22.01.2012 · Die Verbraucher kaufen so viele Smartphones, Tablets und Fernseher wie selten zuvor. Die Branche träumt von neuen Rekorden. Doch nicht jeder kommt auf seine Kosten.
Von Thiemo HeegIn der Wüstenstadt Las Vegas läutet die Computermesse CES alljährlich das Branchenjahr für die Konsumelektronik ein. Die Ausstellung wartet regelmäßig mit einer Fülle technologischer Neuheiten auf und gilt als größte Messe ihrer Art auf der Welt. 2012 stand die CES unter einem besonders anspruchsvollen Motto. "Record breaking, History making" reimten die Messeveranstalter in Amerika: Wir brechen Rekorde und schreiben Geschichte. Diese Devise gilt für viele Bereiche der Industrie, aber längst nicht für alle.
Rekordträchtig dürfte zumindest der globale Umsatz sein, den die Elektronikfirmen in diesem Jahr anstreben. Der Präsident der amerikanischen Consumer Electronics Association (CEA), Gary Shapiro, rechnet erstmals mit einem Sprung über die Marke von einer Billion Dollar. Im vergangenen Jahr haben die Unternehmen mit geschätzten 993 Milliarden Dollar diese sportliche Grenze nur knapp verfehlt, heuer will man sie mit 1038 Milliarden Dollar deutlich übertreffen. Ein auf den ersten Blick ordentlicher Zuwachs; bei näherem Hinsehen wird deutlich, dass Bremsspuren das Wachstumstempo begleiten. Nach dem krisenbedingten prozentual zweistelligen Einbruch 2009 ging es erst um 12 Prozent nach oben, im vergangenen Jahr um 8 Prozent, und 2012 sollen es allenfalls noch 5 Prozent sein.
Regional betrachtet, dürfte dies mit einigen tektonischen Verschiebungen verbunden sein. Bis dato war die Verteilung klar: Die Westeuropäer präsentierten sich als die eifrigsten Fernseh-, Computer- und Handykäufer. Auf ihr Konto ging noch 2009 ein Viertel des Gesamtgeschäfts. Es folgten die Nordamerikaner. 2012 geht voraussichtlich als Wendejahr in die Annalen ein. Erstmals besetzen die Schwellenländer der Asien-/Pazifik-Region, angeführt von China und Indien, wohl die Spitzenplätze des Konsums: 22 Prozent des Billionengeschäfts entfallen dann auf sie, 21 Prozent auf Amerikaner und Kanadier, 20 Prozent auf die Westeuropäer.
Gründe für diesen Platzwechsel kennt Industrieanalyst Steve Koenig. Die Verbraucher in den von Wirtschaftskrisen und Arbeitslosigkeit betroffenen Industrieländern sparten zuerst an der Unterhaltungselektronik, weiß der CEA-Mann. Solche Entwicklungen bemerkten zuletzt die Anbieter in der Nachbarbranche Elektro-Hausgeräte. In den Schuldenkrisenländern Griechenland, Italien, Portugal und Spanien haben sie im vergangenen Jahr im Durchschnitt 10 Prozent weniger umgesetzt. Die jüngsten Zahlen für die Konsumelektronik sehen nicht viel besser aus. Für das dritte Quartal 2011 ermittelte das Marktforschungsunternehmen GfK für Westeuropa ein Minus von mehr als 4 Prozent.
Dabei zeigt sich vor allem Deutschland noch als eine echte Wachstumslokomotive. In den Pressemitteilungen der Gesellschaft für Unterhaltungs- und Konsumelektronik (GfU) herrscht stets ein äußerst optimistischer Grundton. "Unsere Branche wird sich dank der zahlreichen Innovationen weiter erfolgreich entwickeln. Die Konsumenten leisten sich nach wie vor gerne Consumer-Electronics-Produkte", sagt der Aufsichtsratsvorsitzende Rainer Hecker und nennt Zahlen. 2011 belief sich der Gesamtumsatz nach ersten Schätzungen auf 27,3 Milliarden Euro, das ist ein Plus von mehr als 5 Prozent. In diesem Jahr rechnet man mit einem Zuwachs von rund 4 Prozent auf mehr als 28 Milliarden Euro.
Dabei können sich nicht alle Anbieter gleichermaßen freuen. Zu den Gewinnern gehören zwei von drei Segmenten. Die Informationstechnologie wächst um 3 Prozent auf 6,4 Milliarden Euro. Hier vereinigen Desktop-PCs und vor allem Notebooks zwar weiterhin den Löwenanteil des Geschäfts auf sich, doch die mit diesen Computern erzielten Umsätze dürften rückläufig sein. Ganz anders das Geschäft mit Tabletcomputern. Deren Umsatzzuwachs von 232 Prozent auf Jahresfrist basiert zwar auf einem noch vergleichsweise niedrigen Niveau. Doch im Vergleich der Produktklassen belegten die Flachmänner im Herbst bereits den dritten Platz. Und das, obwohl sie schneller billiger werden als alle anderen Computer. Binnen eines Jahres sank der Preis für ein Tablet im Durchschnitt um mehr als 17 Prozent.
