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Branchen (8): Stahlindustrie Phönix aus der Asche

30.08.2005 ·  China entscheidet durch den hohen Stahlbedarf über das Auf und Ab am Weltmarkt. Deutsche Stahlkonzerne präsentieren glänzende Ergebnisse. Sie wollen den Rekord von 2004 in diesem Jahr sogar noch übertreffen.

Von Werner Sturbeck
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Wie der Phönix aus der Asche präsentiert sich die deutsche Stahlindustrie nach jahrzehntelangem Siechtum als profitable Branche. Die großen Produzenten haben glänzende Halbjahresergebnisse veröffentlicht. Auch kleinere Anbieter schlagen sich gut. Thyssen-Krupp und Salzgitter, die zusammen etwas mehr als die Hälfte der deutschen Rohstahlproduktion von 46 Millionen Tonnen abdecken, wollen die 2004 erzielten Rekordgewinne dieses Jahr übertreffen.

Das ist nicht selbstverständlich. Der Markt ist schwieriger geworden. Im vergangenen Jahr wurde Stahl knapp und sehr teuer. Die Stahlhütten produzierten, was die Anlagen hergaben. Der Umsatz schnellte - getrieben durch von Quartal zu Quartal erhöhte Preise - um fast 23 Prozent hoch. Aber seit Anfang 2005 schrumpft der Auftragseingang. Was zunächst wie eine kleine Auftragsdelle schien, kann sich frühestens im Herbst normalisieren. Das gilt auch für Westeuropa, während sich der Stahlmarkt in den Vereinigten Staaten schon aufhellt.

Verbrauch in China steigt rasant

Stahl ist ein globales Geschäft. Bei gegenüber Deutschland überdurchschnittlichem Wachstum in der Weltwirtschaft hat die Entwicklung in China 2004 zu einer regelrechten Überhitzung geführt, nicht nur am Stahl-, sondern auch an den Rohstoffmärkten insgesamt. Das Milliardenvolk hat seinen Stahlbedarf in einem Vierteljahrhundert mit atemberaubender Beschleunigung gut verzehnfacht. 2001 lag der Walzstahlbedarf in den heutigen EU-Staaten und in China recht nahe bei etwa 150 Millionen Tonnen.

Während in diesem Jahr in der EU knapp 170 Millionen Tonnen verarbeitet werden dürften, zeichnet sich in China ein verdoppelter Verbrauch ab. Ähnlich rasant sind dort die Kapazitäten ausgebaut worden, ohne bisher Angebot und Nachfrage ins Gleichgewicht bringen zu können. Der chinesische Stahlhunger lenkte Lieferströme um, die früher nach Europa oder in die Vereinigten Staaten geflossen waren.

Stahlknappheit treibt Preise in die Höhe

Das verursachte Turbulenzen an den Rohstoffmärkten. In zuvor nie erlebter Weise schossen 2004 die Preise für Koks, Kokskohle, Schrott und Erze in die Höhe. Weil Stahl knapp war, konnten die Produzenten diesen Kostenschub umgehend in den Spotmarktpreisen weiterreichen. So verteuerten sich Walz- und Betonstahl 2004 um weit mehr als ein Drittel. Kunden mit Jahresverträgen blieben nur vorübergehend verschont.

„Wer unsere Preiserhöhungen nicht akzeptiert, bekommt nichts mehr“, hatte Guy Dollé, Chef des Weltmarktführers Arcelor, vor Beginn der letzten Vertragsverhandlungen mit der Autoindustrie erklärt. Dramatisch wurde die Lage der Stahlverarbeiter. Viele der meist mittelständischen Unternehmen verkauften ihre Produkte mit Jahresverträgen, versorgten sich selbst jedoch mit Stahl am Spotmarkt. Je besser ihr Geschäft war, um so mehr litten sie unter der Teuerung ihres Werkstoffes.

„Tonnen-Disziplin“ verhindert Preiseinbrüche

Inzwischen beeinträchtigen zwar die erheblich höheren Energiepreise das Wachstum der Weltwirtschaft. Auch bemüht sich China, die Wachstumsschübe der letzten Jahre abzubremsen. Das hat die Versorgungslage an den Stahlmärkten entspannt. Doch ist die Weltstahlproduktion bis zur Jahresmitte um fast 8 Prozent oder 39 Millionen Tonnen weiter gewachsen, wobei die chinesischen Werke 36 Millionen Tonnen oder 28 Prozent zugelegt haben. Deshalb nimmt dort nicht nur der Importbedarf ab.

China tritt nun bei einfacheren Produkten wie Baustahl selbst als Exporteur auf. Seit Monaten drücken außerdem die zur Normalität zurückkehrenden Stahlhandelsströme in Europa auf die Preise. Arcelor fuhr bereits im ersten Quartal die Produktion runter. Inzwischen erschmelzen und walzen fast alle größeren Produzenten weniger Rohstahl. Diese in früheren Jahren undenkbare „Tonnen-Disziplin“ hat ein Einbrechen der Preise bislang verhindert.

