15.05.2009 · Trotz der Unsicherheiten durch Wirtschaftskrise oder Schweinegrippe nutzen Europas Fluglinien die Gunst der Stunde: Sie gehen auf Einkaufstour, um sich für Wachstumsphasen zu rüsten.
Von Ulrich FrieseIn der internationalen Luftfahrt stehen die Zeichen auf Sturm. Erst verschärften steigende Treibstoffpreise den Kostendruck und Reservenschwund. Dann bekamen die Anbieter die Folgen der Finanzkrise zu spüren, als Firmenkunden und Touristen ihre Reisebudgets kappten. Damit nicht genug. Jetzt wächst durch die schwer kalkulierbaren Risiken der Schweinegrippe die Nervosität in der Branche.
"Alles, was zur Verunsicherung der Passagiere beiträgt, wächst sich zur wirtschaftlichen Belastung aus", heißt es seitens des internationalen Branchenverbands Iata. Sollte die Furcht vor einer Ausbreitung der Krankheit steigen, werde das die Schwierigkeiten der Fluglinien und deren Auslese beschleunigen, warnt Generaldirektor Giovanni Bisignani. Somit bleibt die Stimmung in der Branche gedrückt. Nach Schätzungen von Iata flogen die im Verband vertretenen 230 Fluglinien im vergangenen Jahr insgesamt mehr als 10 Milliarden Dollar Verlust ein. Und im laufenden Geschäftsjahr ist kaum Besserung in Sicht. Während die Umsätze um 12 Prozent auf 467 Milliarden Dollar sinken dürften, werde das Minus im globalen Luftverkehr wohl rund 4,7 Milliarden Dollar betragen, sagt der Verband voraus.
Lufthansa auf Einkaufstour in großem Stil
Angesichts dieser trüben Aussichten forcieren die führenden Anbieter in Europa ihre Sparprogramme. Gleichzeitig zeigen sich aber Air France-KLM, Deutsche Lufthansa oder British Airways (BA) entschlossen, neue Chancen im Markt zu nutzen. Im Klartext: Das Trio will seine Vormachtstellung in Europa durch die Übernahme von notleidenden Konkurrenten verteidigen oder ausbauen.
Mit Einkaufstouren in großem Stil sind die Strategen von BA ebenso beschäftigt wie ihre Kollegen der Lufthansa: Während die Briten seit Monaten über den Kauf des spanischen Konkurrenten Iberia verhandeln, stehen beim Marktführer in Deutschland nach dem geglückten Coup bei "Brussels Airlines" die Übernahmen der österreichischen Staatslinie AUA und von BMI in Großbritannien ganz oben auf der Liste. Die Großvorhaben, die aufgrund des desolaten Zustandes beider Gesellschaften wirtschaftlich riskant sind, sollen nach dem erfolgreichen Vorbild von "Swiss" erst saniert und dann behutsam in den Verbund des Kranichfliegers integriert werden. Im Vergleich dazu nehmen sich die Ambitionen des europäischen Branchenführers noch bescheiden aus: Nachdem Air France und KLM mit ihrer Fusion vor 4 Jahren für einen Paukenschlag sorgten und die Konkurrenz so in Zugzwang brachten, steht in Paris gegenwärtig die Expansion in Südeuropa auf der Agenda. Vor wenigen Monaten kaufte sich Air France-KLM mit rund 25 Prozent an Alitalia ein.
Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber lässt indessen keinen Zweifel daran, dass er die Schwächen der Konkurrenz nutzen und seine Einkaufstour fortsetzen will: "Alle Geschäftsfelder des Konzerns müssen in Zukunft dafür sorgen, nicht nur organisch mit dem Markt zu wachsen, sondern Marktchancen zu nutzen, um so ihre strategische Position im globalen Wettbewerb auszubauen." Die personellen Entscheidungen für die Expansion hatte er kürzlich getroffen. Mit liquiden Mitteln von insgesamt 5,2 Milliarden Euro sowie einer Kreditlinie von 1,7 Milliarden Euro verfügt er zudem über ein üppiges Finanzpolster für derartige Großvorhaben.
