06.05.2007 · Bei den Fondsgesellschaften zeichnet sich ein Wechsel der favorisierten Anlageformen ab. Der Ansatz von klassischen Aktien- und Rentenfonds stagniert. Dagegen erleben die Anbieter von Zertifikaten eine stürmische Nachfrage.
Von Steffen UttichWährend seines letzten öffentlichen Auftritts als Präsident des Bundesverbandes Investment (BVI) lag Markus Rieß viel daran, einen versöhnlichen Blick auf das abgelaufene Jahr zu werfen. An der Größe der Fonds sollte man seine Branche messen. Die konnte sich tatsächlich sehen lassen. Das Volumen in Publikumsfonds war im vergangenen Jahr von 545 auf 571 Milliarden Euro, in Spezialfonds für Großanleger von 615 auf 669 Milliarden Euro gestiegen. „Anleger haben der Investmentbranche aktuell so viel Vermögen anvertraut wie noch nie“, lautete seine Botschaft.
Ein guter Eindruck sollte zurückbleiben. Auf den ersten Blick sieht es tatsächlich nicht so aus, als ob den deutschen Fondsgesellschaften nach dem Wachstumssprung in den vergangenen zehn Jahren eine Zäsur bevorstehen könnte. Für sie ist das verwaltete Vermögen schließlich eine bedeutende Größe, weil sich danach die Gebühreneinnahmen bemessen. Aber das Volumenwachstum des vergangenen Jahres steht auf wackeligen Füßen. Vor allem im besonders gewinnträchtigen Geschäft mit Privatkunden beruht es inzwischen zum Großteil auf der hervorragenden Kursentwicklung an den Börsen.
Ausländische Fondsanbieter gewinnen an Bedeutung
Doch auf die Launen der Börse lässt sich in der Fondsbranche kein stabiles Geschäftsmodell aufbauen. Frisches Geld muss in der Anlegerschaft eingesammelt werden. An diesem Punkt beobachten die Fondsanbieter eine beunruhigende Entwicklung: Im vergangenen Jahr brach ihr Neugeschäft mit Wertpapier-Publikumsfonds um mehr als die Hälfte im Vergleich zum Vorjahr ein. Würden nicht institutionelle Anleger wegen neuer Bilanzierungsregeln neben klassischen Spezialfonds zunehmend auch Publikumsfonds für ihre Geldanlage nutzen, hätte die Bilanz noch düsterer ausgesehen.
Nach vielen guten Jahren tritt der Fondsabsatz auf der Stelle, weil sich die Wettbewerbssituation geändert hat. Nicht nur, dass die ausländischen Fondsanbieter an Bedeutung gewinnen und immer besser ins Geschäft kommen. Vor allem das Aufkommen der Anlagezertifikate setzt den Gesellschaften empfindlich zu. Mit ihnen müssen sie sich ihren wichtigsten Vertriebskanal, die Bank- und Sparkassenfilialen, teilen. Da Zertifikateanbieter ein stürmisches Wachstum verzeichnen, während deutsche Anbieter 2006 mit ihren klassischen Aktien- und Rentenfonds Mittelabflüsse in Milliardenhöhe hinnehmen mussten, scheint an dieser sensiblen Stelle ein Favoritenwechsel stattzufinden.
Einfallsreiche Produktentwickler
Im Zukunftsmarkt private Altersvorsorge sind wiederum die deutschen Versicherer unmittelbarer Wettbewerber. Für die Fondsgesellschaften bedeutet das im Konkurrenzkampf um das Geld der Vorsorgesparer eine schwierige Gratwanderung. Die Assekuranz ist schließlich auch ein bedeutender Kunde im institutionellen Geschäft. Wird der Wettbewerb also mit harten Bandagen geführt, könnten sich die Versicherer rasch mit dem Abzug von Mandaten oder der Kündigung der Zusammenarbeit bei fondsgebundenen Policen revanchieren.
Erste Ansätze sind sichtbar, wie sich die deutsche Fondsbranche der veränderten Wettbewerbssituation stellt. So zeigen sich die Produktentwickler sehr einfallsreich, die größeren Freiheiten in der Portfoliokonstruktion dank liberaler europäischer Vorgaben zu nutzen. Immer mehr Fonds mit Absicherung kommen beispielsweise auf den Markt, die den Zertifikaten mit ihren beliebten Risikopuffern wieder Geschäftsanteile abjagen sollen. Der größte deutsche Publikumsfondsanbieter DWS versucht sogar, sich der dynamischen Zertifikatebranche auf ihrem eigenen Feld zu stellen, und hat eine eigene Zertifikateplattform ins Leben gerufen.
