11.06.2007 · Wirklich spektakuläre Nachrichten gab es aus der Pharmaindustrie schon lange nicht mehr. Keine großen Fusionen. Und auch keine neuen Blockbuster. Dabei wird immer mehr Geld für die Forschung ausgegeben.
Von Michael PsottaDie internationale Pharmaindustrie könnte vor gewaltigen Veränderungen stehen. Branchenexperten halten es für wahrscheinlich, dass noch in diesem Jahr eine Welle von Übernahmen und Fusionen beginnt, in die erstmals nach längerer Zeit auch die Schwergewichte wieder verwickelt sein könnten. Das war zuletzt im Jahr 2004 der Fall, als aus Sanofi-Synthélabo und Aventis für 55 Milliarden Euro der heutige Branchendritte Sanofi-Aventis in Frankreich entstand. Kurz zuvor hatte der amerikanische Weltmarktführer Pfizer seine führende Position durch die Übernahme des nationalen Konkurrenten Pharmacia für einen Kaufpreis von 60 Milliarden Dollar abgesichert.
Die folgenden Transaktionen erregten zwar ebenfalls Aufsehen wie jüngst der Schering-Zukauf durch Bayer oder die Serono-Übernahme durch Merck KGaA. Doch zu einer wirklich großen Transaktion ist es seit einigen Jahren nicht mehr gekommen.
Branche ist noch immer fragmentiert
Immer mehr Beobachter sind allerdings der Meinung, dass sich das bald ändern könnte. Olaf Toelke von der Ratinggesellschaft Standard & Poor's (S & P) nennt für diese Erwartungen zunächst das attraktive Umfeld: Niedrige Zinsen, die überwiegend hervorragende Ertragslage der Pharmakonzerne und die auch im laufenden Jahr positive Entwicklung der internationalen Aktienmärkte seien gute Voraussetzungen für die Finanzierung des Zukaufs eines der großen Kaliber der Branche.
Vor allem aber glaubt Toelke, dass die Branche nach Jahren der relativen Ruhe auf einen Startschuss warte, um sich neu aufzustellen: Falls einer der Großen mit einer bedeutenden Akquisition die internationale Rangfolge aufmische, stehe zu erwarten, dass auch die Konkurrenz nicht untätig werde. Das liegt nach den Erkenntnissen von S & P auch daran, dass die Branche trotz mancher Großfusionen noch immer fragmentiert ist. So teilen sich die zehn führenden Pharmakonzerne 43 Prozent des Weltmarktes. In der Autoindustrie etwa kommen die zehn Branchengrößen auf mehr als 75 Prozent.
Empfindliche Umsatzeinbußen durch Generika
Spekuliert wird, dass der Startschuss von Sanofi-Aventis gesetzt werden könnte, und zwar durch eine Übernahme des amerikanischen Pharmakonzerns Bristol-Myers Squibb (BMS). Der Sanofi-Aventis-Konzern, zu dessen Vorläufern die Hoechst AG gehört, könnte dadurch geographische Lücken in den Vereinigten Staaten schließen. Andererseits bietet sich BMS als Übernahmekandidat an, weil das einstmals zweitgrößte Branchenunternehmen nach Rückschlägen in Forschung und Entwicklung, Patentabläufen wichtiger Medikamente und zunehmender Konkurrenz durch die Hersteller von Nachahmerpräparaten (Generika) auf den 13. Rang zurückgefallen ist. Angeblich waren sich beide Unternehmen im Frühjahr schon weitgehend einig.
Dann aber kam es zu einem neuen Rückschlag bei dem wichtigen Blutverdünnungsmedikament Plavix, das beide Konzerne gemeinsam vertreiben und das mit einem Jahresumsatz 2005 von 6 Milliarden Dollar vor allem für den amerikanischen Partner, der bei anderen Produkten harter Wettbewerber ist, überragende Bedeutung hat. Unterdessen versucht aber der kanadische Generikakonzern Apotex, mit einem Nachahmerprodukt in die Plavix-Domäne einzubrechen. Das hat vor allem BMS schon empfindliche Umsatzeinbußen gebracht. Eine Entscheidung im Rechtsstreit gegen Apotex wird im Spätsommer erwartet - und anschließend ein Übernahmevorstoß von Sanofi-Aventis, weil dann die Preisvorstellung klarer sein dürfte.
