24.07.2009 · Bierlaune sieht anders aus: Wenige Jahre vor dem Jubiläum des Reinheitsgebots plagen die Branche Sorgen. Denn der Bierdurst sinkt kontinuierlich, und Missbrauch bringt den Alkohol gesellschaftlich in Verruf.
Von Lukas WeberIn wichtigen kulinarischen Disziplinen liegen die Deutschen im internationalen Vergleich unangefochten vorne. Nirgends sonst gibt es so viele Wurst- und Brotsorten und nirgendwo in der Welt so viele Biere, etwa 5000 sollen es sein. Der gute Ruf gründet nicht nur auf den Trinkgewohnheiten des deutschen Verbrauchers und weltbekannten Gelagen wie dem Oktoberfest - offenbar schätzen die mit Retorten-Lebensmitteln zugeschütteten Konsumenten auch die Ehrlichkeit des Produkts: Seit 1516 dürfen nur Hopfen, Malz, Hefe und Wasser ins Bier.
Doch die Vorfreude auf das baldige Jubiläum des deutschen Reinheitsgebots - es ist das älteste Lebensmittelgesetz der Welt - ist derzeit ein wenig getrübt. Während an langer Hand die Vorbereitungen laufen, leidet die Branche unter kontinuierlich sinkendem Bierdurst. „Der Markt schrumpft infolge des demographischen Wandels“, sagt Marc-Oliver Huhnholz, der Sprecher des Branchen-Dachverbands Deutscher Brauer-Bund. Der ältere Teil der Bevölkerung trinke nicht mehr so viel, und es gebe weniger manuelle Tätigkeiten, bei denen früher Bier konsumiert wurde. Tatsächlich lag der Jahresverbrauch je Kopf 1976 bei mehr als 150 Litern, Anfang dieses Jahrhunderts waren es nur noch gut 120. Die Abwärtstendenz erscheint ungebrochen, von witterungsbedingten Schwankungen einmal abgesehen, weil in warmen Sommern mehr getrunken wird.
Zu Unrecht als Dickmacher verteufelt
Für das vergangene Jahr weist die Statistik des Brauer-Bunds nur noch 111 Liter aus. Nicht, dass das absolut gesehen wenig wäre, Bier ist immer noch eines der beliebtesten Getränke der Deutschen. Weil aber die Natur es so will, dass der Mensch nicht viel mehr als 750 Liter im Jahr trinken kann, gibt es Verschiebungen. Wein ist mit etwa 20 Litern hinsichtlich der Menge kein Konkurrent, aber das Mineralwasser hat dem Bier Rang zwei abgelaufen. Unstreitig vorne liegt weiter der Kaffee mit rund 150 Litern je Kopf und Jahr. Die Zahl der Brauereien sei zwar weitgehend konstant, sagt Huhnholz, derzeit sind es 1319. „Davon sind aber 800 Klein- und Kleinstbrauereien.“ Mehr als 60 Prozent des Marktes teilen die zehn größten unter sich auf. „Der Nachfragemarkt führt zum Preiskampf.“ Die Gewinnmargen der deutschen Brauer seien im internationalen Vergleich niedrig. Bei absehbar weiter schrumpfendem Bierkonsum setzen die Brauer auf stabile Umsätze durch höherwertige Produkte.
Auf der Jahrestagung der Branche im Juni wurde daher an einer Zukunftsstrategie gefeilt. Die Wertigkeit des Produkts habe aus verschiedenen Gründen gelitten, sagte der Präsident des Brauer-Bundes Wolfgang Burgard, in Darmstadt. Deshalb sind im kommenden Jahr verstärkte Kampagnen geplant, um das Image des Produkts zu stärken. Die Branche bemüht sich seit Jahren, mit Vorurteilen aufzuräumen. Mit wissenschaftlichen Untersuchungen lässt sich belegen, dass ein maßvoller Biergenuss der Gesundheit in vielerlei Hinsicht förderlich ist. Auch den Ruf, ein Dickmacher zu sein, hat das Getränk zu Unrecht. Bier hat deutlich weniger Brennwert als Saft oder Milch und nur etwa die Hälfte von Rotwein.
