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Cromme gegen Löscher Machtkampf im Hause Siemens

 ·  Peter Löscher soll als Vorstandsvorsitzender von Siemens abgewählt werden. Joe Kaeser wird sein Nachfolger. Der Entscheidung war ein in der deutschen Industrie beispielloser Machtkampf voraus gegangen

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© dapd Vergrößern Der alte und der neue Vorstandsvorsitzende von Siemens: Peter Löscher (r.) muss seinen Hut nehmen, der bisherige Finanzvorstand Joe Kaeser folgt

Die Märkte kennen kein Pardon und brauchen keine Argumente. Als am Freitag zwischen 13 und 14 Uhr bekannt wurde, dass sich tags darauf der Aufsichtsrat von Siemens mit der „zukünftigen Zusammensetzung des Vorstands“ befassen werde, schnellte der Aktienkurs des Unternehmens binnen Sekunden um fast drei Prozent nach oben, auf mehr als 80 Euro. Die Botschaft der Kurstafel war eindeutig: „Peter Löscher muss weg.“ Die Anleger des Konzerns hoffen auf eine gute Zukunft von Siemens, ohne den derzeitigen Vorstandschef.

Wer den Österreicher daran misst, welche Wertsteigerung er für seine Eigentümer seit Amtsantritt erreicht hat, der kann den harten Spruch der Märkte verstehen. Verglichen mit den anderen Werten aus dem Dax hinkt der Kurs der Siemens-Aktie um rund 20 Prozentpunkte nach. Wer Löscher an anderen Kriterien misst, könnte milder gestimmt sein. Immerhin hat es der Mann in den ersten Amtsjahren geschafft, den von Korruptionsskandalen geschwächten Konzern zur Ruhe zu bringen. Als Mann von außen hat er gegen die „Lehmschicht“ der Firma einen Neuanfang gewagt.

Aufgeheizte Situation

Derartige Abwägungen spielten in der aufgeheizten Situation am Samstag nur noch eine untergeordnete Rolle. Von elf Uhr vormittags an tagten die Vertreter der Kapitalseite am Münchner Franz-Joseph-Strauß-Flughafen hinter verschlossenen Türen. Gerhard Cromme war gekommen, Vorsitzender des Gremiums und ehemals Oberkontrolleur von Thyssen-Krupp. Vor Ort waren auch sein Stellvertreter Josef Ackermann, einst Chef der Deutschen Bank, und Nicola Leibinger-Kammüller, Miteigentümerin des schwäbischen Maschinenbauunternehmens Trumpf. An getrenntem Ort scharten sich die Vertreter der Arbeitnehmerbank um IG-Metall-Chef Berthold Huber, auch er ein Stellvertreter Crommes im Aufsichtsrat.

Am Abend war dann die Entscheidung gefallen. Eine Mehrheit in beiden Lagern sprach sich dafür aus, am kommenden Mittwoch in einer regulären Sitzung des Aufsichtsrats Löscher abzuwählen und als seinen Nachfolger den bisherigen Finanzvorstand Josef „Joe“ Kaeser zu bestimmen. Freiwillig, das darf man daraus schließen, wollte Löscher nicht zurücktreten.

In nur zwei Tagen hatte sich die Lage beim drittgrößten deutschen Industriekonzern mit 370.000 Mitarbeitern und 78 Milliarden Euro Umsatz dramatisch zugespitzt. Ein Unternehmen, das früher einmal auf seine Langweiligkeit stolz war, leiste sich inzwischen eine „Chaostruppe“ als Vorstand, hieß es. Auslöser der Dramatik war eine sechszeilige Ad-hoc-Mitteilung des Unternehmens vom Donnerstag, in der nüchtern konstatiert wurde, man „gehe nicht mehr davon aus, bis zum Geschäftsjahr 2014 eine Ergebnismarge von mindestens 12 Prozent zu erreichen“, als Gewinn, bezogen auf den Umsatz.

„Mittelfeld ist für Siemens nicht genug“

Was wie eine unspektakuläre Korrektur der Gewinnerwartung klingt, bedeutet für Löscher eine Katastrophe. Denn er selbst hatte im vorigen November sein ambitioniertes Unternehmensprogramm 2014 verkündet: „Mittelfeld ist für Siemens einfach nicht genug.“ Jetzt ist Löscher wieder genau dort angekommen, worauf der Kurs der Aktie dramatisch abstürzte. Zum wiederholten Mal war der Vorstandschef genötigt, die eigenen Ziele zu korrigieren. Das erträgt der Kapitalmarkt auf Dauer nicht.

Und die Aufsichtsräte ertrugen es auch nicht. Cromme war mit dem festen Willen zur Sitzung gereist, Löscher zum Rücktritt zu zwingen. „Nicht angekommen“ im Konzern sei Löscher, jener Mann, den Cromme selbst vor sechs Jahren als Retter geholt hatte. Doch Löscher hat gekämpft. „Gerade jetzt ist der Kapitän bei Siemens mehr gefragt denn je“, ließ er via „Süddeutsche Zeitung“ an Crommes Adresse ausrichten. Auch wenn ihm der Wind ins Gesicht blase, fügte Löscher trotzig hinzu: „Es war noch nie meine Art, aufzugeben oder schnell die Segel zu streichen.“

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