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Kultur der Demokratie : Chefs dürfen zur Politik nicht schweigen

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Die Diskursverantwortung beginnt im Unternehmen in der informellen Kommunikation der Manager mit Kollegen, Mitarbeitern und Vorgesetzten. Bild: Picture-Alliance

Der Management-Vordenker Peter Drucker war überzeugt, dass freie Unternehmer eine menschenrechtsbasierte Demokratie brauchen. Für die muss man sich aber auch einsetzen. Ein Gastbeitrag.

          Management und Politik in turbulenten Zeiten – 1995 veröffentlichte Peter Drucker einen Beitrag im „Atlantic Monthly“ unter der Überschrift „Can the Democracies Win the Peace?“ Können die Demokratien auch den Frieden gewinnen? Nachdem der Kommunismus den Kalten Krieg verloren habe, stünden die Demokratien, so Drucker in der Einleitung des Textes, vor ihrer härtesten Bewährungsprobe: „Es genügt nicht mehr, dass sie besser sind, sie sind gefordert, gut zu sein – now the Democracies have to re-think and to re-form.“

          Den Artikel verfasste Drucker aus Sorge um den Bestand der Institutionen, ohne die aus seiner Sicht eine „erträgliche Gesellschaft“ nicht realisierbar ist: Das sind der Rechtsstaat sowie eine auf dem Fundament der universellen Menschenrechte funktionierende Zivilgesellschaft. „Die Neoliberalen sagen zu Recht“, so Drucker weiter, „dass ohne Marktwirtschaft eine moderne Ökonomie nicht existenzfähig ist. Umgekehrt jedoch besteht die gleiche Abhängigkeit der Marktwirtschaft von einer intakten Zivilgesellschaft: Without it, it is impotent.“

          Vorbildrolle in der politischen Kultur

          2001, sechs Jahre danach, schrieb Peter Drucker in einem Beitrag für den „Economist“: „In the next society, the biggest challenge for the large company especially for the multinational may be its social legitimacy.“ Seit Jahren hatte Peter Drucker in zahlreichen Handlungsempfehlungen deutlich gemacht, was das Unter-Beweis-Stellen von gesellschaftlicher Legitimation für die Aufgaben des Wirtschaftsmanagers zu bedeuten hat, nämlich in einer Führungs- und Vorbildrolle die politische Kultur des demokratischen Rechtsstaates zu fördern und mitzugestalten.

          Nachfolgendes Zitat steht für viele dieser Empfehlungen Druckers: „Managers will increasingly have to learn that in turbulent times they have to be leaders and integrators in a pluralist society. The manager in other words will have to learn to create the ,issues‘ to identify both the social concern and the solution to it.“

          Werte einzufordern reicht nicht aus

          Angesichts der heutigen Weltlage erscheint die Frage nach dem Fortbestand der Demokratien, die Peter Drucker vor mehr als 20 Jahren stellte, immer noch unbeantwortet. Zumindest wächst die Erkenntnis, dass erhebliche Anstrengungen erforderlich sind, um den politischen Humanismus westlicher Prägung und den darauf basierenden demokratischen Rechtsstaat zu fördern, weiterzuentwickeln und gegebenenfalls zu verteidigen. Seine Institutionen sind gefährdet, da ihre Legitimität in Frage gestellt wird. Dieses nicht nur von politischen Gruppierungen, die heute unter dem Sammelbegriff Populisten kategorisiert werden. In Frage gestellt wird sie auch aufgrund ihrer eigenen Erstarrung. Es reicht nicht aus, die Besinnung auf die christlich-abendländischen Werte zu fordern, um dann zur Tagesordnung überzugehen. Werte sind geschichtlich gewordene Strebensziele, die zur Diskussion gestellt werden müssen und die der Gestaltung und Erneuerung bedürfen.

          Werte, die sich bewährt haben, müssen nicht neu erfunden werden. Es gilt, das Wertideal wieder mit der aktuellen Wirklichkeit in Einklang zu bringen. Das bedeutet auch, zu unterlassen, derart hohe Erwartungen und Hoffnungen zu wecken, deren Realisierbarkeit die menschliche Natur im Wege steht und bei vielen Menschen Frustration, Gereiztheit, Apathie und Desinteresse an der Mitgestaltung des Alltags der politischen Wirklichkeit im Rahmen des Möglichen auslöst.

          Unternehmen sollen in Gesellschaft eingreifen

          Peter Drucker weist in diesem Zusammenhang dem Wirtschaftsmanager klare Aufgaben zu: „Performing, responsible management is the alternative to tyranny and our only protection against it.“ In der Bundesrepublik entfachte die Diskussion hierüber auch innerhalb der Unternehmerschaft seit Mitte der 1950er Jahre immer wieder, verebbte aber ebenso regelmäßig nach kurzer Zeit. So forderten 1954 Vertreter des Bundesverbandes der Deutschen Industrie die Unternehmerschaft auf, „führend in die gesellschaftliche und politische Gestaltung des Staatswesens einzugreifen. Oder glaubt heute wirklich jemand, es sei noch mit einer guten Bilanz und einer rationellen Produktion getan, oder es sei gleichgültig, ob die Fabriken für Tyrannen arbeiten oder der persönlichen Freiheit dienen?“

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