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Branchen (78): Wirtschaftsprüfer Viel Arbeit für die „Häkchenmacher“

22.01.2007 ·  Wirtschaftsprüfer haben sich den Markt für lukrative Mandate aufgeteilt. Gerade einmal vier Prüfungskonzerne nehmen sich die Bilanzen der großen Dax-Unternehmen vor. Die Bilanzskandale der vergangenen Jahre haben dem Geschäft eher genutzt als geschadet.

Von Joachim Jahn, Frankfurt
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Die Serie von Bilanzskandalen, die vor wenigen Jahren die deutschen Wirtschaftsprüfer unter Druck gesetzt hat, hat der Branche eher genutzt als geschadet. Nach spektakulären Betrugsfällen - vor allem bei Internet-Firmen am damaligen Börsensegment „Neuer Markt“ - häuften sich zunächst die skeptischen Stimmen. Anlegerschützer bezweifelten, dass die Zunft der Kontrolleure überhaupt in der Lage ist, Fehlern und Fälschungen in den Jahresabschlüssen auf die Spur zu kommen. Schließlich werden die freiberuflichen Prüfer ausgerechnet von den Unternehmen bezahlt, deren Rechnungslegung sie unter die Lupe nehmen sollen.

Doch inzwischen sind Namen von Schwindelfirmen wie Comroad, Balsam und Flowtex fast vergessen oder haben - wie EM.TV - neue Manager an ihrer Spitze. Nun machen die Prüfungsgesellschaften vor allem wieder dadurch Schlagzeilen, dass sie reihenweise Nachwuchs einstellen: Manche suchen mehr als 1.000 Neueinsteiger. Mit einer Serie von Gesetzesänderungen hat der Bundestag zudem die Stellung der selbständigen Prüfer gestärkt und ihnen sogar zusätzliche Aufgaben beschert. Gerade wird zudem die Wirtschaftsprüferordnung wieder novelliert - zum siebten Mal bereits.

Prüfung und Beratung nicht beim selben Kunden

„In der Skandalphase wurde sehr stark über Fehlverhalten von Abschlussprüfern diskutiert“, sagt Klaus-Peter Naumann, Vorstandssprecher des Instituts der Wirtschaftsprüfer (IDW) in Düsseldorf. „Unterbelichtet war dabei das Fehlverhalten der Unternehmensorgane - dabei sind das die eigentlichen Verantwortlichen.“ Die anschließende Diskussion über gute Unternehmensführung (Corporate Governance) hat aus seiner Sicht positive Auswirkungen auch auf die Situation der Prüfer gehabt. Schließlich wissen Vorstände und Geschäftsführer jetzt umso genauer, wie wichtig ein makelloses Zahlenwerk für das eigene Renommee ist.

Künftig werden die Bilanzkontrolleure sogar - wenngleich auf freiwilliger Basis - in eine „Durchsicht“ der Quartalsberichte eingebunden. Dafür hat das Transparenzrichtlinien-Umsetzungsgesetz gesorgt, das an diesem Samstag in Kraft getreten ist. Prüfung und Beratung beim selben Kunden hat der Gesetzgeber schon vorher etwas stärker als bisher voneinander getrennt, um die Unabhängigkeit der Kontrolleure zu untermauern. Auch die Aufsicht über die einzelnen Berufsträger wurde ausgebaut, ebenso deren gegenseitige Kontrolle (Peer Review). Und schließlich kam der Reputation der Prüfergilde zugute, dass der Wirtschaftsprüferkammer ein Gremium übergeordnet wurde, dem keine Berufsmitglieder angehören dürfen - die Abschlussprüferaufsichtskommission.

Einschreiten bei Verdacht auf Unkorrektheiten

„Jetzt kann keiner mehr sagen, eine Krähe hacke der anderen kein Auge aus“, klopft sich Naumann auf die Brust. Den größten Schub für ein wiedererwachtes Vertrauen in die Güte der jährlichen Zahlenwerke hat allerdings wohl die Einführung einer „Bilanzpolizei“ gebracht. Vor eineinhalb Jahren nahm die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung ihre Arbeit auf. Diese sichtet stichprobenhaft die Abschlüsse von Großunternehmen; außerdem schreitet sie ein, wenn ein konkreter Verdacht auf Unkorrektheiten aufkommt.

In der Hinterhand hat der private Verein die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin): Die staatliche Behörde kann mit Zwangsmitteln vorgehen, wenn ein Kandidat nicht freiwillig mit der Prüfstelle zusammenarbeitet. „Dieses Enforcement strahlt auf die Unternehmen und die Wirtschaftsprüfer gleichermaßen aus“, lobt Naumann die neue Einrichtung. Im Streitfall stärkt schon allein deren Existenz einem Prüfer den Rücken, wenn er eine allzu kreative Buchführung beanstanden will.

