13.11.2006 · Die Deutschen geben jedes Jahr pro Kopf knapp 2.000 Euro für Versicherungen aus, das meiste davon für Sach- und Krankenversicherungen. Die Altersvorsorge hat noch Nachholbedarf.
Von Stefan RuhkampEine Allianz fürs Leben sollte es sein. Die Mitarbeiter des größten deutschen Versicherers haben den Werbespruch nie allein auf die Produkte bezogen, sondern auch auf deren Arbeitsverhältnisse. Das ist typisch für die Versicherungsbranche. Streiks gab es noch bis vor kurzem nie, Entlassungen im großen Stil schon gar nicht. Um so größer ist nun das Entsetzen in der Branche, daß sich die vermeintliche Arbeitsplatzgarantie als Illusion herausgestellt hat.
Wie auf einen Startschuß hin hat in den vergangenen Monaten ein großer deutscher Versicherer nach dem anderen angekündigt, die Zahl der Stellen drastisch zu reduzieren. Die Allianz streicht bis zum Jahr 2008 rund 8.000 Arbeitsplätze, Talanx 1.800, Ergo 1.200 und Axa mehr als 1.000 Stellen. Die Aufzählung ließe sich fortsetzen. Im vergangen Jahr ist die Zahl der Arbeitsplätze in der deutschen Assekuranz schon um rund 3 Prozent gefallen. In diesem Jahr ist der erwartete Rückgang etwa genauso groß auf etwa 226.000 Arbeitsplätze. Im Jahr 2002 gab es noch mehr als 240.000 Stellen.
Schadenzahlungen vom 11. September
Die Beschäftigten gehen nun auf die Straße. Viele demonstrieren zum ersten Mal in ihrem Leben und beteiligen sich an Streiks. Wut und Enttäuschung werden noch verstärkt, weil sich die Versicherer eigentlich nicht in der Krise befinden. Die haben sie längst hinter sich: Nach den großen Terroranschlägen in den Vereinigten Staaten am 11. September 2001 mußten sie große Schadenzahlungen finanzieren. Zudem schmolz wegen der Baisse auf den Aktienmärkten der Wert der Kapitalanlagen zusammen. Viele Versicherer büßten einen großen Teil ihres Eigenkapitals ein.
Doch inzwischen befindet sich die Branche in einer weitaus besseren Verfassung. Selbst die Katastrophenschäden der vergangenen beiden Jahre in Rekordhöhe sind gut verkraftet worden. Die Margen haben sich erhöht, so daß in der deutschen Sachversicherung die Prämieneinnahmen wieder höher sind als die Schadenzahlungen. Die Assekuranz verdient also - anders als in den neunziger Jahren - wieder Geld im Kerngeschäft. Die Kapitalerträge kommen noch hinzu. So erwirtschaftet Branchenführer Allianz im zweiten Jahr in Folge ein Rekordergebnis. 2006 sollen es mehr als 6 Milliarden Euro werden. Auch andere Versicherungsgruppen wie Ergo und Talanx haben die Gewinne gesteigert.
Deutlich höhere Kapitalrenditen
Selbst CDU-Politiker wie die Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth wenden sich bei soviel Ertragshunger ab und gehen gemeinsam mit Gewerkschaftern auf die Straße. Uwe Foullong, Vorstandsmitglied der Gewerkschaft Verdi, verlangt ein Verbot von Entlassungen für Unternehmen, die Gewinne erwirtschaften. Anlaß für seine Forderung ist die Allianz.
Die Unternehmen argumentieren mit zu hohen Kosten und verkrusteten Strukturen. Tatsächlich hat die Assekuranz spät mit ihrer Neuausrichtung begonnen. Die Banken haben einige Jahre früher damit begonnen, die Möglichkeiten der Informationstechnik zu nutzen und daraus Kostenvorteile zu erzielen. Die Versicherer dagegen haben sich wegen der früheren Regulierung, die erst im Jahr 1994 aufgehoben wurde, länger mit kostspieligen Strukturen abgefunden. Die Banken indes haben deutlich höhere Kapitalrenditen erwirtschaftet, sehr zur Freude der Aktionäre.
Bessere Leistungen erreichen
Den Druck der Kapitalmärkte bekommen die Versicherer nun zu spüren. Allianz-Chef Michael Diekmann hat mit großem Aufsehen Kündigungen in Aussicht gestellt, obwohl die natürliche Fluktuation von jährlich rund 5 Prozent ausgereicht hätte, den erforderlichen Stellenabbau geräuschlos abzuwickeln. Das hat Beschäftigte und den selbständigen Außendienst verunsichert und auf die Barrikaden gebracht. Diekmanns riskantes Vorgehen ist jedoch kein Versehen. Insider vermuten, er wolle Analysten und Anlegern signalisieren, daß der Konzern nun auf Ertragsstärke getrimmt wird. Zudem handele es sich um ein Signal nach innen. Der Belegschaft solle das Gefühl der Sicherheit genommen werden, um bessere Leistungen zu erreichen.
