http://www.faz.net/-gqe-74k2k
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 23.11.2012, 18:19 Uhr

Chemie BASF investiert Rekordsumme in Ludwigshafen

Noch nie hat der Chemiekonzern BASF so viel Geld für ein einzelnes Projekt an seinem Stammsitz ausgegeben: Für eine Milliarde Euro wird eine neue Anlage zur Produktion der Chemikalie TDI gebaut.

von
© dpa BASF-Stammwerk in Ludwigshafen

Der Chemiekonzern BASF stärkt seinen Stammsitz in Ludwigshafen mit einer Rekordinvestition. Für eine Milliarde Euro baut das Unternehmen eine neue Anlage zur Herstellung einer Chemikalie, die zu Endprodukten wie Sitzpolstern und Matratzenschaum weiterverarbeitet werden kann. Die wichtigsten Abnehmer dieser Produkte sind Unternehmen aus der Auto- und Möbelbranche. Seit der Gründung im Jahr 1865 hat BASF nach eigenen Angaben noch nie so viel Geld für eine Einzelinvestition in Ludwigshafen ausgegeben.

Sebastian Balzter Folgen:

Die Anlage soll Ende 2014 in Betrieb genommen werden und künftig bis zu 300.000 Tonnen TDI (Toluoldiisocyanat) im Jahr produzieren, mehr als jede andere ihrer Art in Europa. Der Leverkusener Wettbewerber Bayer hat in Dormagen zwar schon den Bau einer Anlage derselben Größenordnung begonnen, veranschlagt dafür wegen eines anderen Projektzuschnitts aber deutlich geringere Investitionskosten.

Im Gegenzug soll die TDI-Fertigung in Brandenburg geschlossen werden

Die Nachfrage nach TDI ist nach Auskunft der BASF SE in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. Branchenbeobachter rechnen damit, dass sich dieser Trend fortsetzen wird; bis 2020 rechnen sie für Europa, Afrika und den Nahen Osten, die Zielmärkte der deutschen TDI-Produktion, mit jährlichen Steigerungsraten von 5,5 Prozent. Außer Bayer hat auch der ungarische Hersteller Borsodchem auf diese Entwicklung jüngst mit dem Bau von zwei neuen Produktionsstätten reagiert, die zusammen eine Kapazität von knapp 300.000 Tonnen erreichen könnten. Die ebenso hohe Kapazität der neuen Fertigungsstätte von BASF allein wird nach Angaben des Verbands der Chemischen Industrie etwa der Hälfte der 2011 in Deutschland hergestellten Menge TDI entsprechen. Eine Konsolidierung zulasten kleinerer Hersteller und Anlagen halten Beobachter angesichts der Ausbaupläne mittelfristig für unausweichlich.

BASF, der mit einem Umsatz von 73,5 Milliarden Euro größte Chemiekonzern der Welt, sieht sich jedoch als europäischen Kostenführer in der TDI-Produktion - und deshalb auch für diese mögliche Entwicklung gut gerüstet. Tatsächlich gehört zu der Investition schon eine interne Konsolidierung: Im Gegenzug soll die TDI-Fertigung von BASF in Schwarzheide in Brandenburg geschlossen werden. Dort werden zurzeit rund 80.000 Tonnen im Jahr hergestellt. Außerdem stellt der Konzern die Chemikalie auch in Geismar im amerikanischen Bundesstaat Louisiana sowie in zwei Werken in China und Südkorea her. Die Entscheidung zum Bau der neuen Anlage in Ludwigshafen war schon im Januar gefallen; intern war zuvor der BASF-Standort Antwerpen der schärfste Konkurrent des Stammwerks gewesen. Um wie viel es in dem Wettbewerb der beiden Standorte gegangen ist, belegt ein Blick in die Bilanz des Konzerns: Die nun vorgesehene Investitionssumme entspricht allein knapp einem Zehntel aller Investitionskosten, die der Konzern zwischen 2006 und 2010 insgesamt getätigt hat.

