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Veröffentlicht: 20.03.2017, 07:11 Uhr

Firmenübernahme in IT-Branche Was Intel mit der Cebit gemeinsam hat

Der Chiphersteller braucht ein neues Profil. Die Cebit leidet mit – und will ein Kompass sein. Wohin geht also die Reise? Ein Kommentar zum Umbruch in der Computerwelt.

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© Reuters Die Computermesse Cebit beginnt heute in Hannover.

Dass der amerikanische Chiphersteller Intel soeben zu einem exorbitanten Preis das israelische Unternehmen Mobileye gekauft hat, verdient zu Beginn der Computermesse Cebit einen zweiten Blick. Denn diese Transaktion, die Intel zum Automobilzulieferer in der Welt des autonomen Fahrens machen soll, wirft ein Schlaglicht auf die Veränderungen in der Technologiebranche, denen auch die Cebit seit einigen Jahren unterworfen ist. Und sie zeigt, wie schwer es ist, die richtigen Antworten auf diese Herausforderungen zu finden.

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Intel und die Cebit haben, aus dieser Perspektive betrachtet, plötzlich sehr viele Gemeinsamkeiten. Dabei geht es nicht darum, dass Intel ein Stammgast unter den Ausstellern der Cebit ist. Die Parallelen finden sich an anderer Stelle: Ebenso wie die Cebit stand auch Intel über Jahre im Mittelpunkt des Geschehens, wenn es um die Digitalisierung der Wirtschaft ging. Die Welt der Personalcomputer und Laptops, das war Intel. Das war aber auch die Cebit. Dann wurden die Smartphones zu einem Massenphänomen. Nokia ging unter. Aber auch die Cebit blieb in diesem Geschäft außen vor, die Mobilfunkmesse in Barcelona hingegen wurde immer wichtiger. Und die machtvollen und stromfressenden Chips von Intel, ohne welche die Computerwelt zuvor nicht vorstellbar war, spielten in dieser neuen Handywelt plötzlich keine Rolle mehr. „Pentium“ & Co. ade: Intel, angeblich ein Unternehmen, das wusste, dass nur die Paranoiden überleben, hatte den wichtigsten Technologietrend des vergangenen Jahrzehnts mal eben verschlafen.

40-Fache des Umsatzes von zuletzt rund 400 Millionen Dollar

Für den Chipkonzern aus Kalifornien begann eine Zeit der Suche, und längst nicht jeder Weg, der eingeschlagen wurde, erwies sich als gute Wahl. Der Kauf von McAfee zum Beispiel, eines Herstellers von Antivirensoftware, war ein Fehlgriff: Gekauft für 8 Milliarden Dollar, verkauft für 5 Milliarden Dollar. So etwas darf einem Unternehmen nicht allzu häufig passieren. Das verbrannte Geld ist dabei gar nicht das größte Problem, schon gar nicht, wenn man nach wie vor so viel Gewinn aus seinem angestammten Geschäft zieht wie Intel. Die Technologiebranche ist vor allem zu schnelllebig, um mit falschen Ideen lange viel Zeit zu verplempern.

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Nun also folgt mit dem Kauf von Mobileye ein weiterer Versuch von Intel, mit seinen Produkten in einer Welt relevant zu bleiben, die sich weit über Personalcomputer und Smartphones hinaus digitalisiert. Wie groß die Verzweiflung des Unternehmens ist, zeigt sich am Kaufpreis: Intel zahlt fast das 40-Fache des Umsatzes von zuletzt rund 400 Millionen Dollar, also 15,6 Milliarden Dollar. Das ist für ein so kleines Unternehmen unglaublich viel Geld – und allein durch Kostensynergien geht diese Rechnung niemals auf. Hinzu kommt, dass Mobileye mit seiner Sensor- und Kameratechnik zwar an der technologischen Spitze zu finden ist, andere Unternehmen aber ebenfalls intensiv auf dem Gebiet forschen und nicht ausgemacht ist, dass die Kombination von Intel/Mobileye nur annähernd so marktdominant sein wird wie einst das Quasimonopol von Intel und Microsoft auf dem PC-Markt.

Von der monolithischen Messe zum Kreativlabor

Denn es sind nicht nur die Amerikaner des Internetkonzerns Alphabet/Google und des Mobilitätsdienstes Uber, die auf diesem Gebiet forschen, sondern natürlich auch deutsche Autozulieferer wie zum Beispiel Bosch oder Continental. Die Stuttgarter zum Beispiel haben wenige Tage vor der Cebit eine eigene Veranstaltung in Berlin genutzt, um kurz nach dem Mobileye-Geschäft ihre Strategie rund um das autonome Fahren und die künstliche Intelligenz zu beleuchten: Beim Bau des zentralen Fahrzeugcomputers im Auto will Bosch nun mit dem amerikanischen Chiphersteller Nvidia zusammenarbeiten. Nvidia soll Bosch einen Chip liefern, auf dem die mit maschinellen Lernverfahren erzeugten Algorithmen für die Fahrzeugbewegung gespeichert sind. Der „KI Autocomputer“ soll Anfang der kommenden Dekade in Serie gehen.

Es ist also viel los rund um die Themen, welche die Menschen in den kommenden Tagen nach Hannover locken sollen. Gründe für die Reise gibt es genug. Denn künstliche Intelligenz, Start-ups mit Ideen, die vielleicht irgendwann einmal so wertvoll sind wie die von Mobileye oder autonom fahrende Bus-Shuttles, die gibt es in den Messehallen nicht nur für weltgewandte Manager, sondern für jedermann zu sehen. Die gesamte digitale Wertschöpfungskette wird auf der Cebit in ihre Einzelteile zerlegt. Ebenso wie Intel kein reiner PC-Chiphersteller mehr ist, wird die Cebit von der monolithischen Messe zum Kreativlabor.

Klar wird dem Besucher beim Gang durch die Hallen vor allem, wie wichtig es für die Unternehmen geworden ist, Zugriff auf Daten zu haben: auf die Daten ihrer Kunden ebenso wie die von Maschinen oder eben von Sensoren, die Daten im Auto sammeln. Daten haben einen Wert, wenn man die richtigen Schlüsse aus ihnen zieht. Und allein das Wissen darüber ist für einen aufgeklärten Menschen heutzutage Pflicht. Auf der Suche nach der richtigen Vorstellung davon, wie man in einer solchen Welt erfolgreich leben und arbeiten kann, dient die Cebit als Kompass. Nicht nur Intel zahlt für eine solche Erkenntnis mehr Geld als den Cebit-Eintritt.

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