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Daimler-Chrysler Herrscher Schrempp

06.04.2004 ·  Auch wenn viele Antworten am Mittwoch auf der Daimler-Chrysler-Hauptversammlung so vorhersehbar sind wie die Fragen, wird der Vorstandsvorsitzende Jürgen Schrempp bei vielen Aktionären wieder ein Gefühl der Ohnmacht auslösen.

Von Susanne Preuß
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Wie mag es nur Jürgen Schrempp gehen? Ob er wohl nervös ist, einen Tag vor der Hauptversammlung von Daimler-Chrysler in Berlin? Als Vorstandsvorsitzender eines Autokonzerns, der überall auf der Welt reichlich Schwierigkeiten hat, sitzt er am Mittwoch vor Tausenden von Aktionären, die wütend sind, weil der Aktienkurs seit Jahren auf Talfahrt ist. Aber Schrempp macht sich wahrscheinlich wenig Sorgen. Nach neun Jahren an der Spitze des Autobauers weiß er, was ihn in der Hauptversammlung erwartet: same procedure as every year.

Jahr für Jahr wird dem Vorstand vorgeworfen, daß Daimler-Chrysler immer noch mit Minenverlegesystemen und Trägerraketen für Atomsprengköpfe Geschäfte macht. Immer wieder wird gerügt, daß der Konzern die krebserzeugende Wirkung von Dieselruß ignoriert. Andere Klassiker unter den Wortmeldungen beschäftigen sich mit dem Verhältnis zur argentinischen Militärjunta, mit der Einstellung von Behinderten und mit der Frauenquote. Man kann es Jürgen Schrempp nicht krummnehmen, daß er vieles nach Schema F beantwortet.

Ärgerlich gestanzt

Hochgradig ärgerlich aber ist, daß Jürgen Schrempps Antworten auch dann gestanzt wirken, wenn es um die Dinge geht, für die er wirklich verantwortlich ist. Der Aktienkurs ist schlecht? Auch Schrempp ist nicht zufrieden. Zugleich aber, so meint er, sähen die Anleger leider nicht das gewaltige Potential, das in diesem wunderbaren Unternehmen stecke.

Die bei der Fusion von Daimler-Benz und Chrysler geweckten Hoffnungen von der "Hochzeit im Himmel" wurden nicht erfüllt? Wir haben uns schnellere Erfolge erhofft, räumt der Ehestifter Schrempp zerknirscht ein: Aber dann kam der 11. September, der Daimler zurückgeworfen hat, und der Rabattkrieg, der die Sanierung erschwert. Aber alles wird gut werden, versichert der Vorstandsvorsitzende und gibt eine kleine betriebswirtschaftliche Vorlesung über Skaleneffekte: Wenn von einer Sorte Schrauben 20 Millionen jährlich gekauft werden, die bei Chrysler, Jeep, Dodge, Mercedes, Maybach und Smart und in Zukunft auch bei Mitsubishi und vielleicht Hyundai zum Einsatz kommen, ist das viel billiger, als wenn man nur 4 Millionen Schrauben für Mercedes kauft.

Mitsubishi und die Milliarden

Viele Redebeiträge auf dem Aktionärstreffen werden sich mit der Frage befassen, ob sich Daimler-Chrysler mit Mitsubishi Motors einen Klotz ans Bein gebunden hat. Dies ist auf jeden Fall der vorherrschende Eindruck. Immerhin hat Schrempp reagiert. Die Misere vor Augen, wurde ein Team von hochqualifizierten Managern nach Tokio entsandt, um bis Ende April einen Geschäftsplan zu erarbeiten; erst wenn Klarheit geschaffen ist, wird entschieden, ob und in welchem Umfang weitere Milliarden zur Verfügung gestellt werden.

Selbst Mercedes-Benz, der größte Gewinnbringer im Konzern, dürfte zu kritischen Fragen Anlaß geben, denn der Absatz ist ins Stocken geraten. Die Nobelmarke auf dem absteigenden Ast? Schrempp läßt bisher keine Zweifel erkennen. Ein kleines Absatzminus sei allein auf den Lebenszyklus wichtiger Modelle zurückzuführen und natürlich auf den starken Euro, der die Autos in vielen Ländern der Erde teurer macht. Aber seien Sie versichert, wird Schrempp wie in all den Jahren bisher hinzufügen: wir haben eine Menge hervorragender, begeisternder Modelle in der Pipeline, und spätestens im nächsten Jahr wird alles noch viel besser. Solche operativen Probleme sind für Schrempp kein Grund, die Strategie zu wechseln.

Neues Thema Toll Collect

Ein einziges Thema ist ganz neu bei der Hauptversammlung in diesem Jahr: Toll Collect. Das Projekt ist eine Supersache, wird Schrempp erklären, und er wird eindringlich davor warnen, das Mautsystem schlechtzureden und damit seine grandiosen Chancen, ein Exportschlager zu werden, zu schmälern. Doch bei dieser Argumentation übersieht er geflissentlich, daß das Mautdesaster den Konzern schon mehrere hundert Millionen gekostet hat und noch längst nicht geklärt ist, ob nicht vielleicht noch viel größere Summen an den Staat fließen, weil das System nicht wie versprochen funktioniert. Es ist ein schwebendes Verfahren, zu dem Schrempp in der Hauptversammlung ohnehin nichts sagen kann, ebensowenig wie zu der Milliardenklage des früheren Großaktionärs Kirk Kerkorian, der dem Daimler-Chef vorwirft, beim Zusammenschluß von Daimler-Benz und Chrysler die Aktionäre über seine wahren Absichten getäuscht zu haben.

Auch wenn viele Antworten so vorhersehbar sind wie die Fragen und viele dieser Rechtfertigungen ganz einleuchtend klingen, werden Schrempps Äußerungen bei vielen Aktionären ein Gefühl der Ohnmacht auslösen. Nichts scheint diesen Vorstand aus der Ruhe zu bringen, nichts scheint ihn zum Nachdenken zu bewegen. Selbst Vertreter renommierter Fonds beklagen, ihre Nachfragen und ihre Bedenken würden nicht ernst genommen.

Machtverhältnisse betoniert

Darin liegt wohl das größte Problem von Daimler-Chrysler: Die Machtverhältnisse sind geradezu betoniert. In den oberen Hierarchieebenen hat Jürgen Schrempp immer mehr Gefolgsleute installieren können - das verleitet zu Selbstgerechtigkeit. Und nachdem so viele Jahre die ewig langen Hauptversammlungen mit Abstimmungsquoten jenseits der 90 Prozent endeten, wird sich Schrempp auch in diesem Jahr keine ernsthaften Sorgen um den Ausgang der Hauptversammlung machen.

Wenn Hilmar Kopper, was zu erwarten ist, wieder in den Aufsichtsrat und anschließend zu dessen Vorsitzendem gewählt wird, steht Schrempps Vertragsverlängerung als Vorstandschef des Autokonzerns bis 2008 nichts im Wege. Das heißt im Klartext: weiter so! Schrempp verspricht, daß alles besser wird. Aber kaum ein Aktionär wird ernsthaft hoffen können, daß auf diese Weise seine Aktien in absehbarer Zeit wieder ihren alten Wert erreichen werden.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.04.2004, Nr. 82 / Seite 11
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Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

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