Neben der IT gehört die Telekommunition zu den Wachstumstreibern der Konsumelektronik in Deutschland - und zwar in einem noch viel beeindruckenderen Maß. Mit Telefonen wurden 2011 6,7 Milliarden Euro umgesetzt, 42 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Dieser Sprung ist in erster Linie den Smartphones geschuldet, internetfähigen Handys à la iPhone, Galaxy Nexus oder Nokia Lumia. Im Herbst hat sich der Umsatz mit diesen Allzweckgeräten um 125 Prozent erhöht, auf 3,4 Milliarden Euro allein in den ersten drei Quartalen 2011.
Zum Sorgenkind entwickelt sich unterdessen die traditionelle Unterhaltungselektronik. Zu ihr zählen Videokonsolen, Navigationsgeräte, MP3-Player, Digitalkameras, Settop-Boxen und natürlich Fernseher. Vielen dieser Produkte ist eines gemein: Das Smartphone macht sie überflüssig. Handys sorgen heute dafür, dass Autofahrer gut ans Ziel kommen. Mit ihnen kann man Musik hören, Fotos machen, Computerspiele spielen. Kein Wunder, dass der Umsatz mit Navis und MP3-Spielern hierzulande um bis zu 17 Prozent einbricht.
Und auch das TV-Geschäft gestaltet sich schwierig. Zwar kaufen die Deutschen in diesen Monaten so viele neue Fernseher wie selten zuvor. 2011 dürfte der Absatz mit 9,3 bis 9,4 Millionen Stück in etwa das Niveau des Rekordjahres 2010 erreichen. Doch ein scharfer Wettbewerb und ein stetiger Verfall der Preise trübt die Laune der Hersteller. Seit 2006 hat sich der Durchschnittspreis für einen LCD-Fernseher von seinerzeit 1115 Euro auf 616 Euro fast halbiert. Diesen Schwund können nachfragetreibende Innovationen wie größere Bildschirme, hochauflösendes oder dreidimensionales Fernsehen (HD, 3D) kaum ausgleichen. Die Industrie zieht nun nach teils jahrelangen und milliardenschweren Verlusten ihre Konsequenzen. Unternehmen wie Philips, Sony, Panasonic und Sharp ziehen sich zurück oder senken zumindest ihre Produktionspläne. Das Geschäft nicht erleichtern dürfte es den etablierten TV-Herstellern, dass in diesem Jahr wohl auch Apple mit einem eigenen Gerät auf den Markt drängt.
Unterm Strich wird die Konsumelektronikbranche auch 2012 wie schon in den Vorjahren wieder mehr Grund zum Jubel als zur Sorge haben. Produkte wie Fernseher, Smartphones und Tablets demonstrieren freilich, dass gerade in einer schnell drehenden Wachstumsindustrie nicht jeder Sieger sein kann.
Die Konsumelektronik ist stärker international geprägt als viele andere Branchen. Gesucht werden unter anderen Ingenieure, Juristen, Marketingexperten, Verkäufer oder Personalfachleute.
Samsung schwärmt von „endlosen Möglichkeiten“, die man qualifizierten Bewerbern biete. Die aktuelle Liste allein des europäischen Konzernablegers umfasst derzeit 165 Stellen. Wer mobil ist, hat im Heimatland des Unternehmens gute Chancen. Denn für den Standort Suwon in Südkorea werden vor allem Entwicklungsingenieure gesucht. Wer lieber in Deutschland bleibt, hat in der Zentrale in Schwalbach bei Frankfurt Chancen.
Auch Panasonic wartet im Internet mit einer längeren Liste auf. Das japanische Unternehmen sucht nach studentischen Aushilfen genauso wie nach Projektleitern für den Bereich Forschung und Entwicklung.
Wer mit ein paar Nummern kleiner zufrieden ist, wird bei Loewe fündig, einem der wenigen deutschen Unterhaltungselektronikhersteller, die überlebt haben. Für seine Standorte in Hannover und Kronach sucht das Unternehmen Softwareentwickler. Geworben wird unter anderem mit einer „attraktiven Work-Live-Balance“. Davon ist bei den großen Konkurrenten aus Asien freilich nicht die Rede. tih.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.375,43 | −1,34% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2429 | −0,48% |
| Rohöl Brent Crude | 104,42 $ | −2,27% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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