16.06.2008 · Schlecht gebeizte Maissaat hat rund 11.500 Bienenvölker in Baden-Württemberg geschädigt, 700 Imker erlitten Umsatzeinbußen durch das Massensterben der Bienen. Das Pflanzenschutzmittel stammt von Bayer CropScience. Der Chemiekonzern will den Fall mit Sofortzahlungen schnell abschließen.
Von Uta BittnerIn vielen Bienenstöcken wird das Summen und Brummen in diesem Sommer weniger stark ausfallen. Das Massensterben der Honigbienen am Oberrhein hat Imker, Landwirte, Politiker und ein Chemieunternehmen gleichermaßen geschockt: Durch ein Pflanzenschutzmittel des Herstellers Bayer CropScience sind mehrere tausend Bienenvölker in der Rheinebene zwischen Lörrach und Rastatt abgetötet worden. Auch auf die Region rund um Freiburg hat sich das Sterben mittlerweile ausgebreitet. Die Imker sind alarmiert. Seit Freitag sind nun genauere Zahlen zum Schadensumfang bekannt: Insgesamt 700 Imker haben bis Anfang Juni Schadensmeldungen bei den zuständigen Behörden eingereicht, berichtet das Ministerium für Ernährung und Ländlichen Raum Baden-Württemberg. Rund 11.500 Bienenvölker sind betroffen, das heißt: sie sind entweder ganz oder teilweise dezimiert. Viele haben ihre Flugbienen verloren, mit gravierenden Folgen: Ab einer gewissen Flugbienenverlustrate ist eine Honigernte in 2008 nicht oder nur stark eingeschränkt möglich, sagen Fachleute. „Der wirtschaftliche Schaden kann bei den stark geschädigten Völkern ein Jahr Totalausfall an Ertrag bedeuten“, schätzt Peter Rosenkranz, Leiter der Landesanstalt für Bienenkunde an der Universität Hohenheim.
Grund für das Bienensterben ist der im Pflanzenschutzmittel „Poncho“ enthaltene Wirkstoff Clothianidin, wie das Julius-Kühn-Institut nachgewiesen hat. Das Mittel, das für die Behandlung von Maissaatgut zugelassen ist, haftete nicht ausreichend an den Maiskörnern. Bayer CropScience spricht „von einem technischen Fehler“ beim Beizvorgang, der in der Verantwortung mehrerer Saatgutmittelanbieter liege. Starker Wind und Trockenheit taten ihr Übriges: Durch sie lösten sich Stäube des nicht korrekt an den Saatkörnern haftenden Giftes und wurden in die Umwelt geweht. Sie blieben beispielsweise auf Raps-, Löwenzahn- oder Obstblüten kleben – also auf Pflanzen, die klassischerweise von den Honigbienen angesteuert werden. Das Ergebnis: Die Bienen nahmen den Stoff auf und starben. Clothianidin wurde in hoher Dosierung bei den verendeten Bienen vorgefunden.
Mit einem blauen Auge davonkommen
Als die ersten ungewöhnlichen Fälle von Bienensterben Ende April auftraten und in Verbindung mit dem Mittel Poncho gebracht wurden, hatte das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) schnell reagiert: Es setzte Mitte Mai die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln mit Clothianidin und einer Reihe anderer Wirkstoffe außer Kraft. Auch die Bayer CropScience AG sah das Unheil nahen und gab fünf Tage nach der Aussetzung bekannt, dass man den betroffenen Imkern finanzielle Mittel bereitstellen wolle, „um insbesondere betriebsbedrohende Situationen zu vermeiden“, wie es in einer Mitteilung des Unternehmens hieß. Die Unterstützung, so betont das Unternehmen, erfolge auf freiwilliger Basis. Genaue Angaben zur Höhe der Zahlungen wollte ein Sprecher des Unternehmens nicht machen. „Wir bedauern die aktuellen Bienenverluste und die daraus entstandene Situation für die Imker in Baden-Württemberg“, schreibt Richard Schmuck, Ökologe von Bayer CropScience, auf der Unternehmenshomepage. Man arbeite eng mit allen Beteiligten daran, die Anwendungssicherheit zu verbessern, heißt es weiter.