Rund ein Drittel arbeitet selbständig

Rund 13.000 Wirtschaftsprüfer gibt es mittlerweile in Deutschland. Nur rund ein Drittel von ihnen steht beruflich auf eigenen Füßen, der Rest ist angestellt bei einer der mehr als 2.300 Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Der Markt ist freilich vor allem bei den großen Aktiengesellschaften im Börsenindex Dax längst aufgeteilt: Auf allenfalls noch vier Prüfungskonzerne konzentrieren sich diese besonders lukrativen Aufträge, seit ein fünfter - Arthur Andersen - im Gefolge eines Bilanzskandals in den Vereinigten Staaten zusammengebrochen ist. Hinzu kommen ungefähr 4.000 Buchprüfer, die bei Pflichtprüfungen eingeschränkte Befugnisse haben. Sie müssen sich dabei auf kleine bis mittelgroße Kapitalgesellschaften beschränken.

Freilich macht die Arbeit als Zahleninspizient selbst bei den größten unter den Prüfungsgesellschaften nur die Hälfte der Tätigkeit aus. Der erhebliche Rest besteht - neben freiwilligen Prüfungen - in der Beratung vor allem in Steuerangelegenheiten, mitunter aber auch in betriebswirtschaftlichen und computertechnischen Fragen. Bei vielen Kanzleien und überörtlichen Netzwerken lässt sich daher gar nicht recht sagen, ob sie eigentlich eher als Büro von Wirtschaftsprüfern oder von Steuerberatern einzustufen sind.

Internationale Rechnungslegung

Aber auch die Prüfungen haben wenig mit dem Sichten von Belegen, Quittungen und Rechnungen zu tun, wie sich manch einer den Job der „Häkchenmacher“ vorstellt. Vielmehr bestimmen moderne Computerprogramme den Alltag, die beim oft wochenlangen Einsatz vor Ort bei den einzelnen Kunden im In- und Ausland genutzt werden, um letztlich den Gesamtwert des Unternehmens zu bestimmen. Eine Aufgabe, die immense Kenntnisse auch in Betriebswirtschaft und Steuerrecht erfordert.

Neue Betätigungsfelder kommen für die großen und kleinen Prüferpraxen dazu. Die Umstellung der Rechnungslegung vom deutschen Handelsgesetzbuch auf internationale Regeln (insbesondere die International Financial Reporting Standards - IFRS) ist zwar bislang nur für Großkonzerne relevant. Doch hält die Diskussion an, ob diese Standards - etwa im Rahmen der verschärften Kreditprüfungen nach den neuen Aufsichtsregeln für Banken („Basel II“) - auch auf den Mittelstand ausgedehnt werden sollten. „In der Prüfung und Beratung gewinnt das Thema internationale Rechnungslegung eine immer weiter steigende Bedeutung“, sagt Prüferchef Naumann.

Ein deutliches Umsatzplus in Deutschland

Drastisch rückt er allerdings zugleich die Dimensionen zurecht, die in der Öffentlichkeit oft verkannt werden. „In der deutschen Unternehmenswirklichkeit ist die Zahl der IFRS-Anwender außerhalb der börsennotierten Unternehmen bisher verschwindend gering.“ Doch weist Naumann noch auf einen weiteren Aufgabenbereich hin, der für seine Kollegen an Bedeutung gewonnen hat: die Abschlussprüfung im kommunalen Bereich. Immer mehr Gebietskörperschaften stellen nämlich ihre Etatplanung von der traditionellen Kameralistik auf die in der Privatwirtschaft gängige doppelte Haushaltsführung um. Kurzum: Der Berufsstand dürfte auch weiterhin wachsen.

Das ist auch deshalb zu erwarten, weil die gesamte Wirtschaft langsam wieder wächst. Somit war für die Prüferbranche 2006 ein gutes Jahr. „Ein bisschen konjunkturabhängig sind wir schon“, erklärt Naumann zurückhaltend. So entwickeln sich die Zahlen, die die Spitzenreiter unter den Prüfungskonzernen mit ihren Umsätzen schreiben, spürbar nach oben. Die zunehmende Zahl von Firmenkäufen verhalf etwa dem Beratungsunternehmen KPMG zu einem deutlichen Umsatzplus in Deutschland: Die Erlöse legten im vergangenen Geschäftsjahr um 7,4 Prozent auf 1,1 Milliarden Euro zu. Damit hielt die KPMG-Gruppe ihre zweite Position zwischen den Konkurrenten PwC und Ernst & Young.

Die Honorare stehen freilich weiter unter Druck, heißt es nicht nur aus kaufmännischer Bescheidenheit bei den Bilanzaufsehern. Zeitweise hatten Kritiker schon befürchtet, wegen eines Unterbietungswettbewerbs sei gar keine ordentliche Bilanzkontrolle mehr möglich. Und IDW-Vorstand Naumann klagt: „Die gestiegene Regulierung belastet den Berufsstand finanziell sehr stark.“

Quelle: F.A.Z., 22.01.2007, Nr. 18 / Seite 21
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Jahrgang 1959, Redakteur der Wirtschaft in Berlin, zuständig für „Recht und Steuern“.

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