27.04.2010 · Mit dem Mietsystem Car-2-Go will Daimler die Megacitys der Welt beglücken - und dort auch Geld verdienen. Seit einem Jahr wird das System in Ulm getestet. 18.000 Menschen haben sich bislang für das Ausleihen der Miet-Smarts registriert.
Von Susanne Preuß, UlmWir sind nicht perfekt. Das wollen wir gar nicht in Anspruch nehmen", sagt Robert Henrich. Der Daimler-Manager wirkt ziemlich verschmitzt dabei, denn er hat es geschafft: Sein Projekt "Car-2-Go" ist jetzt ganz offiziell ein Vorzeigeprojekt des Konzerns, eins, worüber Vorstandschef Dieter Zetsche auf der Hauptversammlung stolz berichtet und wofür selbst die stets kritischen Aktionäre nur lobende Worte finden.
Aber natürlich hat Henrich recht mit der mangelnden Perfektion. Wer sich darauf verlässt, in Ulm zu jeder Zeit und überall einen der weiß-blauen Smarts zu bekommen, kann Pech haben. "Seit einigen Wochen sind wir überbucht", räumt Henrich ein. Damit ist gut kokettieren: Der Mangel ist nichts anderes als eine Folge des Erfolgs von Car-2-Go. Die Mietautos in Selbstbedienung sind in der Universitätsstadt Ulm so begehrt, dass Daimler die Flotte bald von 200 auf 300 Smarts aufstockt. Was auf der schwäbischen Alb funktioniert, wird erst recht in den Megacitys dieser Welt klappen, hofft Daimler: "Wir wollen da hin, wo es brodelt, wo viele Menschen sind, aber keine Parkplätze", sagt Henrich. Noch vor der Jahresmitte will die neugegründete Car-2-Go GmbH die Verträge mit einer europäischen Großstadt unter Dach und Fach haben, weitere sollen folgen, tendenziell außerhalb Deutschlands und ohnehin nur Städte mit mehr als einer Million Einwohnern. "Wir rennen offene Türen ein", berichtet Henrich.
Abstellen, wo gerade Platz ist
Der Charme von Car-2-Go liegt darin, dass es so einfach ist, sich ein Auto zu nehmen, jedenfalls wenn man sich einmal registriert hat: einsteigen, losfahren, abstellen. Über Internet, Handy oder Callcenter sucht man sich den am nächsten stehenden Smart, hält den auf dem Führerschein installierten Chip an das Lesegerät hinter der Frontscheibe, und schon ist das Auto offen. Im Handschuhfach liegen Zündschlüssel und Tankkarte fürs Gratistanken. Vor dem Start muss an einem Bildschirm kurz der Zustand des Autos beschrieben werden, und jeder wird das erledigen - denn falls das Auto verqualmt ist, Tierhaare auf dem Sitz liegen oder einen Kratzer in der Motorhaube hat, will man natürlich, dass der vorherige Nutzer belangt wird und man nicht selbst dafür haftbar gemacht wird.
Das war's dann aber auch schon mit der Bürokratie. Sobald man am Ziel ist, gleichgültig wo, stellt man das Auto einfach ab, wo es einen Platz findet - fertig. Bezahlt wird nach Minuten. Bisher kostet eine Minute 19 Cent. Damit die Sache sich rechnet, werde man wohl 22 Cent verlangen müssen, lautet mittlerweile die Prognose. Und rechnen soll sich Car-2-Go sehr wohl.
Wer geglaubt hat, Daimler-Chef Dieter Zetsche habe Jérôme Guillen zum Direktor der Abteilung Business Innovation berufen, damit in einer Art Kindergarten ein paar spinnerte Ideen Raum zum Entfalten bekommen, bevor sie dann von den Bedenkenträgern im Konzern plattgemacht werden, sieht sich getäuscht. Die Erfüllung sich neu entwickelnder Kundenbedürfnisse hat der Konzernchef als Wachstumsfeld definiert, und Car-2-Go, so sagte er in der Hauptversammlung vergangene Woche, sei ein Paradebeispiel dafür.
