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Dieter Zetsche : Daimler-Chef bittet China um Verzeihung

„Staatsfeind“ mit Manieren: Daimler-Chef Dieter Zetsche versucht, in Peking die Tür offenzuhalten. Bild: Reuters

Wegen eines Dalai-Lama-Zitats vollzieht Daimler selbst für chinesische Verhältnisse sehr tiefe Verbeugungen vor der Staatsführung. Peking könnte die Schwäche ausnutzen.

          Dass Dieter Zetsche ein großer China-Freund ist, steht eigentlich außer Frage bei all der Sympathie, die der Daimler-Vorstandschef für den größten Automarkt der Welt kundtut. Daimlers „zweite Heimat“ nennt Zetsche China. Weil der Konzern hier jedes vierte Auto verkauft, überrascht der Vorstandschef auf Automessen im Land mit Chinas roter Fahne am Jackenaufschlag. Auf diese Art Liebe für ein Land auszudrücken mag in Amerika üblich sein. In China ist es das keineswegs.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Auch als Daimler im vergangenen Jahr sein Flaggschiff, die neue S-Klasse, vorstellte, wählte Zetsche als Premierenbühne China. Ein Land, das bald 2 Millionen Menschen mit einem verfügbaren Vermögen von jeweils mindestens 10 Millionen Yuan (1,3 Millionen Euro), zählt.

          Als 2016 Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) nach dem Verkauf des Augsburger Roboterherstellers Kuka nach China forderte, strategisch wichtige Unternehmen vor chinesischen Käufern zu schützen, widersprach Zetsche öffentlich – während andere deutsche Automanager unter vier Augen sagten, Gabriel habe recht.

          Pekinger Zeitung beschimpft Daimler als „Volksfeind“

          Genützt hat Zetsche seine China-Liebe nichts. Als „Volksfeind“ beschimpfte die Pekinger „Volkszeitung“ Daimler am Mittwoch, das offizielle Verkündungsorgan der herrschenden Kommunistischen Partei. Der Angriff war die Reaktion darauf, dass ein Mitarbeiter aus Daimlers PR-Abteilung zu Wochenbeginn auf dem Fotonetzwerk Instagram vor dem Bild eines weißen Mercedes-Coupés den Dalai Lama zitiert hatte: „Betrachte eine Situation von allen Seiten, und du wirst offener werden.“ Nachdem am Dienstag ein Sturm der Entrüstung durch Chinas Internet gefegt war, hatte Daimler den Eintrag gelöscht und sich noch am Nachmittag auf dem chinesischen Kurznachrichtendienst Weibo „aufrichtig“ entschuldigt. Dann vollzog das Unternehmen eine selbst für chinesische Verhältnisse sehr tiefe Verbeugung vor der Staatsführung: man habe die „Gefühle des chinesischen Volkes zutiefst verletzt“.

          Das aber reichte offensichtlich nicht. Am Mittwoch entschuldigte sich Vorstandschef Dieter Zetsche persönlich. In einem Brief an Chinas Botschafter in Berlin, Shi Mingde, den auch Daimlers China-Vorstand Hubert Troska unterzeichnete, bat Zetsche zum zweiten Mal „aufrichtig“ bei China um Verzeihung. Dabei blieb es nicht. Daimler habe „keine Absicht, in irgendeiner Weise Chinas Souveränität und territoriale Integrität in Frage zu stellen oder anzuzweifeln“, legte Zetsche nach. Den Brief veröffentlichte Pekings amtliche Nachrichtenagentur Xinhua. Daimler hat den Inhalt gegenüber dieser Zeitung bestätigt.

          Sein Konzern liefere „keine Unterstützung oder Hilfe“ an Menschen, die die chinesischen Gebietsansprüche „vorsätzlich untergraben“ oder dies beabsichtigten, schrieb Zetsche. „Daimler bereut zutiefst das Leid und den Kummer, den der fahrlässige und unsensible Fehler über das chinesische Volk gebracht hat.“ Der Konzern erkenne „voll und ohne Einschränkung“ die „Ernsthaftigkeit der Situation“.

          Chinas Regierung nennt den Dalai Lama wahlweise den „Wolf im Schafspelz“ oder „Wolf in der Mönchskutte“. Das im indischen Exil lebende geistliche Oberhaupt der Tibeter sei ein „Separatist, der Tibet von China abzuspalten versuche“, gab am Donnerstag die Parteizeitung „Global Times“ die offizielle Linie wieder. Peking betrachtet den Friedensnobelpreisträger, der Tibet als von China unterdrückt ansieht und Menschenrechtsverstöße anprangert, als Staatsfeind Nummer eins.

          Ob Daimlers Entschuldigung Daimler hilft, ist allerdings gar nicht ausgemacht. Dessen Worte seien überhaupt nicht aufrichtig, ereiferte sich die nationalistische „Global Times“ am Donnerstag. Der Konzern scheine China „austricksen“ zu wollen und dessen Souveränität „in Zweifel zu ziehen“.

          Wie Chinas Regierung auf die persönliche Entschuldigung Zetsches reagiert hat, sagte Daimler nicht. Beobachter halten es jedoch für möglich, dass Peking die offensichtliche Abhängigkeit vom chinesischen Markt, die Daimler mit seiner Entschuldigungsarie offenbart hat, ausnutzen könnte – wie für das Vorhaben der Kommunistischen Partei, Überwachungszellen auf Vorstandsebene in den chinesischen Tochtergesellschaften deutscher Unternehmen zu installieren. Daimler müsse sich „an die Grundregeln im Land“ halten, hatte ein Sprecher des Außenministeriums den Konzern am Mittwoch gewarnt.

          Dabei passt die Partei ausgerechnet bei Daimler, das jetzt an den Pranger gestellt wird, schon lange auf im Pekinger Gemeinschaftsunternehmen. Eine Parteizelle gibt es dort längst. Als diese im Juni vergangenen Jahres das 96. Gründungsjahr der Kommunistischen Partei feierte, prangte der Mercedes-Stern neben Hammer und Sichel. Daimlers Parteisekretär sagte, seine Zelle spiele im Unternehmen „eine politische Kernrolle“ und sorge dafür, Daimlers „Geschäftsziele zu erreichen“.

          So sahen das auch viele deutsche Daimler-Manager: mit der Parteizelle habe man einen direkten Draht in die intransparente Machtzentrale des Landes. Das gebe Sicherheit. Bis der Dalai Lama kam.

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