Stahlkonzerne zunehmend privatisiert

Die im schwierigeren Markt dennoch steigenden Gewinne zeugen davon, daß die erstarkte Stahlindustrie mit der Krise in den siebziger und achtziger Jahren nichts mehr gemein hat. Jahrzehntelang war sie geprägt von wettbewerbsverzerrenden Subventionen in dreistelliger Milliardenhöhe, vom Untergang Dutzender von Stahlunternehmen und vom Abbau Hunderttausender von Arbeitsplätzen.

Der in den neunziger Jahren begonnene Strukturwandel trägt nun Früchte. Nach und nach sind staatliche Stahlkonzerne in Privatbesitz übergegangen; erst in Westeuropa, nun in Mittel- und Osteuropa. Die gedrosselten Subventionen rückten Ertragsstreben und Effizienzsteigerung in den Vordergrund. Im Zuge der Rationalisierung verschwanden unproduktive Werke.

Übernahme und Zusammenschlüsse von Werken

In dieser Zeit stieß Krupp mit der Übernahme von Hoesch und der anschließenden Fusion mit Thyssen die Konzentration an, die sich inzwischen in der ganzen Welt vollzieht. Thyssen-Krupp ist Weltmarktführer bei Edelstahl, hat die Rohstahlerzeugung der einst drei bedeutendsten deutschen Stahlkocher in Duisburg zum größten Stahlwerk der Welt zusammengeführt und sich bei Qualitätsstahl auf Flachprodukte spezialisiert.

Der Versuch zum Zusammenschluß mit Usinor schlug fehl. Der französische Marktführer bildete 2002 mit der luxemburgischen Arbed und deren spanischem Partner die Arcelor, den mit mehr als 30 Milliarden Euro Umsatz noch größten Stahlkonzern der Welt. In der Produktion ist Arcelor nun vom indischen Stahlmagnaten Lakshmi Mittal überholt worden.

Gegengewicht zu Rohstofflieferanten

Damit hat der Konzentrationsprozeß erst begonnen. Das von Mittal ausgelöste transkontinentale Fusionsfieber läßt erwarten, daß sich etwa ein halbes Dutzend Stahlgiganten mit jeweils etwa 100 Millionen Tonnen Rohstahlkapazität herausbilden wird. Die Stahlkonzerne wollen mit globaler Präsenz die in dieser Strategie vorauseilenden Kunden wie die Autoindustrie enger an sich binden. Zudem wollen sie ein Gegengewicht zu den Rohstofflieferanten aufbauen.

Bei Kokskohlen und Eisenerz kontrolliert bereits eine Hand voll Konzerne mehr als drei Viertel des Welthandels. Sie setzten in den letzten Vertragsverhandlungen Preiserhöhungen von 70 bis 120 Prozent durch. Die Konzentration wird die deutsche wie die europäische Branche noch aufmischen. Die zu Arcelor gehörenden Stahlwerke in Bremen und Eisenhüttenstadt werden langfristig zumindest als Rohstahlerzeuger Kostenprobleme bekommen.

Namhafte Unternehmen wurden insolvent

Saarstahl steht erst nach einem der längsten deutschen Insolvenzverfahren wieder auf festem Boden. Der Salzgitter-Konzern profitiert vom florierenden Großrohrgeschäft in der Rohölindustrie. Der Börsenwert hat sich binnen Jahresfrist verdreifacht. „Wir sind umgeben von Haien“, stöhnte unlängst der auf Unabhängigkeit bedachte Salzgitter-Chef Wolfgang Leese mit Blick auf die Kaufinteressenten.

Einige traditionsreiche Namen haben die Stahlkrisen indes nicht überlebt. Die Imperien von Mannesmann oder Klöckner-Stahl wurden aufgeteilt, die Maxhütte ging unter. Die ostdeutschen Stahlkonzerne wurden nach der Wiedervereinigung privatisiert und von den ausländischen Käufern stark verkleinert, aber auch modernisiert.

Deutsche Stahlkonzerne setzen auf hohe Qualität

Wegen des in Deutschland und den angrenzenden Märkten kaum noch wachsenden Stahlverbrauchs spezialisieren sich die überlebenden Stahlkonzerne auf immer hochwertigere Produkte. Dadurch haben sie an Wettbewerbsfähigkeit und Ertragskraft gewonnen. Im Augenblick wird der stark wachsende Weltstahlverbrauch zwar in erster Linie von Standardprodukten zum Ausbau der Infrastruktur in den aufstrebenden Schwellenländern bestimmt.

Aber mit dem dort zunehmenden Wohlstand wird die Nachfrage nach höherwertigen Qualitäten zunehmen, auf die sich die deutsche Stahlkonzerne spezialisiert haben. Allerdings wirft die erst beginnende interkontinentale Verflechtung die Frage auf, ob die immer noch recht heterogene deutsche Stahlbranche in diesem Prozeß eine aktive Rolle spielen kann.

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Jahrgang 1949, Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

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