Mehr zum Thema

Die hochgiftige Chemikalie TDI selbst gehört zu den Grund- und Zwischenprodukten, die im vergangenen Jahr rund 18 Prozent zum Gesamtumsatz von BASF beitrugen; die aus TDI hergestellten Weichschäume aus Polyurethan hingegen fallen in das näher an den Industriekunden orientierte Geschäftsfeld Plastics, in dem 15 Prozent der Konzernerlöse erzielt werden. Während der jüngste Quartalsbericht für die meisten Grund- und Zwischenstoffe auf sinkende Margen verweist, heißt es über das Polyurethan-Geschäft, sowohl die Absatzmengen als auch die Verkaufspreise seien gestiegen. Gegenüber dem Vorjahresquartal wird für diesen Bereich ein kräftiger Umsatzanstieg von 12 Prozent auf knapp 1,7 Milliarden Euro ausgewiesen.

„Der Bau an unserem größten Verbundstandort bietet uns die Vorteile exzellenter Produktionssynergien, der Integration von Rohstoffen und einer hervorragenden Logistik“, begründet Wayne Smith, der für das Polyurethan-Geschäft verantwortliche BASF-Manager, die Entscheidung für Ludwigshafen. Die dort rund um die TDI-Fertigung genutzte Wertschöpfungskette reicht von der Herstellung und Reinigung von Vorprodukten wie Salpetersäure, Chlor und Synthesegas bis zur Weichschaum-Fertigung.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Druckgewerbe Der Papier-Pionier

Papier ist heiß begehrt und der Verbrauch nimmt weltweit zu. Dass der Werkstoff günstig in großen Mengen hergestellt werden kann, hat man vor allem Friedrich Gottlob Keller zu verdanken. Dessen Erfindung sorgte vor fast 150 Jahren für eine technische Revolution. Mehr Von Georg Küffner

18.06.2016, 11:27 Uhr | Gesellschaft
Neue Technik in Barcelona Essen aus dem 3D-Drucker

3D-Druck wird In Barcelona ganz groß geschrieben. Bei Natural Machines etwa kommt Essen aus dem 3D-Drucker. Andere fertigen damit Miniaturen eines gescannten Körpers. Mehr

02.06.2016, 02:00 Uhr | Wirtschaft
Gipfel in Sankt Petersburg Putin fordert normale Wirtschaftsbeziehungen

Deutsche Industriekonzerne hoffen nach dem Petersburger Wirtschaftsforum auf neues russisches Interesse an Spitzentechnologie. Wenn da nicht die Sanktionen wären. Mehr Von Benjamin Triebe, Sankt Petersburg

17.06.2016, 15:39 Uhr | Wirtschaft
Amerika Bahn fahren mit 1200 Stundenkilometern

Mit Reisegeschwindigkeiten von über 1200 Stundenkilometern am Boden will die amerikanische Firma Hyperloop One den Personenverkehr revolutionieren. Magnetschwebetechnologie soll Transportkapseln dabei durch Röhren mit reduziertem Luftdruck bewegen. Am Mittwoch kündigte Firmenchef Brogan Bambrogan nun an, bis zum Ende des Jahres einen fertigen Prototypen in der Wüste von Nevada testen zu wollen. Mehr

02.06.2016, 10:00 Uhr | Wirtschaft
Amerika Diesel-Skandal wird für VW immer teurer

Der Abgas-Skandal wird für Volkswagen in Amerika immer teurer. Einem Bericht zufolge sind die Kosten von neun Milliarden Euro nicht mehr zu halten. Mehr

28.06.2016, 06:50 Uhr | Wirtschaft

Das Herz der EU

Von Holger Steltzner

Der EU-Binnenmarkt ist in Misskredit geraten, viele verteufeln ihn als neoliberal oder verunglimpfen ihn als Machtmittel deutscher Hegemonie. Dabei ist gerade er der wirtschaftliche Motor, der Wachstum und Wohlstand bescherte. Mehr 111 136

Grafik des Tages Ist der Mindestlohn schlimm?

Seit anderthalb Jahren gilt in Deutschland ein gesetzlicher Mindestlohn. Immer noch zweifeln viele Firmen, dass er ihre Erträge schmälern wird - besonders in einer Branche. Mehr 0

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden