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Branchen (67): Logistik 45 Tonnen Fracht pro Person

29.10.2006 ·  Gemessen am Umsatz steht die Logistik mit dem Maschinenbau gleich hinter der Auto- und Elektroindustrie. Vor dem Konsum steht der Transport, deshalb gibt es fast immer Wachstum in der unterschätzten Branche.

Von Helmut Bünder
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Die Bananen kommen aus der Karibik. Das neue T-Shirt wurde in Taiwan genäht. Die schicke Digitalkamera haben flinke Finger in Schanghai zusammengebaut. Vor dem Konsum steht der Transport. Und oft sind es Tausende von Kilometern, die ein Produkt vom Ort der Produktion bis zum deutschen Verbraucher zu überwinden hat. Immer mehr Ware geht auf immer längere Reisen.

Die internationale Arbeitsteilung treibt die Geschäfte von Containerdiensten, Luftfrachtunternehmen und internationalen Speditionen. Aber auch im Inland boomt das Geschäft der Logistikbranche. Spezialisierte Anbieter profitieren davon, daß eine wachsende Zahl von Industrie- und Handelsunternehmen nicht nur Transportaufträge erteilt, sondern ihre Warenwirtschaft auslagert.

Mehr als zwei Millionen Fahrzeuge

„Wir schwimmen auf einer Welle des Erfolges“, sagte Peter Witten, Vorstandsvorsitzender der Bundesvereinigung Logistik (BVL), gerade auf dem Jahreskongreß in Berlin. Er rechnet damit, daß diese Dynamik anhalten wird. Auf 5 Prozent veranschlagt er das Umsatzwachstum in diesem Jahr, so daß in der Logistik rund 180 Milliarden Euro erzielt werden könnten. Schon jetzt werden für jeden Bundesbürger im Jahr rund 45 Tonnen Fracht bewegt, so Berechnungen der Logistikwissenschaftler Peter Klaus und Christian Kille.

Mehr als zwei Millionen Fahrzeuge - vom Kleintransporter bis zum Güterzug und Kanalschiff - sind in Deutschland jeden Tag unterwegs, um Regale zu füllen, Baustoffe und Ersatzteile zu liefern und Vormaterialien in die Fabriken und Handwerksbetriebe zu bringen. Rund 2,5 Millionen Menschen sorgen dafür, daß die richtige Ware zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort ist. Gemessen am Umsatz stünde die Logistik, würde sie denn in der amtlichen Statistik als eigener Wirtschaftszweig geführt, damit auf dem dritten Platz der großen Branchen - in etwa gleichauf mit dem Maschinenbau nach der Fahrzeugindustrie und der Elektrotechnik.

Tausende kleiner und mittlerer Unternehmen

Es sind beeindruckende Zahlen, welche Klaus und Kille in ihrem Standardwerk „Die Top 100 der Logistik“ zusammengestellt haben. Aber die volkswirtschaftliche Bedeutung der Branche wird offensichtlich noch immer unterschätzt. Das liegt nicht nur an der Mißachtung durch die amtliche Statistik. Denn mehr als die Hälfte aller Logistikleistungen wird als Werkslogistik innerhalb der produzierenden oder handeltreibenden Unternehmen erbracht und tritt deshalb nicht als eigenständige Branche in Erscheinung. Aber dieses Bild ändert sich.

Der Anteil der an die Spezialisten ausgelagerten Warenwirtschaft steigt kontinuierlich. 2001 betrug er 44,6 Prozent, drei Jahre später waren es 46,1 Prozent. Inzwischen umfaßt der deutsche Markt für Logistikdienstleister ein Umsatzvolumen von rund 80 Milliarden Euro. Nach außen hin wird das Bild von den Großen der Branche geprägt. Aber hinter der Deutschen Post mit ihrer Logistiktochter DHL, der Deutschen Bahn, Kühne + Nagel und UPS rangeln sich Tausende kleiner und mittlerer Unternehmen.

Konsolidierungsprozeß in vollem Gange

Selbst die größten hundert Logistiker kommen zusammen gerade mal auf die Hälfte des Branchenumsatzes. Die Unternehmensberatung Exxent Management Team wertet diese Kennziffer als Beleg für die „starke Fragmentierung des Marktes und somit das Fusionspotential“. Megaübernahmen wie der Kauf des britischen Logistikriesen Exel durch DHL und die Verstärkung der Deutschen Bahn durch die amerikanische Logistikgesellschaft Bax zeigen, wohin die Reise geht.