Das Ziel von Bayer ist klar: Poncho soll so schnell wie möglich wieder zugelassen werden. Noch hat Bayer CropScience keine Umsatzeinbußen durch die Aussetzung, denn der Zulassungsstopp erfolgte, nachdem bereits die Maissaat im Boden gelandet war. Sollte das Pflanzenschutzmittel aber zur nächsten Raps- und Maisaussaat immer noch nicht freigegeben worden sein, dann könnte es schon zu Umsatzausfällen kommen, heißt es von Unternehmensseite. Bayer hat im vergangenen Jahr mit Poncho einen Umsatz von knapp 240 Millionen Euro gemacht. Insgesamt arbeiten rund 17.800 Mitarbeiter für den Teilbereich des Bayer-Konzerns, der sich auf Pflanzenschutzmittel und Schädlingsbekämpfung spezialisiert hat. Sollte die Poncho-Zulassung nicht rechtzeitig zur nächsten Aussaat-Saison erfolgen, so könnte Bayer CropScience dennoch mit einem blauen Auge davonkommen: Wenn die Landwirte den Pflanzenschutz nicht beizen dürften, müssen sie auf andere Schutzverfahren zurückgreifen – und beispielsweise spritzen. Die dann erhöhte Nachfrage nach Spritzmitteln könnte Bayers Umsatzausfall mit Poncho wiederum wettmachen.
Der Horror ist noch nicht vorbei
In dieser Woche sollen nun die Schadensmeldungen begutachtet werden, um herauszufinden, welche Schäden tatsächlich auf Clothianidin zurückzuführen sind. Ist das geschehen, fließen die Sofortzahlungen von Bayer – im besten Fall schon im Juli – an die betroffenen Imker. Die Abwicklung der Zahlungen übernimmt dabei das Land Baden-Württemberg. Damit sei der Fall dann abgeschlossen, heißt es von Unternehmensseite. Nicht abgeschlossen sind indes die weiteren Untersuchungen. So wird geprüft, ob Clothianidin auch Obst und Gemüse befallen hat. Bisherige Ergebnisse hätten keine Rückstände des Giftes aufgewiesen, berichtet das Ministerium. Zudem hat das BVL den Chemiekonzern dazu verpflichtet, die mit Poncho behandelten Äcker zu beobachten, um sicherzugehen, dass nun von den Maispollen der fehlerhaften Aussaat keine Gefahr für die Bienen ausgeht. Befürchtungen, dass sich Clothianidin auch im Honig wiederfinde, sind bisher durch entsprechende Analysen von Stichproben nicht bestätigt worden.
Für die betroffenen Imker ist indes der Horror des Massensterbens noch nicht zu Ende: Sie müssen nun ihre Völker wieder aufbauen. Honigengpässe erwarten Fachleute durch den Vorfall nicht. Allerdings drohen den heimischen Imkern Umsatzausfälle, die sie wohl kaum mit höheren Honigpreisen kompensieren können. Denn gut 70 Prozent des in Deutschland angebotenen Honigs kommt aus dem Ausland.
Wirkstoff-Tests waren unauffällig
Poncho ist nicht das einzige in Deutschland zugelassene Pflanzenschutzmittel mit diesem toxischen Wirkstoff. Insgesamt sechs clothianidinhaltige Mittel dürfen auf deutschen Äckern seit 2004 verwendet werden. Von Anfang an war bekannt, schreibt das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, dass Clothianidin für Honigbienen sehr toxisch ist. Doch in den Zulassungstests konnten keine negativen Entwicklungen auf beispielsweise die Mortalität oder die Brut der fliegenden Honigmacher festgestellt werden. Das Beizungsverfahren schien sicher.
Insgesamt gibt es in Baden-Württemberg noch deutlich mehr nichtgeschädigte als geschädigte Imker. Insgesamt rund 16.000 Imker mit etwa 150.000 Bienenvölkern zählt das Bundesland im Südwesten Deutschlands. Auch Hummeln und andere blütensuchende Insekten sind von der unkontrollierten Clothianidin-Ausbreitung betroffen. Bienen sind – neben der Honigproduktion – vor allem für die Bestäubung von Pflanzen wichtig. Ein Drittel der Nahrung auf der Welt hängt von der Bestäubung ab. Und die kleinen Honiglieferanten übernehmen 80 Prozent dieser Arbeit. Ein Ausfall der Bestäubungsleistung kann somit auch direkte Auswirkungen auf die landwirtschaftliche Produktion haben.
| Name | Kurs | Prozent |
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