Zwei Drittel der Nutzer sind unter 35 Jahre alt
Mit Car-2-Go bewegt sich Daimler an die Spitze eines Trends, der mit dem Slogan "Nutzen statt besitzen" beschrieben werden kann. Vor allem junge Leute verzichten demnach immer häufiger darauf, ein eigenes Auto zu kaufen. Bei Regen fahren die Studenten in Ulm morgens mit einem der blau-weißen Miet-Smarts zur Uni, während sie den Heimweg bei strahlender April-Sonne vielleicht zu Fuß antreten. Oder sie fahren mit Car-2-Go in die Kneipe, nehmen für den Heimweg der Promille wegen aber ein Taxi. "Es gibt auch Geschäftsleute unter den Nutzern oder Senioren, die kein eigenes Auto mehr besitzen", berichtet Henrich. Doch die Tendenz ist klar: Von den registrierten Nutzern in Ulm sind zwei Drittel unter 35 Jahre alt. Damit erschließt sich Daimler mit Car-2-Go eine Klientel, die sonst eher wenig Kontakt zum Konzern hat: Wer einen Mercedes kauft, hat tendenziell schon graue Schläfen.
Ein Jahr nach dem Start in Ulm hat etwa jeder sechste Führerscheininhaber sich bei Car-2-Go registriert, 18 000 Menschen insgesamt. Fast eine Viertel Million Mietvorgänge gab es während der einjährigen Testphase, was bedeutet, dass jedes Fahrzeug vier- bis achtmal am Tag ausgeliehen war, auch in Randbereichen der Stadt. Trotz dieses unerwarteten Erfolgs musste das Car-2-Go-Team bangen: Die Zukunft der Marke Smart war bis vor kurzem ungewiss, denn Daimler wollte es nicht riskieren, eine neue Generation des Zweisitzers zu entwickeln, die wegen geringer Stückzahlen wieder zum Verlustbringer geworden wäre. Die kurz nach Ostern vereinbarte Entwicklungs-Kooperation mit Renault ist insofern auch ein Befreiungsschlag für Car-2-Go. Von zuletzt 117 000 auf 200 000 Autos könnte der Absatz von Smart mittelfristig zunehmen, erwartet Smart-Chef Marc Langenbrink. Allein 30 000 Autos könnten für Mobilitätsprojekte wie Car-2-Go eingesetzt werden, heißt es in Berechnungen. Ob Daimler all diese Projekte selbst betreibt, ist damit nicht gesagt. Aber vorläufig will man die Fäden nicht aus der Hand geben, denn es gibt noch so viel zu erkunden.
"Ein Forschungsschwerpunkt von uns ist die Reinigung", berichtet Projektleiter Henrich: Wo, wann und in welcher Reihenfolge am sinnvollsten die schmutzig gewordenen Smarts geputzt werden, ist alles andere als ein profanes Problem. Und weil keineswegs einfach zu steuern ist, was für den Kunden einfach zu bedienen sein soll, ist sich Henrich auch sicher, dass Car-2-Go echte Chancen hat - auch wenn Wettbewerber wie BMW angeblich an ähnlichen Projekten forschen: "Ich glaube, dass wir einen signifikanten Vorsprung haben."
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.692,96 | −1,41% |
| FAZ-INDEX | 1.495,13 | −1,32% |
| TecDAX | 769,89 | −0,43% |
| MDAX | 10.249,10 | −1,04% |
| SDAX | 4.985,13 | −0,71% |
| REX | 421,06 | −0,02% |
| Eurostoxx 50 | 2.480,76 | −1,65% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,01 | −1,60% |
| Dow Jones | 12.801,20 | −0,69% |
| Nasdaq 100 | 2.547,32 | −0,65% |
| S&P500 | 1.342,64 | −0,69% |
| Nikkei225 | 8.947,17 | −0,61% |
| EUR/USD | 1,3230 | −0,06% |
| Rohöl Brent Crude | 117,88 $ | +0,23% |
| Gold | 1.711,50 $ | −2,09% |
| Bund Future | 138,62 € | +1,01% |