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China Wanderarbeiter gesucht

04.03.2010 ·  In Südchina fehlen jetzt Arbeitskräfte. Das hat mit den niedrigen Löhnen und dem Konjunkturprogramm zu tun: Die Wanderarbeiter werden zu Hause gebraucht.

Von Christian Geinitz, Shenzhen/Kanton
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Hou Liqun steht in der Werkshalle seiner Kleiderfabrik in Guangzhou und deutet auf die leeren Tische mit den Nähmaschinen. „Ich brauche 80 Schneiderinnen, habe aber nur 20“, sagt er, „die meisten Wanderarbeiter sind nach dem Frühlingsfest nicht zurückgekommen.“ Diese Neigung gebe es seit einigen Jahren, aber so drastisch wie diesmal sei der Arbeitskräftemangel lange nicht gewesen. Da die Mitarbeiter nicht zum Unternehmen kommen, kommt das Unternehmen zu ihnen. In der nördlichen Nachbarprovinz Jiangxi lässt Hou wie in alten Zeiten Hemden oder Hosen in Heimarbeit fertigen. Damit gibt er 600 Näherinnen Arbeit, 200 weitere setzen die Einzelteile in einem Werk in Jiangxi zu Kleidungsstücken zusammen.

Die Fabrik in der Südmetropole Guangzhou (Kanton) wird für das Unternehmen Feixiang immer unwichtiger. „Wenn ich nicht bald Leute finde, halbieren wir den Betrieb“, sagt Geschäftsführer Hou. Der Aufschwung ist zurückgekehrt nach Südchina und mit ihm der Bedarf an Arbeitskräften. Zuvor hatte Guangdong mit seinen industriellen Zentren Guangzhou, Shenzhen, Zhuhai oder Dongguan stark unter der Krise gelitten. Üblicherweise erwirtschaftet die Region ein Zwölftel des chinesischen Bruttoinlandsprodukts – fast so viel wie Taiwan und Singapur zusammen. Da die Region für ein Drittel der chinesischen Ausfuhr verantwortlich ist, litt sie wie kaum eine andere unter dem Einbruch der Weltwirtschaft. 2008 und zu Beginn des Jahres 2009 mussten Zehntausende Fabriken ihre Tore schließen. Die Zahl der Entlassungen ist unbekannt, doch sollen im ganzen Land 20 Millionen Wanderarbeiter ohne Beschäftigung gewesen sein; 18 Prozent aller Kräfte sind üblicherweise in Guangdong tätig.

Aufwärts im Perlflussdelta

Mittlerweile geht es wieder aufwärts im Perlflussdelta. „Die Orderbücher sind voll, selbst für den Export“, sagt Hou. „Arbeit ist da, nur keine Leute, das kostet Umsatz.“ Ähnlich ergeht es den großen Unternehmen. „Wir liegen 50 bis 75 Prozent über unserem normalen Auftragsbestand und suchen händeringend Personal“, sagt der Geschäftsführer eines Fertigungsbetriebs für elektronische Bauelemente in Zhuhai.

Vor einem Jahr, auf dem Höhepunkt der Krise, habe man nur die Hälfte des üblichen Geschäftsvolumens abgewickelt. Damals zählte das Unternehmen 3000 Arbeitsplätze, heute sind es 8000 – gut 3000 davon sind noch unbesetzt. Die Provinzverwaltung hat errechnet, dass von den 26 Millionen Stellen für Wanderarbeiter 900 000 vakant sind. Für ganz China hat das nationale Arbeitsministerium ermittelt, dass 90 Prozent der befragten Unternehmen Neueinstellungen planen, 70 Prozent befürchten dabei Schwierigkeiten. Um gegenzusteuern, schlägt die Provinzregierung Lohnerhöhungen vor.

Der Unternehmer Hou winkt ab. Die Bezüge könne man nicht aufstocken, da die Margen ohnehin gering seien. „Schon jetzt wandern viele Aufträge nach Kambodscha oder Afrika ab.“ Bei einzelnen Komponenten seien die Gewinnspannen geringer als ein Prozent. Der Hongkonger Hersteller von Lerncomputern V-Tech habe die Fertigung bereits nach Vietnam verlagert. Den Arbeitskräftemangel erklärt der Manager mit dem Konjunkturprogramm der Regierung, das 4000 Milliarden Yuan umfasst, rund 430 Milliarden Euro. Das meiste Geld werde im Landesinnern investiert, wo große Infrastrukturvorhaben den Menschen Arbeit gäben und günstige Darlehen sie zur Selbständigkeit ermunterten.

Fabriken in den Herkunftsorten zahlen mittlerweile besser

Die Konzentration der Stimuluspolitik auf die weniger entwickelten Landstriche zahlt sich für diese aus. Nach Angaben des Nationalen Statistikbüros wuchs 2009 das verarbeitende Gewerbe in Westchina um 15,5 Prozent. Im Zentrum waren es 12,1 Prozent, im Industriegürtel von Ost- und Südchina nur 9,7 Prozent – normalerweise ist die Reihenfolge umgekehrt. Hou erklärt das zu geringe Arbeitskräfteangebot auch damit, dass den jungen Wanderarbeitern einfache manuelle Tätigkeiten nicht lägen. Sie strebten lieber in die Dienstleistungen. Die älteren Wanderarbeiter wiederum seien das lange Reisen und die Trennung von ihren Familien leid. Die Fabriken an den Herkunftsorten zahlten mittlerweile fast so viel wie in Guangzhou.

Tatsächlich stellen die jungen Bewerber mit wachsender Qualifikation immer höhere Ansprüche. „Meine Eltern sind Bauern, meine Mutter hat am Fließband gestanden, beides möchte ich nicht“, sagt die 25 Jahre alte Jian Fengjuan aus der Provinz Hunan. Zusammen mit zwei Freundinnen prüft sie die Stellenangebote auf den riesigen Tafeln einer privaten Arbeitsvermittlung in Shenzhen. Der Grundlohn für einfache Tätigkeiten beträgt in den meisten Offerten 1000 Yuan im Monat (107 Euro) für 40 Stunden Arbeit in der Woche. Einschließlich Leistungs- und Überstundenzuschlag sind zwischen 1400 und 2600 Yuan zu erzielen. Jian erwartet aber ein Grundgehalt von 2000 bis 2500 Yuan. Schließlich haben sie und ihre Freundinnen je 6000 Yuan in einen Kurs für Geschäftsenglisch investiert.

Die Flaute am Arbeitsmarkt merken auch die Stellenvermittler. Während der großen Entlassungswellen sprachen bei der wichtigsten privaten Arbeitsvermittlung von Shenzhen, Zhongnan, jeden Tag bis zu 10 000 Arbeitssuchende vor. Derzeit sind es kaum 6000. Um ihre Attraktivität zu erhöhen, hätten die Unternehmen die Durchschnittslöhne um mehr als 10 Prozent erhöht, sagt Zhongnan-Geschäftsführer Feng Renping. Auch organisierte am vergangenen Wochenende das Arbeitsamt erstmals eine Rekrutierungsreise für 30 Großunternehmen in die nördlich gelegenen Provinzen.

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Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Peking.

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