20.11.2009 · Chinas Solarindustrie wächst in der Krise, dank deutscher Einspeisevergütung. Dumpingvorwürfe weisen Hersteller wie Yingli weit von sich und bereiten sich auf die Öffnung des eigenen Riesenmarkts vor.
Von Christian Geinitz, BaodingIn Baoding weiß man auch ohne Kompass immer, wo Süden ist. Die Millionenstadt südwestlich von Peking hat alle Ampeln mit Solarzellen versehen, die Richtung Mittagssonne weisen. Die funkelnden Module sind der augenfälligste Ausweis dafür, dass sich Baoding als Zentrum für erneuerbare Energien versteht. Hier siedelt die Windkraftindustrie mit Herstellern wie Zhong Hang Huiteng oder Tianwei Wind Power. Auch die deutsche Nordex produzierte hier, bis sie ihre Fertigung näher ans Meer verlegte.
„Erneuerbare Energien sind die treibende Kraft für unsere Wirtschaft“, sagt Bürgermeister Li Qiang. „Seit 2004 wächst die Branche jedes Jahr um 50 Prozent.“ Dazu tragen neben der Windenergie ein Mann und sein Unternehmen bei, Liansheng Miao, 1956 in Baoding geboren, und die Yingli Green Energy Holding Company. Ein Banner auf dem Werksgelände preist die Gesellschaft als größten integrierten Photovoltaikkonzern der Welt. Das bedeutet, dass Yingli, anders als der Zellenhersteller und chinesische Marktführer Suntech, alle Glieder der Wertschöpfungskette selbst herstellt. Noch 2009 will man eine eigene Siliziumgewinnung eröffnen, in die zunächst 300 Millionen Dollar fließen.
Das Umweltbewusstsein der Deutschen zu Geld gemacht
Das Geld dafür ist da, trotz der Finanzkrise. Beim Börsengang in New York sammelte Yingli im Juni 240 Millionen Dollar ein, die Kreditlinie konnte man auf 1,3 Milliarden Dollar erhöhen. Der Umsatz hat sich 2008 auf 1,1 Milliarden Dollar mehr als verdoppelt, Ähnliches gilt für den Überschuss von 98 Millionen. Für 2009 erwarten Analysten einen Verlust, dennoch erweist sich Yingli als recht wetterfest. Während der Weltmarkt für Solarmodule 2009 von 5,95 auf 5,2 Gigawatt sinken dürfte, will die Gesellschaft ihren Ausstoß von 280 auf bis zu 500 Megawatt erhöhen. Von Rang 6 der größten Anbieter könnte man dann deutlich vorrücken, sagt Miao dieser Zeitung. „Der Markt hat eine faire Entscheidung getroffen, wer wettbewerbsfähig ist.“
Der aufgelaufene Verlust habe finanztechnische Gründe. „Unsere Bruttomarge wird 19 bis 20 Prozent betragen.“ Miao empfängt seine Gäste gern im Power Valley Jinjiang International Hotel, einem Zwanziggeschosser am Rande eines riesigen, von Yingli dominierten Gewerbegebiets. Der prachtvolle Bau gehört Miao privat, was nicht verwundert: Die Hurun-Liste der reichsten Chinesen gibt sein Vermögen mit 820 Millionen Dollar an. Zu Geld gemacht hat er vor allem das Umweltbewusstsein der Deutschen. Das von ihnen erfundene Umlageverfahren in den Energiepreisen sorgt dafür, dass Betreiber von Solaranlagen für die Einspeisung deutlich mehr vergütet bekommen, als der Strom aus der Steckdose kostet.
Da keine Einfuhrzölle existieren und es dem Gesetz egal ist, woher die Photovoltaikprodukte stammen, drängen die Chinesen vehement auf den deutschen Markt, den größten der Welt. Rund 27 Prozent aller in der Welt hergestellten Solarzellen stammten 2008 aus China, fast ebenso viel wie aus ganz Europa. Yingli verkauft mehr als drei Viertel seines Absatzes nach Deutschland.