Daß der Umbau notwendig ist, ist in Fachkreisen und selbst bei Gewerkschaftern wenig umstritten. Die Konzernstruktur der Allianz war bisher verworren. Jede der drei großen Sparten Sach-, Lebens- und Krankenversicherung arbeitete weitgehend unabhängig. Mit der Frankfurter Versicherung und der Bayerischen Versicherungsbank (BVB) gab es zudem noch zwei große Untergesellschaften, die weitgehend eigenständig wirtschafteten mit entsprechend kostspieligen Doppelstrukturen. Das soll durch die Integration bereinigt werden. Zudem wird der Vertrieb in eine eigenständige Gesellschaft ausgegliedert - ein Schritt, den bereits Konkurrent Axa erwogen, dann aber auf die lange Bank geschoben hat.
Umbau der Versicherungsbranche
Das drastische und harte Vorgehen der Allianz löst in der Branche unterschiedliche Reaktionen aus. Die einen schauen mit Respekt auf Diekmanns forsches Auftreten und setzen auf ähnliche Strategien. Andere warten ab, ob der radikale und ohne den Willen zum Konsens betriebene Umbau einigermaßen reibungslos abläuft. Eine dritte Gruppe versucht es dagegen mit einer vorsichtigeren Methode. So kommen Württembergische und Karlsruher nach ihrem Zusammenschluß zwar auch nicht ohne Stellenabbau aus. Aber sie verzichten auf betriebsbedingte Kündigungen. Stellenstreichungen wird es auch nach der Übernahme der DBV durch Axa geben. Der französische Konzern, Marktführer in Europa, hat aber angedeutet, daß es schonender zugehen wird als bei früheren Übernahmen in Deutschland.
Daß der Umbau der Versicherungsbranche weitergehen wird, ist indes unbestritten. Trotz der Zusammenschlüsse der vergangenen beiden Jahre ist die Branche in Deutschland immer noch relativ stark zersplittert. So bieten mehr als 50 Krankenversicherer und gut 100 Lebensversicherer ihre Dienste an. Ein Teil davon hat sich zwar bereits zu Gruppen zusammengeschlossen. Aber immer noch gibt es Dutzende kleinerer Anbieter, die zum Leben zuwenig und zum Sterben zuviel haben. Ein Teil davon dürfte auf Dauer eher leise verschwinden, indem das Neugeschäft eingestellt wird. Andere werden kooperieren, sich zusammenschließen oder übernommen werden. In jedem Fall werden die dadurch genutzten Größenvorteile die Zahl der benötigten Arbeitskräfte verringern.
Staat zieht aus der Rentenversicherung zurück
Bernhard Schareck, Präsident des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), rechnet damit, daß der Stellenabbau noch mindestens fünf Jahre andauern wird, allerdings in einem geringeren Tempo als zuletzt. Walter Thießen, Vorstandsvorsitzender der AMB Generali, rechnet sogar damit, daß ein Viertel der Arbeitsplätze innerhalb der kommenden zehn Jahre überflüssig wird.
Als wichtigstes Wachstumsfeld gilt in Deutschland langfristig die private Altersvorsorge, wenngleich das Wachstum im Neugeschäft in den beiden vergangenen Jahren enttäuschend gering war. Die Perspektiven sind dennoch günstig: Der Staat zieht sich ein gutes Stück aus der Rentenversicherung zurück und fordert die Bürger zum Sparen auf. Zudem altert die Bevölkerung, weil weniger Kinder geboren werden und die Menschen länger leben. Die Lebensversicherer hoffen, daß sie von diesem Trend profitieren können. Die Deutschen geben jedes Jahr pro Kopf knapp 2.000 Euro für Versicherungen aus, das sind rund 7 Prozent der Wirtschaftsleistung.
Die Durchdringung mit Versicherungsprodukten liegt damit insgesamt etwa im europäischen Durchschnitt. Das resultiert allerdings vor allem aus der überproportional hohen Nachfrage nach Sach- und Krankenversicherungen. Bei Lebensversicherungen liegt der Anteil am Bruttoinlandsprodukt mit 3 Prozent dagegen weit unter dem europäischen Durchschnitt. Die Versicherer setzen darauf, daß sich dieser Anteil in den kommenden Jahren angleicht. Aber nicht nur wegen dieser Hoffnungen dürfte der Stellenabbau gebremst werden. Denn noch immer wächst die Produktivität in der Assekuranz schneller als ihr Absatz.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.375,43 | −1,34% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2424 | −0,52% |
| Rohöl Brent Crude | 104,62 $ | −2,09% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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