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„Curry College“ Curry-Krise auf der Insel

28.01.2012 ·  Indischen Restaurants in Großbritannien fehlen Zehntausende Köche, weil die Regierung die Einwanderung ins Land beschränkt. Nun soll das „Curry College“ helfen.

Von Marcus Theurer, London
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© AP Hier wird scharf gekocht: Curry-Zubereitung in London

„Wir würden gerne expandieren“, sagt Asif Ali. Zehn bis zwanzig weitere Köche sucht der Gastwirt für sein indisches Restaurant Shish Mahal im schottischen Glasgow. Aber trotz Wirtschaftskrise sei der Arbeitsmarkt für qualifizierte Curry-Köche wie leergefegt. Weil die Arbeit hart und oft schlecht bezahlt ist, rekrutierten viele indische Restaurants bisher regelmäßig neues Personal aus Asien.

Doch das wird immer schwieriger. „Wir brauchen erfahrene Leute aus Indien, Pakistan oder Nepal, und wir kriegen keine, weil die Regierung kaum noch Köche ins Land lässt“, klagt der Restaurantbetreiber aus Glasgow. Damit ist er nicht allein: Während das Land zurück in die Rezession rutscht und die Arbeitslosigkeit steigt, fehlen der britischen Curry-Branche Zehntausende Köche.

Der Legende nach

Das Shish Mahal ist nicht irgendein Restaurant. Es ist der wohl beste Beweis dafür, wie sehr die fast 9.000 indischen Gastwirtschaften im Land in den vergangenen fünfzig Jahren Teil der kulinarischen Identität Großbritanniens geworden sind. Das populäre Chicken Tikka Masala, ein Gericht aus Hühnerfleisch in einer würzigen Tomatensoße, steht heute in ganz Europa auf vielen Speisekarten indischer Restaurants. Aber auf dem Subkontinent selbst ist es unbekannt. In Wahrheit stammt es aus dem Shish Mahal in Glasgow.

Der Legende nach beschwerte sich in den siebziger Jahren ein Gast, sein Huhn sei zu trocken. Da improvisierte Alis Vater Ali Ahmed Aslam und kreierte aus einer Dose Tomatensuppe und Gewürzen die inzwischen zum Standardrepertoire gehörende Soße. Vor zwei Jahren forderten schottische Abgeordnete sogar, die EU-Kommission müsse Glasgows Chicken Tikka Masala als geschützte Herkunftsbezeichnung registrieren.

Indisches Essen ist heute so britisch wie „Fish and Chips“. In London gebe es „mehr Curry-Häuser als in Dehli und Mumbai zusammen“, behauptet stolz Boris Johnson, der Bürgermeister der Themsemetropole, und hält die Restaurants für „einen Teil unseres kulturellen Erbes“. Schätzungen zufolge setzen die Restaurants, von denen die meisten gar nicht von Indern, sondern von Familien aus Bangladesch betrieben werden, rund 2,5 Milliarden Pfund im Jahr um. Die Branche beschäftigt mehr als 100000 Mitarbeiter. Doch es könnten noch viel mehr sein.

Das Curry-College

„Es fehlen 15.000 bis 20.000 Köche“, schätzt Syed Nahas Pasha, der Chefredakteur des Fachblatts „Curry Life Magazine“ in London. „Das ist ein großes Problem für die Branche, aber die Regierung interessiert sich nicht dafür.“ Der seit knapp zwei Jahren amtierende Premierminister David Cameron von der Konservativen Partei ist mit dem Wahlversprechen angetreten, die in den vergangenen 15 Jahren rasant gestiegene Einwanderung einzudämmen. Die Netto-Zuwanderung, also der Saldo zwischen Einwanderern und Auswanderern, solle binnen fünf Jahren auf weniger als 100000 Personen mehr als halbiert werden, hatte Cameron angekündigt.

Die Regierung in London hat sich ein verblüffendes Rezept ausgedacht, um den Curry-Notstand zu bekämpfen: Statt Einwanderern aus Asien sollen Briten die Lücken am Herd schließen. Gebraucht werde ein „Curry College“ - eine Kochschule, auf der lernwilligen Bürgern der Umgang mit Kardamom, Kurkuma und anderen exotischen Gewürzen gezeigt werden solle, findet Chris Grayling, Staatssekretär im Arbeitsministerium. „Wir müssen mehr Curry-Köche in Großbritannien ausbilden“, fordert der Politiker. Bisher allerdings blieb es bei dieser vagen Ankündigung.

Kein Hexenwerk

Kann man einem weißen Briten beibringen, wie ein leckeres Curry zubereitet wird? Darüber gehen die Meinungen auseinander. „Klar, wer kochen kann, der kann alles kochen“, meint der Bestseller-Autor und Restaurantkritiker Pat Chapman, der Dutzende von Asia-Kochbüchern verfasst hat. „Die indische Küche ist kein Hexenwerk“, sagt Chapman.

Viele Gastronomen bleiben dagegen skeptisch. „Mag ja sein, dass wir eine Million junge Leute haben, die Arbeit suchen“, sagt Enam Ali, der Gründer des renommierten Restaurants Le Raj in der englischen Grafschaft Surrey. „Aber aus einem IT-Fachmann kann ich keinen Koch machen“, beklagt der Gastronom und will auf kundiges Personal aus Indien und Bangladesch nicht verzichten. Auch Syed Nahas Pasha vom „Curry Life Magazin“ hat seine Zweifel. Der kulturelle Graben sei tief und die harte Arbeit wenig attraktiv: „Es hat schon seine Gründe, warum es bisher praktisch keine weißen Curry-Köche gibt.“

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Jahrgang 1972, Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

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