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Buchmesse Lesen in Zeiten des Urknalls

Der Buchhandel wird stark schrumpfen, aber überleben. Weil es auch weiterhin gedruckte Bücher geben wird, die einen Vertriebsweg brauchen.

© dapd Vergrößern Zum Abstauben: Vielleicht sind die Bücherregale der Zukunft nicht so voll gepackt wie heute, aber immerhin bleiben sie stehen

Jeder mag und kennt eine Buchhandlung, in der man freundlich und sachkundig bedient wird - aber immer mehr Menschen kaufen ihre Bücher im Internet oder laden sie gleich als elektronische Bücher auf ihr Lesegerät. In beiden Fällen hat der nette Buchhändler von nebenan das Nachsehen, der Umsatz geht an ihm vorbei. Diese Entwicklung ist auch an Zahlen ablesbar. Während der Umsatz mit Büchern im Internet steigt und jener für elektronische Bücher sich Jahr um Jahr vervielfacht, ist der Bucheinzelhandel allein in diesem Jahr schon um fast fünf Prozent geschrumpft.

Georg Giersberg Folgen:  

In der Buchbranche ist derzeit nicht nur ein Wandel zu beobachten, wie es ihn immer gibt, weil sich Produkte und Einkaufsgewohnheiten verändern. Es ist nicht übertrieben, von einem neuen Urknall zu sprechen, wie es Jürgen Boos, der Direktor der Frankfurter Buchmesse, in diesen Tagen getan hat. 560 Jahre nach der Erfindung des Buchdrucks durch den Mainzer Johannes Gutenberg, der es überflüssig machte, Texte per Hand abzuschreiben, ist das elektronische Buch in die Welt gekommen und wird ähnliche Umwälzungen mit sich bringen. Nachdem jahrelang darüber diskutiert wurde, ob, wie und wann es kommt, ist es seit einem Jahr da und ein marktbestimmender Faktor geworden. Das elektronische Buch eröffnet Autoren und Lesern neue Möglichkeiten, Texte herzustellen und zu nutzen. Es verändert auch die Wertschöpfungskette vom Autor über den Verlag sowie den Großhandel und Einzelhandel zum Leser.

Bisher hatte der Buchhandel einen Wissensvorsprung

Jedermann kann zu Hause ins Internet gehen und sich seine Wunschlektüre als auf Papier gedrucktes Buch bestellen oder - sofern verfügbar - als elektronisches Buch auf sein Lesegerät laden. Der Handel, dessen einzige Rechtfertigung es ist, die Distanz zwischen Hersteller und Verbraucher zu überbrücken, hat ausgedient, wenn es diese Distanz nicht mehr gibt. Bisher konnte man ein Buch nur über den Buchhandel beziehen. Bisher hatte der Buchhandel auch einen Wissensvorsprung. Er kannte die Verlagswelt und die Neuerscheinungen. Heute ist das Tor zur Buchwelt der heimische Bildschirm. Kaum jemand kommt heute noch in eine Buchhandlung und fragt nach dem neuesten Buch über das Veredeln von Rosen oder Obstgehölzen. Das hat er im Internet gesucht und auch viel schneller gefunden und kommt höchstens noch, um es zu bestellen. Doch selbst das geht im Internet mittlerweile einfacher.

Der Buchhandel ist daher der größte Verlierer einer technischen Entwicklung, die Autoren, Verlagen und Lesern eine ganz neue Welt eröffnet. Für den Leser wird die Auswahl an Büchern viel größer. Das Angebot im Internet ist fast grenzenlos. Zudem sind elektronische Bücher billiger als gedruckte Werke.

Wie sich der Buchhandel angesichts dieser Veränderungen entwickeln wird, ist heute noch nicht absehbar. Manche wollen wissen, dass innerhalb der kommenden zehn Jahre jeder zweite der insgesamt 7500 Buchhändler aufgeben muss. Ob diese Zahl stimmt, weiß niemand. Sicher aber sind zwei Dinge: Erstens wird der Buchhandel stark schrumpfen. Zweitens wird der Buchhandel in veränderter Form überleben.

Buchhandlungen werden an Bedeutung gewinnen

Er wird überleben, weil es auch weiterhin gedruckte Bücher geben wird, die einen Vertriebsweg brauchen. Buchhandlungen in frequenzstarken Fußgängerzonen werden sogar an Bedeutung gewinnen, denn sie sind Aushängeschilder der Branche. Dort wird es keine Vollsortimenter mit Tausenden Büchern in Dutzenden Fachabteilungen mehr geben, sondern Buchgeschäfte, die alle 14 Tage neue Bestseller präsentieren. Dort wird weiterhin die Laufkundschaft angesprochen, die im Vorbeigehen gerne zu einem Buch greift. Es wird auch weiterhin Kunden geben, die sich einen Eindruck dessen verschaffen wollen, was man denn so lesen sollte oder könnte. Andere Buchhandlungen werden vielleicht ihr Sortiment ergänzen und die Reise zum Reisebuch oder den Wein oder den Kochkurs zum Kochbuch anbieten. Rein literarische Buchhandlungen werden noch mehr Lesungen organisieren und somit weiterhin Teil der Urbanität bleiben. Im Buchhandel wird nicht mehr alles und von jedem etwas angeboten werden. Der Buchhandel wird zum literarischen Feinkostgeschäft.

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Die Massenware wie skandinavische Krimis oder Phantasy-Romane, die man sich für eine Zugfahrt kauft oder im Urlaub nebenbei lesen möchte, werden sich die Kunden künftig aus dem Internet herunterladen. Im Geschäft sucht man das besondere Buch, das aktuelle oder das hochwertige Druckwerk.

Bedauern muss man diesen Urknall nicht. Insgesamt bietet die neue Welt der Elektronik mehr Freiheiten. Man wird künftig vielleicht keinen Buchhändler mehr kennen, aber dafür eine Internetseite, die den persönlichen Vorlieben und Wünschen umfassend Rechnung trägt. Man trifft sich vielleicht nicht mehr in der Buchhandlung, um Bücher zu kaufen, sondern trifft sich im Buchcafé, um über die im Internet bezogenen Bücher zu sprechen. Der Buchhandel steht vor großen Veränderungen, die für die Besten und Flexibelsten große Chancen bieten.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 15.10.2012, 14:02 Uhr

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