31.07.2009 · Mehr als 150 Auslandsbanken zählt die Schweiz. Doch die Commerzbank hat genug. Binnen einer Woche hat sie sich verabschiedet. Die Dresdner Bank geht an die Fürstenbank LGT, die Commerzbank an Vontobel.
Von Jürgen Dunsch, ZürichMehr als 150 Auslandsbanken zählt die Schweiz. Doch die Commerzbank hat genug. Binnen einer Woche hat sie ihre zwei Einheiten in der Eidgenossenschaft abgestoßen. Zuerst erwarb die LGT des Fürstenhauses in Liechtenstein die Dresdner Bank (Schweiz) AG - der Käufer ist ausgerechnet jene Bank, die im Fall Zumwinkel zur Inkarnation der bösen Steueroase wurde. Jetzt fand die beauftragte Investmentbank Goldman Sachs auch einen Käufer für die Commerzbank in Zürich und Genf mit der Tochtergesellschaft in Wien. Es ist die Bank Vontobel, die traditionell starke Verbindungen zu Deutschland besitzt. Sie ist zwar an der Börse notiert, gehört aber mehrheitlich der Gründerfamilie.
Nach den Daten des Verbands der Auslandsbanken verwalteten die Commerzbank und die Dresdner Bank Ende 2008 in der Schweiz Kundenvermögen von 4,5 und 9,4 Milliarden Franken. Dies ist vergleichsweise wenig. Der Unterschied zur Deutschen Bank als dem größten im Land tätigen Geldhaus aus Deutschland springt ins Auge. Als sechstgrößtes ausländisches Institut bezogen auf den Bruttogewinn wies sie Ende 2008 ein Kundenvermögen von knapp 40 Milliarden Franken oder umgerechnet 27 Milliarden Euro aus.
Günstiger Zeitpunkt für den Kauf
Für Vontobels Vorstandsvorsitzenden Herbert Scheidt stellt der Erwerb gleichwohl ein bedeutendes Element der Wachstumsstrategie im Private Banking dar, steigt doch das betreute Vermögen dadurch um rund ein Fünftel auf 28 Milliarden Franken. Wie Vontobel kümmere sich auch die Commerzbank Schweiz als kleine, aber feine Adresse um die gehobene Privatkundschaft ab etwa einer Million Franken Vermögen. Auch die Märkte - die Schweiz, Deutschland, Osteuropa und Lateinamerika - seien deckungsgleich, sagt er im Gespräch mit der F.A.Z. Hinzu komme jetzt der Nahe Osten.
Scheidt erachtet den Erwerbszeitpunkt für günstig, auch wenn er keine Preise nennt. Sie liegen, wie man in der Branche hört, bei ein bis zwei Prozent der Kundenvermögen zusätzlich zum Eigenkapital. Vor der Finanzmarktkrise waren es drei bis vier Prozent. Für sein eigenes Haus verweist Scheidt auf die „sehr gute Eigenmittelbasis“. Die Folge: „Daher können wir jetzt Opportunitäten nutzen, die andere Institute in ihrer Kapitalnot nicht mehr imstande sind wahrzunehmen.“ Auch nach dem Erwerb betrage die Kernkapitalquote (Tier 1) rund 20 Prozent, ergänzt Scheidt.
Abkehr von Traditionen
Der Rückzug der Commerzbank erscheint nicht wegen des Volumens, sondern wegen der Bedeutung des Nachbarlands als traditioneller Ort der Vermögensverwaltung spektakulär. Selbst unter dem wachsenden Druck auf Steueroasen scheint der Finanzplatz nichts von seiner Anziehungskraft eingebüßt zu haben. So berichten viele Institute - neben der Credit Suisse dieser Tage auch Julius Bär und die Bank Sarasin - über einen Zuwachs an Kundengeldern im Private Banking in der ersten Jahreshälfte. Im gleichen Sinne äußerte sich unlängst Patrick Odier, der künftige Bankenpräsident von der Genfer Privatbank Lombard Odier Darier Hentsch.
Die Commerzbank begründet den Rückzug offiziell mit der Linie des Vorstandsvorsitzenden Martin Blessing, dass sich die Bank auf die Segmente Privatkunden und Mittelstandsbank, die kundenbezogenen Corporates & Markets-Aktivitäten sowie im Ausland auf Osteuropa konzentrieren wolle.
„Das Bankgeheimnis war im gesamten Verkaufsprozess kein Thema“, sagt Scheidt unmissverständlich. Auf den Gedanken könnte man kommen, weil es durch die OECD-Standards unter Druck geraten ist und die Bundesregierung im Zuge ihrer Hilfe für die Commerzbank dort inzwischen über eine Sperrminorität verfügt. Eines zumindest ist offensichtlich: Die Commerzbank in der Schweiz ist um einiges profitabler als ihre Tochtergesellschaft Dresdner Bank. Scheidt hat sich auch diese Bank angesehen, dann jedoch abgewinkt. Dies ruft in Erinnerung, dass die Dresdner Bank in der Schweiz 2007 wegen ungenügender Kontrollinstrumente ins Gerede kam und diese auf Anordnung der Bankenkommission verbessern musste. Auch der Chef musste gehen, wenngleich er sich persönlich nichts zuschulden kommen ließ.
Rückzug weiterer Institute deutet sich an
Die Commerzbank hat sich im Zuge ihrer Sanierung aus der Schweiz verabschiedet. Der amerikanische AIG-Konzern musste in einer Notaktion ebenfalls seine Privatbank in Zürich verkaufen, die an Investoren aus Abu Dhabi ging. Weitere Verkäufe seien wahrscheinlich, meinen Beobachter am Finanzplatz. So wird über die Swiss LB, Tochtergesellschaft der Bayerischen Landesbank und der Helaba, gesprochen. Ein heißer Tipp ist die ING in Genf, für die offenbar die Investmentbank J.P. Morgan schon ein Mandat besitzt. Scheidt von Vontobel sieht die Lage so: „Tendenziell sehen wir in der Schweiz weitere Banken auf den Markt kommen, da sich insbesondere ausländische Institute im Zuge ihrer Restrukturierung und Kapitalbeschaffung von Tochtergesellschaften trennen.“
An Kaufinteressenten scheint kein Mangel zu bestehen. Bei der Commerzbank sprach Goldman Sachs zunächst mit sieben bis acht Adressen. Nach der Dresdner Bank plane die LGT-Gruppe vorerst keine weiteren Akquisitionen im Private Banking, sagte ihr Vorstandsvorsitzender Prinz Max von und zu Liechtenstein der Nachrichtenagentur Reuters. Aber Scheidt bleibt wie andere am Ball. „Wir sind an weiteren Instituten im Private Banking grundsätzlich interessiert“, sagt er.
Jürgen Dunsch Jahrgang 1948, Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.
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