Verbote animieren zum Trinken
Auf politischer Ebene gibt es auch noch einige Arbeit. Mit Mühe haben die Brauer und andere Beteiligte einen Vorstoß der Drogenbeauftragten der Bundesregierung stoppen können, die mit einem Aktionsprogramm den Alkoholkonsum drücken wollte. Stattdessen setzt man auf freiwillige Selbstkontrolle und betont die gesellschaftliche Verantwortung. Bier wird als Genussmittel verkauft, maßhalten mit der Maß also; Flatrate-Saufen gehört nicht zu den erwünschten Konsumgewohnheiten und findet ohnehin meist nicht mit Bier statt. In einem gemeinsam beschlossenen Leitfaden für ein verantwortungsvolles Sponsoring will der Brauer-Bund den Unternehmen eine Entscheidungshilfe geben.
In der politischen Diskussion läuft nach Ansicht der Brauer einiges schief: Verbote wirkten auf Jugendliche nicht abschreckend, sondern eher anziehend. Preiserhöhungen hätten auch nicht den gewünschten Effekt, sondern dämpften vor allem den Konsum jener, die verantwortlich mit Alkohol umgehen. Als Beleg dafür wird unter anderem das Trinkverhalten in skandinavischen Ländern angeführt. Dort sind die Preise höher, aber der Missbrauch weiter verbreitet als hierzulande. Werbeverbote brächten auch nichts. Werbung erhöhe den Gesamtkonsum nicht, sondern verändere nur die Marktanteile, sagt Huhnholz. Dass Durchschnittswerte wenig mit gesellschaftlichen Problemen zu tun haben, belegen die Brauer mit ihren eigenen Marktdaten: Führte ein sinkender Verbrauch je Kopf tatsächlich zu weniger Missbrauch, so müsste sich das Problem in Deutschland seit Jahren entschärfen. „Es gibt genug Gesetze, aber ein Vollzugsdefizit“, sagt Huhnholz. Bestehende Beschränkungen wie das Verkaufsverbot an Jugendliche müssten schärfer kontrolliert werden.
Von Rauchverbot und Kreditklemme gebeutelt
Die Branche quält auf der anderen Seite, dass vor allem der Absatz von Fassbier in der Gastronomie schwächelt. Der geht es nicht gut, sie ist von Rauchverbot und Kreditklemme gebeutelt. Hier soll die Politik durch Unterlassung helfen. In einem „Darmstädter Mittelstandserklärung“ genannten Schriftstück machen sich die Brauer unter anderem dafür stark, den Mehrwertsteuersatz in der Gastronomie von 19 Prozent auf die für Lebensmittel sonst gewährten 7 Prozent zu senken. Huhnholz spricht von Wettbewerbsgleichheit, denn in den meisten europäischen Staaten gelte der reduzierte Satz.
Insgesamt sind die Hersteller alkoholischer Getränke wohl eher in der Defensive. Weiter verschärfte Vorschriften für die Verpackung und die Bepfandung sind zu erwarten. Das wird das Bier, das immer noch weit überwiegend in Glasflaschen verkauft wird, nicht billiger machen. Auf der anderen Seite gibt es wenigstens den Vorteil zu vermelden, dass die Rohstoffe Gerste und Hopfen wieder günstiger erhältlich sind - sie machen freilich noch nicht einmal 10 Prozent der Gesamtkosten aus, erklärt Huhnholz. Aber die Herstellung von Bier ist energieintensiv, deshalb profitiert die Branche von den derzeit günstigen Preisen.
Mit Blick auf die Vielfalt ist der deutsche Verbraucher übrigens ein Gewohnheitstrinker. Er greift weit überwiegend zum Pils. Daneben gibt es eine leichte Tendenz weg vom Export und hin zum Weizen, das Alkoholfreie konnte im vergangenen Jahr deutlich zulegen, freilich auf wenig beeindruckende knapp 3 Prozent Marktanteil. Weiter zunehmend im Handel ist der Anteil an Biermixgetränken, die seit 1993 von den Brauereien fertig geliefert werden dürfen. Zuvor wurde erst in der Gastwirtschaft oder zu Hause zusammengeschüttet. Obwohl es der Branche hilft, bedauern das die Puristen. Fast ein halbes Jahrtausend hielt das Reinheitsgebot stand, aber jetzt wird das saubere Bier zunehmend schon vom Hersteller mit anderen Getränken verunreinigt.
@Herr Schneider
Markus Leibold (MSL)
- 24.07.2009, 17:07 Uhr
Lukas Weber Jahrgang 1957, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend und Wirtschaft“.
Jüngste Beiträge
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.375,43 | −1,34% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2429 | −0,48% |
| Rohöl Brent Crude | 104,42 $ | −2,27% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
Anonym bewerben? Ist das gut?