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Branchen (92): Chemie Von Rekord zu Rekord

30.04.2007 ·  Die Chemieindustrie eilt von Rekord zu Rekord. Auch 2007 wird ein besonders gutes Jahr für die Branche werden. Darauf deuten jedenfalls die Zwischenberichte vieler Chemieunternehmen, allen voran der Weltmarktführer BASF.

Von Michael Psotta
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Die Chemieindustrie eilt von Rekord zu Rekord. Auch 2007 wird ein besonders gutes Jahr für die Branche werden. Darauf deuten jedenfalls die Zwischenberichte vieler Chemieunternehmen, allen voran der Weltmarktführer BASF. Er zeigt sich nach einem weiteren kräftigen Gewinn- und Umsatzanstieg im ersten Quartal optimistisch, dass sein glänzender Lauf auch im gesamten Geschäftsjahr anhält. Der deutsche Branchenverband VCI rechnet für 2007 zwar nur mit einem Produktionsanstieg von 2 Prozent und einem Umsatzanstieg um 2,5 Prozent. Viele Beobachter glauben, dass es sich dabei um eine sehr konservative Schätzung handelt. Überwiegend wird mit deutlich höheren Zuwachsraten gerechnet.

Dass der VCI mit relativ niedrigen Prognosen arbeitet, hat durchaus Tradition. So berichtete der Verband Ende 2006, dass der Umsatz um 6 Prozent auf 162 Milliarden Euro und die Produktion um 3,5 Prozent gestiegen sind; zuvor hatte er Zuwächse von 5,5 und 2,5 Prozent in Aussicht gestellt. Noch deutlicher fielen Erwartung und Realität im Jahr zuvor auseinander: Ende 2005 eröffnete der Verband einem staunenden Publikum, dass der Umsatz in diesem Jahr um gewaltige 7 Prozent auf 152 Milliarden Euro zugenommen hatte - zuvor hatte der VCI lediglich einen Zuwachs von 4,5 Prozent in Aussicht gestellt. Die Produktion nahm 2005 bei einer Prognose von nur 2,5 Prozent um beachtliche 6 Prozent zu.

Geringe Erwartungen stolz übertroffen

Der VCI nennt also lieber geringe Erwartungen, um dann stolz zu vermelden, dass sie übertroffen worden sind. Gleichwohl beruht die zurückhaltende Einschätzung des Verbandes diesmal wohl nicht nur auf genereller kaufmännischer Vorsicht. Sie stammt nämlich vom Jahresende 2006, und damals herrschte in der Tat die Einschätzung vor, dass eine Abschwächung wohl unumgänglich sei. Diese Erwartung wiederum hatte eine gewichtige Ursache. So zeigte sich immer deutlicher, dass der amerikanische Chemiemarkt schwächelt. Das erfuhren die deutschen Anbieter zum einen aus ihren Auftragsbüchern und zum anderen aus dem Abschneiden der amerikanischen Konkurrenten. Vor allem die dortigen Marktführer Dow Chemical und Dupont hatten Gewinnrückgänge gemeldet. Dass es sich nicht um eine vorübergehende Erscheinung handelte, offenbarte der jüngste Dow-Zwischenbericht über ein relativ schwaches erstes Quartal 2007. Die amerikanische Chemieindustrie konnte sich den Abschwächungen wichtiger Abnehmerbranchen wie dem Bau und der heimischen Autoindustrie nicht entziehen.

Bisher galt stets: Eine Krise am wichtigsten Chemiemarkt der Welt, den Vereinigten Staaten, dämpft auch die Lage der Chemiebranche im Rest der Welt. Möglicherweise gilt diese Erkenntnis nicht mehr oder nur noch mit Einschränkungen. Offenbar ist das Gewicht der wichtigsten Schwellenländer - Brasilien, Russland, Indien und China, die nach ihren Anfangsbuchstaben auch als Bric-Gruppe bezeichnet werden - derart gewachsen, dass sich die Chemie-Weltkonjunktur eine Schwäche in Nordamerika inzwischen leisten kann, ohne stärker in Mitleidenschaft gezogen zu werden.

Dynamik der Schwellenländer

Welche Dynamik die Schwellenländer speziell in der Chemie entfalten wird an der Entwicklung Chinas deutlich: Vor einem Jahrzehnt war das Land noch ein selten genannter Standort. Seit vergangenem Jahr rangiert China als Chemiestandort auf Platz drei, weiterhin nach den Vereinigten Staaten und Japan, aber inzwischen vor Deutschland. Viele deutsche Chemiekonzerne jedenfalls erwarten, dass sie eine geringere Nachfrage aus den Vereinigten Staaten durch das anhaltend starke Geschäft vor allem in Asien wettmachen können.