Behörden prüfen deutlich strenger
Die bedrängte Lage von BMS ist ein extremes, aber keineswegs das einzige Beispiel dafür, dass es den forschenden Arzneimittelherstellern immer schwerer fällt, Ersatz für Medikamente zu finden, deren Patente ablaufen. Dafür wird ein ungeheurer Aufwand getrieben. So haben die 20 führenden Pharmakonzerne in den vergangenen Jahren ihre Forschungsbudgets ständig gesteigert, zuletzt auf mehr als 40 Milliarden Dollar. Doch die Ergebnisse werden immer magerer. 1997 gab die amerikanische Zulassungsbehörde FDA noch gut 40 Medikamente für den Markt frei. Seitdem ging es abwärts: 2006 ließ die FDA nur noch 18 Medikamente zu, so wenig wie noch nie. In Europa entwickelten sich die Zulassungszahlen vergleichbar.
Die Innovationsschwäche hat mehrere Gründe. Nach einigen tödlichen Folgen der Einnahme bereits freigegebener Präparate prüfen die Behörden inzwischen deutlich strenger. Zudem hat die moderne Arzneimittelforschung inzwischen eine Phase erreicht, in der die Erfindung neuer Produkte immer schwieriger wird. Von den rund 30.000 bekannten Krankheiten können mittlerweile 10.000 durch Medikamente behandelt werden. Dabei handelt es sich aber meist um einfachere Herausforderungen wie etwa Infektionen. Bei schwierigen Krankheiten dagegen wie Parkinson, Alzheimer, Multiple Sklerose, Aids/HIV und Krebs steht die Branche meist noch am Anfang.
Ausgedünnte Pipeline
Teilweise fehlt es am Verständnis für die Abläufe der Krankheiten, teilweise fehlt es an geeigneten Wirkstoffen oder Kombinationen. Manchmal liegen die Tücken in der klinischen Erprobung. So stellte sich bei einer Reihe hoffnungsvoller Arzneimittel erst in der letzten Phase der Untersuchung heraus, dass wegen mangelnder Heileffekte oder gar wegen tödlicher Nebenwirkungen keine Chance auf eine Zulassung bestand. So hat die britische Astra Zeneca im vergangenen Oktober ein Schlaganfallmedikament, das Aussichten auf Jahresumsätze von mehr als 1 Milliarde Dollar und damit auf den sogenannten Blockbuster-Status bot, erst kurz vor Ende der aufwendigen Untersuchungen aufgeben müssen: Es hatte sich erwiesen, dass das Präparat keine stärkere Wirkung bot als ein gleichzeitig eingesetztes Placebo.
Astra Zeneca gilt zwar als einer der großen Pharmakonzerne mit besonders ausgedünnter Pipeline, also Projekten in Forschung und Entwicklung, aber keineswegs als Einzelfall. Aktuelle Blockbuster-Kandidaten sind derzeit kaum zu erkennen. Erst von 2010 an, so meint Standard & Poor's mit Blick auf die aktuellen Pipelines, dürfte wieder eine größere Zahl neuer Medikamente auf den Markt kommen. Die Zwischenzeit wird für so manchen Anbieter ungemütlich. Pfizer etwa baut nach einigen herben Entwicklungsrückschlägen auf der ganzen Welt 10.000 Stellen oder ein Zehntel der Belegschaft ab. Auch Astra Zeneca senkt die Kosten durch Stellenabbau.
Eine der rentabelsten Branchen der Welt
Der britische Konkurrent Glaxo Smith Kline dagegen hat damit begonnen, seine Forschung neu auszurichten: Sie soll sich künftig nicht mehr auf einzelne Projekte, sondern auf Krankheitsgebiete konzentrieren, um Parallelarbeiten zu verhindern. Außerdem sollen die Wissenschaftler mehr Budgetbefugnisse erhalten. Damit will der Konzern seine Forschung beschleunigen und verschlanken. Andere Konzerne setzen auf stärkere Zusammenarbeit mit Biotechnologieunternehmen; also meist kleinen, aber zuweilen höchst innovativen Unternehmen ohne nennenswerte Umsätze, aber mit vielversprechenden Projekten.
Als mustergültig gilt die langjährige Zusammenarbeit zwischen dem Schweizer Pharmakonzern Roche und dessen amerikanischer Tochtergesellschaft Genentech bei Krebsmitteln. Doch längst nicht jede Allianz wird zum Erfolg, wenn etablierte Pharmakonzerne auf junge, dynamische, auf ihre Freiheit bedachte Biotech-Werte stoßen.
Patentrezepte gibt es nicht. Dies lässt es umso wahrscheinlicher werden, dass eben Großfusionen wieder in Mode kommen. An dem notwendigen finanziellen Selbstbewusstsein hierfür dürfte es trotz der schwach gefüllten Forschungspipelines nicht mangeln: Mit ihren Gewinnmargen von meist deutlich mehr als 30 Prozent, gemessen am Anteil des Betriebsergebnisses vom Umsatz, ist die Pharmaindustrie weiterhin eine der rentabelsten Branchen der Welt.
Michael Psotta Jahrgang 1957, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung.
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