Der preiswerteste Anbieter
Der Grund dafür ist einfach: Das Unternehmen gilt als preiswertester Anbieter. „Je Watt Leistung sind deutsche Lieferanten 15 Prozent teurer“, sagt Joachim Goldbeck, Gesellschafter des gleichnamigen Baukonzerns und Geschäftsführer des Tochterunternehmens Goldbeck Solar. Da die Qualität mittlerweile ebenbürtig sei, beziehe Goldbeck 90 Prozent seiner Solarprodukte aus China. „Yingli ist so gefragt, dass sie die Lieferungen zuteilen.“ Während die Deutschen im Einklang mit der Einspeisevergütung ihre Preise um bis zu 11 Prozent senkten, biete Yingli nur 2 Prozent an. „Die sind dann immer noch die Günstigsten.“
Die Erfolge von Yingli oder Suntech machen die europäische Konkurrenz nervös. Conergy, Solarworld und andere werfen den Chinesen „Dumping“ vor. So gewähre der Staat versteckte Subventionen oder verbilligte Kredite. Um die Asiaten im Zaum zu halten, verlangt der Europäische Verband Eurosolar, dass im Erneuerbare-Energien-Gesetz verbindliche Umwelt- und Qualitätsstandards festgeschrieben werden müssten. „Was solche Standards angeht, ist das hier tatsächlich der Wilde Osten“, sagt Goldbeck auf Kundenbesuch in Baoding. Yinglis Durchschnittslohn sei zwar doppelt so hoch wie anderswo, betrage aber nur 300 Euro im Monat.
Yingli fürchtet die Währungsschwankungen
Die Flächen habe das Unternehmen quasi geschenkt bekommen, die Energie sei hoch subventioniert. Fairerweise müsse man sagen, dass deutsche Hersteller ebenfalls stark unterstützt würden. „Die meisten Werke stehen in Ostdeutschland, wo es bis zu 50 Prozent Investitionsförderung gibt.“ Yingli selbst weist die Vorwürfe weit von sich. Als New Yorker Börsenunternehmen unterliege man einer strengen Aufsicht und könne nicht tricksen, sagt Miao. Umwelt- und Qualitätszertifikate, etwa vom deutschen TÜV, belegten, dass man sich an strenge Auflagen halte. Mehr als die Angriffe fürchtet Yingli, dass Währungsschwankungen die Preisvorteile zunichtemachen.
Seit Juli 2008 profitieren Exporteure davon, dass der Yuan an den Dollar gekoppelt ist und als stark unterbewertet gilt. Man müsse vorsorgen, falls die Währung aufwerte, bestätigt Yingli-Finanzvorstand Brian Li. Deshalb plane man eine Fertigung in Amerika und denke über Ähnliches in Europa nach. Suntech hatte zu Wochenbeginn ebenfalls angekündigt, erstmals ein Werk in den Vereinigten Staaten zu errichten.
Für genauso wichtig hält es Li, den chinesischen Markt zu entwickeln. Der steckt mit weniger als 100 Megawatt installierter Solarleistung noch in den Kinderschuhen, wird aber immer interessanter. Kürzlich kündigte die amerikanische First Solar an, 2010 in Nordchina das größte Solarkraftwerk der Welt zu bauen. Große Hoffnungen verbindet die Industrie mit der Revision der Energiegesetzgebung. Geplant ist, nach deutschem Vorbild die Netzbetreiber zur Abnahme des Stroms zu zwingen und den Anlagebetreibern eine Einspeisevergütung zu garantieren. „Wenn das kommt, schießt die Nachfrage sofort in die Höhe“, erwartet Li. Schon in drei Jahren könnte der Binnenmarkt 5 Gigawatt umfassen, 2020 gut 20 Gigawatt. Deutschlands Bedeutung dürfte dann immer mehr verblassen.
Christian Geinitz Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Peking.
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