Richtlinie soll Wettbewerb erhöhen
Bemerkenswert ist auch der jüngste Vorstoß der drittgrößten Fondsgesellschaft Union Investment, mit einem extrem vereinfachten Fondsanlagemodell neue Kundengruppen zu erschließen und Boden gegenüber den Versicherern gutzumachen. Sorgen bereitet der Branche derzeit die geplante Einführung der Abgeltungssteuer auf Kursgewinne ab 2009. Die bislang vorgesehene Regelung würde für wiederanlegende (thesaurierende) Fonds spürbare Wettbewerbsnachteile gegenüber Versicherungen und Zertifikaten nach sich ziehen. Aus dem Gesetzgebungsverfahren um die Mifid-Umsetzung scheint die Branche dagegen weitgehend ungeschoren herauszukommen.
Hinter dem Kürzel Mifid verbirgt sich der englische Titel einer EU-Richtlinie: Markets in Financial Instruments Directive. Diese Richtlinie soll den Wettbewerb in der europäischen Finanzindustrie erhöhen und parallel mehr Transparenz bei Finanzprodukten schaffen. Im Vorfeld des Gesetzgebungsverfahrens drohte aus Sicht der Branche das Ende des Ausgabeaufschlags. Dieser dient inzwischen ausschließlich zur Vergütung des Vertriebs. Sein Wegfall hätte somit eine wesentliche Änderung des Geschäftsmodells mit sich gebracht. Berater hätten ihre Kunden darauf hinweisen müssen, dass der empfohlene Fonds anderswo - etwa über eine Fondsbörse - auch billiger zu bekommen ist.
Ansätze einer europäischen Expansion
Schließlich hieß es jedoch zur Erleichterung der Fondsbranche, dass ihr Vertrieb nicht von den Vorgaben einer bestmöglichen Ausführung für den Kunden erfasst werde. Im Geschäft mit Großkunden zeigte sich die deutsche Fondsbranche im vergangenen Jahr in robuster Verfassung. Im Gegensatz zum Privatkundengeschäft lag der Absatz von Spezialfonds noch über dem schon ausgezeichneten Vorjahr. Auf die zunehmende Komplexität, die die Kundschaft verlangt, scheint sich die Branche mittlerweile eingestellt zu haben. Allerdings herrscht im Wettbewerb um das institutionelle Geld auch ein enormer Preisdruck, der es zunehmend schwieriger macht, auskömmliche Margen zu verdienen.
Im internationalen Vergleich und Auftritt steht die deutsche Fondsbranche derzeit so stark und selbstbewusst wie nie zuvor da. Die Professionalität in den Geschäftsführungen wie auch im Fondsmanagement kann inzwischen gehobene Ansprüche weitgehend erfüllen. Allerdings verfolgt bislang erst der Marktführer DWS eine konsequente Auslandsstrategie. Beim früheren Dit - die Gesellschaft firmiert seit diesem Jahr unter Allianz Global Investors - sind zumindest Ansätze einer europäischen Expansion erkennbar. Ansonsten dominiert noch die Ausrichtung auf den Heimatmarkt.
„Zu große Bedeutung für eine Unterabteilung“
Wie eine Fessel wirkt die Unternehmensstruktur aus vergangenen Tagen. Sämtliche großen deutschen Kapitalanlagegesellschaften sind in Finanzkonzerne eingebunden und können bei der Vertretung ihrer Interessen nicht immer so agieren, wie sie dies vielleicht gerne möchten. Diese fehlende Unabhängigkeit, die gerade im sich verschärfenden Wettbewerb mit anderen Geldanlageprodukten immer sichtbarer wird, sehen selbst manche Konzernvorstände zunehmend kritischer.
„Das Fondsgeschäft hat inzwischen eine zu große Bedeutung erlangt, als dass es als Unterabteilung gefahren werden kann“, sagte kürzlich Joachim Faber, der als Mitglied des Allianz-Vorstands für die Vermögensverwaltung im Konzern verantwortlich ist. Investmentfonds müssten sich als unabhängige Branche innerhalb der Finanzindustrie etablieren.
Den eigenen Firmennamen hochhalten
Ansätze einer Loslösung aus Konzernstrukturen - etwa über einen Börsengang - sind noch nicht erkennbar. Gleichwohl ist das Selbstbewusstsein in den großen Fondsgesellschaften im Vergleich zu früheren Jahren deutlich ausgeprägter. Sichtbar nach außen getragen wurde dies bei den Feiern zum 50-jährigen Bestehen der Deutsche-Bank-Fondsgesellschaft DWS und des Allianz-Fondsanbieters Dit vor einem Jahr.
Beide wählten die Alte Oper mitten in der Frankfurter Innenstadt als Veranstaltungsort. Hochgehalten wurde der eigene Firmenname. Die Vertreter der Muttergesellschaft durften sich als Gäste fühlen. Die Botschaft war klar: Fonds sind kein Nischengeschäft mehr, das Finanzkonzerne am Rande wahrnehmen - dafür ist es auch viel zu profitabel.
Steffen Uttich Jahrgang 1970, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Immobilienteil.
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