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Erhöhte Nachfrage : Brexit-Banken buchen Frankfurts Schulplätze

Der Pausenhof wird bald voller: Die internationale Schule in Oberursel bei Frankfurt Bild: Michael Kretzer

Die Deutsche Bank will bis zu 4000 Mitarbeiter aus Großbritannien abziehen. Das heizt in Hessen den Kampf um begehrte Schulplätze und Wohnungen an. Die Sorge wegen höherer Preise und Mieten wächst.

          Eltern, Wohnungskäufer und Mieter müssen sich in Frankfurt wegen des Brexits auf einen härteren Verteilungskampf einstellen. Banken, die im Zuge des EU-Austritts Großbritanniens Mitarbeiter von London nach Frankfurt verlegen wollen, haben schon jetzt damit begonnen, sich an den privaten Schulen der Stadt Kontingente zu sichern. Allein die Deutsche Bank, die bis zu 4000 Mitarbeiter aus England abziehen will, hat sich dem Vernehmen nach für das nächste Schuljahr einige hundert Plätze sowohl an internationalen als auch an deutschen Schulen und Kindergärten in der Rhein-Main-Region gesichert. Ein Sprecher der Bank wollte die Zahl auf Anfrage nicht kommentieren. Er bestätigte aber, dass die Bank aktuell deutlich mehr solcher Plätze reserviert habe als in normalen Zeiten.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Michael Psotta

          Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Immobilienteil.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Schulplätze für die Kinder sind ein Angebot, mit dem Unternehmen ihren führenden Mitarbeitern den Umzug von einem Ort an einen anderen schmackhaft machen, häufig übernehmen sie auch die Schulgebühren. Mehrere internationale Großbanken, darunter Goldman Sachs, Morgan Stanley, Citigroup und JP Morgan, haben schon angekündigt, dass sie im Zuge des Brexits jeweils einige hundert zusätzliche Mitarbeiter in Frankfurt beschäftigen wollen. In Finanzkreisen heißt es, Goldman Sachs habe sich 80 der begehrten Schulplätze rund um Frankfurt gesichert. Morgan Stanley und JP Morgan sollen ebenfalls schon aktiv geworden sein.

          Angst vor weiterem Anstieg der Wohnungspreise

          „Wir haben zuletzt eine Reihe von Paketbuchungen von Banken für das laufende und das kommende Schuljahr erhalten“, sagt Peter Ferres, Leiter der privaten Metropolitan School im Frankfurter Stadtteil Rödelheim. Pro Jahrgangsstufe würden dann zum Beispiel ein bis zwei Plätze freigehalten, auf welche die Bank dann jederzeit zugreifen könne. Die Nachfrage habe sich deutlich erhöht; sei die Schülerzahl in der Regel um 5 Prozent im Jahr gewachsen, seien es zuletzt 10 Prozent gewesen. Im Sommer erst habe die Schule zehn neue Klassenräume eröffnet; eine für das nächste Jahr geplante Erweiterung um weitere zehn Räume werde nun schon in diesem Jahr angegangen, sagt Ferres. Auch Christoph Kexel von der Accadis International School in Bad Homburg berichtet von 10 bis 15 Prozent mehr Anfragen wegen des Brexits. Kontingentbuchungen biete die Schule aber nicht an.

          In der Frankfurter Bevölkerung dürfte die Nachricht für wenig Begeisterung sorgen, zumal gute Schulplätze auch ohne den Brexit schon ein knappes Gut sind. Auch dass sich die Wohnungspreise nach dem Brexit Londoner Niveaus annähern könnten, fürchtet mancher Frankfurter. So ist der noch im Bau befindliche Grand Tower nahe dem Messeturm schon fast ausverkauft: 401 der 412 Wohnungen sind bereits vermarktet.

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          Nach Angaben des Maklerunternehmens JLL kommt mehr als die Hälfte der Käufer aus dem Ausland, überwiegend aus dem asiatisch-pazifischen Raum. Nur ein Fünftel der Käufer stamme aus dem Rhein-Main-Gebiet. Genaue Kaufpreise nennt JLL zwar nicht. Der Bauherr hat aber verraten, dass der Quadratmeter in den oberen fünf Stockwerken im Durchschnitt 19.000 Euro kosten wird. Für die beiden obersten, 574 Quadratmeter großen Wohnungen soll ein Käufer sogar 16 Millionen Euro oder gut 27000 Euro je Quadratmeter bezahlt haben. Das wäre ein neuer Rekord: Der bisherige Höchstwert für eine Frankfurter Eigentumswohnung betrug 22000 Euro. In London werden nach Erkenntnissen des Maklerunternehmens von Poll im Schnitt 15000 Euro je Quadratmeter bezahlt, in Frankfurt nur 5300 – noch.

          Weniger Abwanderung als befürchtet

          Das dürfte auch für die Wohnungsmieten gelten. Neuvertragsmieten von 13 Euro je Quadratmeter sind auch für Durchschnittswohnungen inzwischen Standard, oft liegen die Mieten schon deutlich höher. Gemessen an London oder Paris, sind das zwar keine Spitzenwerte, doch leben die Menschen dort oft auf kleinerer Fläche oder in Gemeinschaftswohnungen. So glauben Fachleute, dass auch bei den Frankfurter Mieten die Steigerungen längst nicht beendet sind – weil viele Menschen zuziehen und die Grundstücke für ausreichenden Neubau fehlen. Für den Büromarkt gibt sich das Maklerunternehmen JLL dagegen gelassener. Bislang seien erst Mietverträge über 25.000 Quadratmeter ausdrücklich als Folge des Brexit geschlossen worden.

          In London zeichnet sich indes ab, dass zumindest vorerst viel weniger Arbeitsplätze abwandern werden als zunächst befürchtet. Die Bank von England, die sich als Aufsichtsbehörde über die internen Umzugsplanungen der Institute hat informieren lassen, rechnet damit, dass zunächst nicht mehr als 10.000 britische Banken- und Versicherungsjobs abwandern – und auch die werden nicht alle nach Frankfurt kommen. Die Banken können mittlerweile auf eine wichtige Schonfrist hoffen: Voraussichtlich wird es nach dem EU-Austritt Großbritanniens im März 2019 eine Übergangsperiode geben. Sie soll nach den Vorstellungen der EU bis Ende 2020 dauern, die Details sollen aber erst im März ausgehandelt werden. In der Deutschen Bank plant man weiterhin mit dem ursprünglichen Zeitplan.

          Quelle: F.A.Z.

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