Mit dem Aufstieg von Swiss-Chef Christoph Franz in den Vorstand der Lufthansa wird die Führungsriege von Juni an auf 4 Personen erweitert. Im Zuge des Revirements werden auch die Chefaufgaben neu geordnet. Während sich Franz als Vorstand "Passage" künftig auf das Kerngeschäft der Marke "Lufthansa" konzentriert, wächst Personalvorstand Stefan Lauer die Verantwortung für Integration und Zusammenarbeit der restlichen Fluglinien im Konzern zu. Dabei stellen die geplanten Zukäufe von AUA und BMI zweifellos die größten Herausforderungen dar: Die Gesellschaften fliegen hohe Verluste ein und gelten als heikle Sanierungsfälle. Beide Projekte müssen zudem von den europäischen Kartellwächtern genehmigt werden.
Bau der „Nordwest-Landebahn“ in Franfurt begonnen
Mayrhuber steht mit seinem riskanten Expansionskurs keineswegs allein. Ein ähnliches Wagnis droht seinem Rivalen Willie Walsh in dem geplanten Bündnis mit Iberia. Der ehrgeizige Konzernlenker von BA hatte Mitte 2008 ein Zusammengehen mit dem Partner aus Madrid verabredet. Doch seit diesem Termin wurden die Gespräche mehrere Male vertagt oder ausgesetzt. Mal stritten die Unterhändler über die Bewertungen der beiden Unter-nehmen und die Besetzung von Führungsgremien, dann monierte die spanische Seite das hohe Pensionsdefizit der britischen Fluglinie, berichten Teilnehmer der Verhandlungen. Nicht von ungefähr hält sich Walsh zu den Chancen einer Einigung strikt bedeckt: "Wir machen keinen Deal um jeden Preis", sagt er.
Für den BA-Chef steht viel auf dem Spiel. Platzt sein Vorhaben, stände wohl die Lufthansa als neuer Partner für Iberia parat. Glückt dagegen der Pakt mit den Spaniern, zieht die drittgrößte Fluglinie in Europa - gemessen an der Verkehrsleistung - mit Marktführer Air France-KLM gleich. Zudem dürfte das künftige Duo von den kombinierten Heimatbasen in London-Heathrow und Madrid auf Jahre das lukrative Langstreckengeschäft nach Nord- und Südamerika dominieren. Mit ihrer Achse zwischen London und Madrid vollziehen die Briten das nach, was Air France vorexerzierte. Durch den Schulterschluss mit KLM sicherte sich die französische Fluglinie den Zugang zum strategisch wichtigen Flughafen-Drehkreuz in Amsterdam-Schiphol und sorgt so für Entlastung an der Heimatbasis in Paris/Charles de Gaulle, die am Rande ihrer Kapazitäten operiert.
Ganz ähnlich argumentiert der deutsche Flughafenbetreiber Fraport, der mit Hochdruck den Ausbau seines Großflughafens in Frankfurt vorantreibt. Mit Blick auf die Aktivitäten in Paris und London startete vor wenigen Tagen der Bau der neuen "Nordwest-Landebahn". Durch die neue Piste, die bei Umweltschützern und Anwohnern umstritten ist, soll sich in Frankfurt die Zahl der jährlichen Flugbewegungen ab 2015 von 500 000 auf 700 000 erhöhen. "Schon heute übersteigt die Nachfrage nach Start- und Landerechten unser Angebot", erklärte Fraport.
Trotz der Verkehrseinbußen im Nachgang der Wirtschaftskrise bestätigt der deutsche Flughafenverband seine Wachstumsprognosen. Danach dürfte sich das weltweite Passagieraufkommen von 4,3 Milliarden im Jahr 2006 auf rund 9,7 Milliarden Fluggäste bis 2025 mehr als verdoppeln. Zu diesem Zeitpunkt werde Europa ein Passagiervolumen von 2,6 Milliarden Personen erreichen, wovon auf Deutschland 300 Millionen Fluggäste entfallen. 2008 lag die Zahl noch bei 190 Millionen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.728,19 | −0,15% |
| FAZ-INDEX | 1.500,83 | −0,21% |
| TecDAX | 773,85 | −0,19% |
| MDAX | 10.253,60 | −0,35% |
| SDAX | 5.023,80 | +0,24% |
| REX | 421,66 | −0,02% |
| Eurostoxx 50 | 2.488,29 | −0,13% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,26 | −0,27% |
| Dow Jones | 12.878,30 | +0,03% |
| Nasdaq 100 | 2.575,24 | +0,22% |
| S&P500 | 1.350,50 | −0,09% |
| Nikkei225 | 9.276,45 | +2,48% |
| EUR/USD | 1,3157 | +0,24% |
| Rohöl Brent Crude | 118,17 $ | +0,32% |
| Gold | 1.722,00 $ | +0,61% |
| Bund Future | 138,53 € | +0,15% |