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Daimler-Türk-Treff : „Sie haben ein Kopftuch, ich hab ne Glatze“

Keine Seltenheit bei Daimler: Mitarbeiter mit Mitgrationshintergrund Bild: dpa

Der Stuttgarter Autokonzern Daimler feiert mit seinen türkischen Mitarbeitern den 50. Jahrestag des Anwerbeabkommens - doch die heile Welt gibt es trotz vieler Integrationserfolge auch unter dem Mercedes-Stern nicht.

          Schon in frühester Kindheit war für Cem Özdemir klar, was in der Heimat seiner Eltern wirklich zählt: „Ein Mercedes war der beste Beweis, dass man es in Deutschland zu etwas gebracht hatte“, berichtet er – der Opel seiner Eltern zählte längst nicht so viel. Der 45 Jahre alte Grünen-Politiker braucht heute keinen Mercedes mehr, um Anerkennung zu ernten, beim Daimler-Türk-Treff schon gar nicht, der den 50. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens feiert.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Die Blicke des Publikums hängen an seinen Lippen, wenn er im Mercedes-Autohaus Lorinser in Waiblingen ein Grußwort spricht. Er ist, nach eigenen Worten, „ein Produkt dessen, was man heute Migration nennt“, und Özdemir ist einer, der das geschafft hat, was viele Integration nennen.

          Daimler schickte damals Bus-Kolonnen an den Bosporus

          Daimler-Vorstandschef Dieter Zetsche lädt das Publik zu einer kleinen Zeitreise ein. Der Stuttgarter Autobauer schickte damals Bus-Kolonnen an den Bosporus, um den wachsenden Bedarf an Arbeitskräften für Mercedes zu decken. Wer seinerzeit prophezeit hätte, dass 50 Jahre später ein anatolischer Schwabe der wachstumsstärksten Partei Deutschlands vorsitzen werde, dass Baden-Württemberg eine in der Türkei geborene Ministerin habe und es in Stuttgart mehr Döner-Buden als Besenwirtschaften gebe, dem wäre wohl eine allzu blühende Phantasie bescheinigt worden, gibt Zetsche zu bedenken.

          Daimler-Chef Zetsche (l) mit dem türkischen Generalkonsul Mustafa Türker Ari und Cem Özdemir  im Autohaus in Waiblingen

          Ohnehin fand das Abkommen in der Öffentlichkeit damals kaum Beachtung. Ein zweiseitiges Papier mit dem Aktenzeichen 505-83SVZ-92.42 wurde am 30. Oktober 1961 zwischen dem Auswärtigen Amt und der türkischen Botschaft hin- und hergesandt, ohne feierliche Unterzeichnung, ohne Händeschütteln. Die erste Fassung sah vor, dass der Aufenthalt auf zwei Jahre begrenzt würde und Familiennachzug nicht möglich war. In Deutschland erkannte man in den Türken billige Arbeitskräfte, nachdem durch den Mauerbau auch die Zuwanderung aus den Ostgebieten endgültig gestoppt war. Die Türkei (wie andere Entsendeländer zuvor schon) versprach sich eine Entlastung des eigenen Arbeitsmarkts und nahm die Überweisungen der Gastarbeiter als willkommene Reduzierung des Handelsbilanzdefizits.

          12.000 Türken arbeiten weltweit bei Daimler

          Heute leben in Deutschland 1,7 Millionen Türken, womit beinahe jeder vierte Ausländer ein Türke ist, ganz abgesehen von den etwa 1,1 Millionen Türkischstämmigen, die die Statistik ausweist. Der Trend indes zeigt nach unten. Schon seit Jahren ist die Zahl der Zuwanderer aus der Türkei niedriger als die Zahl der Rückkehrer – was auch mit dem wirtschaftlichen Aufschwung zu tun hat, den die Türkei genommen hat. Daimler-Chef Zetsche spricht sogar von einem „Tiger-Staat“, dessen Mitgliedschaft in der EU ein „Riesengewinn“ wäre. Am Aufschwung der Türkei hat auch Daimler Anteil: Seit 25 Jahren produziert der Stuttgarter Konzern im zentralanatolischen Aksaray Lastwagen der Marke Mercedes-Benz. Das türkische Werk beschäftigt 5300 Mitarbeiter – und damit schon beinahe die Hälfte der weltweit 12.000 Türken, die bei Daimler auf der Lohnliste stehen. Indes: die Zahl zeigt nur, wer einen türkischen Pass hat, die Zahl der türkischstämmigen Mitarbeiter wird nicht erfasst.

          Mit oder ohne türkischen Pass: viele von ihnen sind über den Daimler Türk-Treff vernetzt. „Wir haben schon Diversity gelebt, als der Begriff noch völlig unbekannt war“, erklärt Nejdet Niflioglu, Vorsitzender des Netzwerks. Zetsche, der selbst in Istanbul geboren wurde und die ersten eineinhalb Lebensjahre in der Türkei verbrachte, lobt prompt: „Sie sind unsere Süper-Pioniere in Sachen Diversity.“ Das Markenzeichen von Mercedes habe auch seinen Anteil daran, dass innerhalb der Werke Integration „mehr oder weniger gelebte Realität“ sei. „Stolz integriert, wenn man ihn teilt“, sagt Zetsche.

          „In den Management-Etage hat sich das Kopftuch nicht durchgesetzt“

          Die heile Welt indes existiert auch unter dem Mercedes-Stern nicht. Bahar Baskaya ist sich sicher, dass sie längst zur Stammbelegschaft des Autoherstellers zählen könnte, würde sie kein Kopftuch tragen. Einen guten Bachelor-Abschluss in BWL sowie monatelange Praktika in Mercedes-Werken in Malaysia und Indonesien hat die 33 Jahre alte Pfälzerin vorzuweisen, doch für die begehrte Trainee-Stelle hat es noch nicht gereicht, nur als Zeitarbeiterin ist sie derzeit in einem Mercedes-Werk tätig. Während der Feier ergreift sie die Chance, den Konzernchef persönlich auf die Ausgrenzung aufmerksam zu machen: Ein ausländisch klingender Name erfordere im Durchschnitt die achtfache Zahl an Bewerbungen, berichtete sie von empirischen Untersuchungen. Wenn man – wie sie selbst – Kopftuch trage, sei dies erst recht ein Hindernis. Aus Sicht von Dieter Zetsche offenbar eine klare Fehlentwicklung: „Sie haben ein Kopftuch, ich ne Glatze“, lautet seine Reaktion. „Das Wirtschaftswunder wäre ohne Gastarbeiter nicht möglich gewesen“, fügt er hinzu, und: „Ich bin überzeugt, dass Deutschland keine Perspektive hat, wenn wir nicht zu einem Integrationsland werden.“

          Bei Daimler habe man begriffen, welches Potential auch ausländische Mitarbeiter böten, dass Vielfalt ein Wettbewerbsfaktor sei, lobt Bilkay Öney, Integrationsministerin in Baden-Württemberg. Andere Unternehmen könnten davon durchaus lernen. Die Sache mit dem Kopftuch indes ist für die Sozialdemokratin ein heikles Thema, zumal der Streit über das Kopftuch für Lehrerinnen in den neunziger Jahren ausgerechnet in Baden-Württemberg vom Zaun gebrochen wurde. Und so klingt Öneys Kommentar deutlich zurückhaltender als der von Dieter Zetsche: „In den Management-Etage hat sich das Kopftuch als gängiges Kleidungsstück nicht durchgesetzt, genauso wenig wie Tattoos oder grüne Haare.“

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