16.06.2005 · Für die rund 550.000 Beschäftigten in der chemischen Industrie gibt es einen neuen Tarifvertrag. Ohne Arbeitskampfgetöse haben sich Arbeitgeber und Gewerkschaften schon in der zweiten Tarifrunde geeinigt.
Es ging wie immer weitgehend ruhig und ohne großes Getöse über die Bühne: Schon in der zweiten bundesweiten Verhandlungsrunde ist den Tarifparteien der Chemiebranche einer der ersten großen Abschlüsse des Jahres in der Privatwirtschaft gelungen - und das ganz ohne Streikdrohungen und Schlichtungsrunden. Sowohl die als gemäßigt geltende IG Bergbau-Chemie-Energie (IG BCE) als auch die Arbeitgeber hatten frühzeitig Kompromißbereitschaft signalisiert. So konnten sie sich schon am Donnerstag nachmittag im rheinland-pfälzischen Lahnstein einigen.
Der neue Tarifvertrag mit einer Laufzeit von 19 Monaten sieht für die rund 550.000 Beschäftigten in insgesamt 1.900 Chemieunternehmen 2,7 Prozent mehr Entgelt und eine flexibilisierte Einmalzahlung von 1,2 Prozent eines Monatsgehalts multipliziert mit 19 vor. Die Einmalzahlung wird spätestens im Februar 2006 fällig, allerdings gibt es eine Öffnungsklausel für Unternehmen in wirtschaftlichen Schwierigkeiten.
Kein Tarifbonus für Gewerkschaftsmitglieder
Erneut beschritten die Tarifpartner in der Chemiebranche neue Wege, denn erstmals wurde in Deutschland ein Vertrag über eine verbindliche tarifliche Altersvorsorge geschlossen. Vermögenswirksame Leistungen werden damit künftig verbindlich in die Altersvorsorge gesteckt. Gleichzeitig einigten sich die Tarifparteien auf die Schaffung von mehr Ausbildungsplätzen und eine stärkere Unterstützung von Arbeitslosen.
Verzichten mußte die Gewerkschaft dagegen auf ihre Forderung nach einem Tarifbonus für ihre Mitglieder. Gedacht war an eine bezahlte Freistellung, um Weiterbildungsmaßnahmen in Anspruch zu nehmen. Die Arbeitgeber hatten aber frühzeitig deutlich gemacht, daß eine Besserstellung der Gewerkschafter mit ihnen derzeit nicht zu machen sei. Schon vor der zweiten Verhandlungsrunde rückte die IG BCE von ihrer Forderung ab. Wichtig sei es, einen Fuß in der Tür zu haben und das Thema für die kommenden Tarifrunden auf der Agenda zu belassen, hieß es von Seiten der Gewerkschaft.
„Bis an die Grenzen des Machbaren“
Beide Seiten zeigten sich mit dem Tarifabschluß zufrieden, allerdings betonte Hans-Carsten Hansen, der Verhandlungsführer des Bundesverbandes Chemie (BAVG), die Arbeitgeber seien „bis an die Grenzen des Machbaren herangeführt“ worden. BAVG-Präsident Eggert Voscherau betonte: „Beide Seiten haben wieder Verantwortungsbewußtsein gezeigt.“ Laut IG-BCE-Verhandlungsführer Werner Bischoff wurde besonders um die Einkommenserhöhung hart gerungen. „Das Paket kann sich sehen lassen, insgesamt ist das Abkommen für beide Seiten akzeptabel“, betonte er.
Bereits vor zwei Jahren hatte die Chemieindustrie vorgemacht, wie auch ohne dramatische Arbeitskampf-Szenarien am Ende ein vernünftiger Tarifabschluß stehen kann. Damals erhielten die Beschäftigten 2,6 Prozent mehr Geld. Auch auf den bundesweit ersten Tarifvertrag zur Schaffung von Ausbildungsplätzen einigten sich die Parteien damals weitgehend geräuschlos. Etwas anderes scheint in der chemischen Industrie gar nicht mehr vorstellbar: Der letzte und bislang einzige Streik in der Chemieindustrie nach dem Zweiten Weltkrieg liegt 24 Jahre zurück.
„Wir haben nur die Busse gestellt“
Zwar demonstrierten vor dem Lahnsteiner Verhandlungshotel nach Gewerkschaftsangaben rund 700 Chemie-Arbeitnehmer hauptsächlich von BASF und Procter & Gamble für höhere Entgelte, doch die Gewerkschaft legte Wert auf die Feststellung, die Aktion nicht selbst organisiert zu haben. „Das hat sich spontan in den Betrieben entwickelt, wir haben nur die Busse zur Verfügung gestellt“, betonte IG-BCE-Sprecher Michael Denecke.
Der Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVG) hatte während der Verhandlungen immer wieder auf die gespaltene Entwicklung in der Chemiebranche verwiesen. Die guten Ergebnisberichte der großen, exportorientierten Unternehmen seien nicht repräsentativ. Auch die konjunkturelle Erholung scheine sich im zweiten Halbjahr nicht fortzusetzen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.374,84 | −1,39% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2427 | −0,49% |
| Rohöl Brent Crude | 104,31 $ | −2,38% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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