Zudem erlebt Europa derzeit eine generelle konjunkturelle Renaissance, die sich auch in steigender Nachfrage nach chemischen Produkten äußert. Die zum Jahresbeginn noch greifbare Skepsis, der seit vier Jahren anhaltende Boom der Branche könnte im Laufe des Jahres sein Ende finden, ist inzwischen in größere Zuversicht umgeschlagen.

Es gab allerdings noch einen zweiten Grund, der die Branchenexperten noch vor einiger Zeit zur Vorsicht mahnte: der geplante Aufbau von Kapazitäten in der Petrochemie vor allem im Nahen und im Mittleren Osten. Dort arbeiten Länder wie Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Qatar oder Iran an neuen Investitionsstrategien, um ihre Abhängigkeit vom Öl- und Gasexport zu verringern. Dabei stehen Anlagen im Vordergrund, die vom günstigen Bezug von Öl und Gas profitieren - wie zum Beispiel die Produktion von chemischen Vorprodukten für die Kunststoffindustrie. Zwar kennt niemand die genauen Investitionspläne der gesamten Region, doch einzelne Angaben haben die Konkurrenz in Europa und Amerika in der Tat beunruhigt. So wollen allein die sechs Staaten des Golfkooperationsrates bis 2015 rund 500 Milliarden Dollar in den Ausbau der Öl- und Gasförderung, für die Expansion ihrer Raffinerien und petrochemischen Anlagen sowie zur Weiterverarbeitung zu chemischen Endprodukten ausgeben. Allein der saudische Konzern Sabic, der als führender Hersteller petrochemischer Produkte inzwischen zum sechstgrößten Chemiekonzern der Welt aufgestiegen ist, investiert stetig 2 Milliarden Dollar im Jahr in den Ausbau seiner Kapazitäten.

Margen unter Druck

Das sind zwar schöne Aussichten für die großen deutschen Anlagenbauer. Die konkurrierende Chemieindustrie muss dagegen befürchten, dass ihre Margen durch das geballte neue Angebot unter Druck geraten. Es bleibt aber die Frage, wann dies geschieht. Ursprüngliche Befürchtungen der westlichen Industrieländer, dass der Chemiemarkt schon 2007 unter Druck gerate, haben sich nicht bewahrheitet.

Nach den Erkenntnissen des Chemiespezialisten Tobias Mock von der Ratingagentur Standard & Poor's ist damit frühestens 2009 zu rechnen. Das liege in erster Linie daran, dass sich der Kapazitätsaufbau im Iran stark verzögere. Von 2009 an ist nach Mocks Worten allerdings durchaus damit zu rechnen, dass speziell in der Petrochemie der Markt durch das erhöhte Angebot in ein erhebliches Ungleichgewicht gerät.

Mock hebt allerdings auch hervor, dass dies nicht die gesamte Chemieindustrie gleichermaßen trifft. Vielmehr gebe es auch Gewinner; zum Beispiel Fein- und Spezialchemieunternehmen, die als Abnehmer petrochemischer Produkte von günstigeren Preisen profitieren dürften. Einige deutsche Spezialchemieunternehmen können deshalb weiterhin mit guten Zeiten rechnen. Dazu gehört die Altana Chemie, die nach dem Verkauf des Pharmageschäftes den Altana-Konzern inzwischen allein repräsentiert. Mangels Größe wird sie zwar aus dem Aktienindex Dax herausfallen, doch deutet vieles auf eine weiche Landung: Mit ihren Spezialitäten wie Lacken und Lackzusätzen ist die Altana Chemie in Europa, den Vereinigten Staaten und Asien jeweils gut aufgestellt und als Anbieter hochinnovativer Produkte, die zum Teil gemeinsam mit den Kunden entwickelt werden, so gut positioniert, dass sie keine Preiskämpfe befürchten muss. Starke Kursanstiege seit Jahresbeginn zeigen, dass allmählich auch das breite Publikum auf den hochprofitablen Altana-Chemiezweig aufmerksam wird, der lange im Schatten des Pharmageschäftes stand.

Ähnliches gilt für das Chemiegeschäft der Merck KGaA, das zwar deutlich kleiner ist als die Pharmasparte des Konzerns, aber die Hälfte zum Konzerngewinn beisteuert. Auch bei Merck sind es innovative Produkte, in diesem Fall Flüssigkristalle für Flachbildschirme, die besonders hohe Gewinne abwerfen. In einer veränderten Chemiewelt mit neuer Konkurrenz aus Asien, Russland oder vom Golf werden immer mehr europäische Konzerne dazu übergehen, ihre Position mit hohem Aufwand für Forschung und Entwicklung abzusichern. Auch in diesem Punkt sind Altana und Merck Beispiele.

Quelle: F.A.Z., 30.04.2007, Nr. 100 / Seite 23
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