ein normaler Lkw nicht um die Kurve kommt, bleiben sie heute schon draußen. Da sind die Transporter gefragt, gerne die elektrisch betriebenen.

          Auf diesem Feld liegt die Post mit ihren E-Scootern vorne. Haben Sie da was verschlafen?

          Gegen das Wort „verschlafen“ wehre ich mich vehement. Wir haben früh alle möglichen Anläufe gemacht, aber da war kein Markt. Null. Vor fünf Jahren war Elektro schlicht nicht zu verkaufen. Erst im Zuge schärferer Klimaziele und deutlich gesunkener Batteriepreise wurden die Produkte plötzlich interessant. Deshalb haben wir mit der Entwicklung angefangen, wie ein Start-up, nur sorgfältiger, weil wir wissen, was alles schiefgehen kann. Wir haben auch nicht das Newcomer-Privileg, mit unausgereiften Produkten an den Markt zu gehen. Wenn wir als Daimler etwas machen, muss es richtig sein. Und jetzt haben wir das passende Angebot.

          Wann fahren alle Lkw elektrisch?

          Schwer zu beantworten. Außerdem ist das für manche Einsätze gar nicht wünschenswert; etwa für den Feuerwehr-Lkw, der Waldbrände löschen muss. Da wäre ein Elektro-Truck eher ungeeignet. Und man sollte mit radikalen Ansagen vorsichtig sein. Ich rechne mit einem konsequent steigenden Anteil der E-Mobilität. Wie hoch und wie schnell das geht, vermag heute niemand zu sagen. Die Szenarien lassen viel Phantasie.

          So lange Elektrofahrzeuge so viel teurer sind als herkömmliche, kann es dauern mit dem Siegeszug.

          Deswegen ist der elektrische Stadtbus so interessant. Der Mercedes E-Citaro, den wir im Juli auf den Markt gebracht haben, ist ein tolles Fahrzeug. Da können die Kommunen sich bewusst entscheiden: Wie viel ist uns der Elektroantrieb zusätzlich wert? Wie viel teurer darf das Ticket werden? Ginge es den Städten einzig um die günstigsten Kosten, würden sie immer beim sauberen Diesel landen.

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