Auch in der zweiten Reihe ist der Konsolidierungsprozeß in vollem Gange. Das zur Rethmann-Gruppe gehörende Logistikunternehmen Rhenus aus dem westfälischen Holzwickede hat sich mit der Spedition Interspe Hamann in diesem Frühjahr ein europäisches Transportnetz gekauft und seinen Umsatz auf einen Schlag um 1 Milliarde auf 2,3 Milliarden Euro erweitert. Die Fiege-Gruppe aus Greven bei Münster folgte wenige Monate später mit der Übernahme der Hamburger TTS-Gruppe und der Schwestergesellschaft Rewico-Logistik aus Berlin. Neben einem zusätzlichen Umsatzvolumen von 250 Millionen Euro und einer mehr als 300 Fahrzeuge starken Lastwagenflotte sicherten sich die Grevener damit ein zukunftsträchtiges Netz in Osteuropa und Rußland.

Viele sind zu wenig „kundengetrieben“

Das Bild ist zweigeteilt. Auf der einen Seite entstehen Logistikriesen mit weltumspannenden Netzen. Wer es nicht schafft, in diese Größenordnungen hineinzuwachsen, hat im internationalen Geschäft auf Dauer keine Chance. Auf der anderen Seite bilden sich spezialisierte mittlere Unternehmen heraus, die mit ihrer Kompetenz Auftraggeber aus der eigenen Region an sich binden. Dazwischen versuchen sich, oft als Subunternehmen, die vielen kleinen und mittleren Verlader und Frachtunternehmen zu behaupten.

„Unsere Erfahrung zeigt, daß viele Logistikanbieter ihre Wachstumsmöglichkeiten noch nicht ausschöpfen“, so die Consultants von Exxent. Viele von ihnen seien zu sehr „produktgetrieben“ und zu wenig „kundengetrieben“. Das deckt sich mit der Einschätzung von Hugo Fiege, einem der beiden geschäftsführenden Gesellschafter der Fiege-Gruppe. Der größte Fehler sei es, Lösungen mit Blick auf die Auslastung des eigenen Netzes zu entwerfen.

Über den reinen Transport hinaus

Fiege macht sein Geschäft in dem am schnellsten wachsenden und deshalb hart umkämpften Segment: der Kontraktlogistik. Hinter dem Begriff verbirgt sich die langfristig angelegte, oft weit über den reinen Transport hinausreichende Zusammenarbeit mit Unternehmenskunden. Kontraktlogistiker steuern den Waren- und damit verbundenen Informations- und Finanzfluß, betreiben Lagerhäuser und übernehmen häufig auch Teile der Produktionskette.

Fiege-Mitarbeiter zum Beispiel bügeln importierte Hemden auf, individualisieren Smart-Cards für Premiere-Decoder oder montieren beim Endkunden die angelieferten Möbel. Einen hart umkämpften Großauftrag hat sich kürzlich DHL gesichert: die Versorgung britischer Krankenhäuser mit praktisch allem, was dort benötigt wird - vom chirurgischen Gerät bis zu Büroausstattung und Bettwäsche. Mit einem Volumen von 2,3 Milliarden Euro über die kommenden zehn Jahre ist das der größte Logistikauftrag, den DHL jemals bekommen hat.

Steigender Rationalisierungsdruck

Die Logistikwissenschaftler Klaus und Kille sehen dafür in Deutschland ein gewaltiges Potential. Tatsächlich abgewickelt würden bisher erst knapp 16 Milliarden Euro, „potentiell kontraktlogistikfähig“ seien jedoch Umsätze von rund 67 Milliarden Euro. Nach ihren Berechnungen liegen davon allein 21,5 Milliarden Euro in der Konsumgüterdistribution.

Wachstum und Arbeitsplätze, die in der Kontraktlogistik entstehen, gehen mit der Auslagerung oft anderswo verloren. Die Branche verdankt ihren Erfolg schließlich dem steigenden Rationalisierungsdruck. Das macht sie zum konjunkturresistenten und sogar antizyklisch reagierenden Wirtschaftszweig. Je schlechter die Wirtschaft läuft, desto größer wird die Bereitschaft zum Outsourcing.

Fahrer und Lastwagen werden knapp

Als Transitland im Zentrum Europas befindet sich Deutschland in einer hervorragenden Position, um vom weiteren Wachstum der Logistik zu profitieren. Auch in der Regierung habe ein Umdenken eingesetzt, konstatiert der Präsident des Deutschen Speditions- und Logistikverbandes (DSLV), Michael Kubenz. Die große Koalition habe die Logistik zum ersten Mal in einer Regierungserklärung angesprochen und ihr Unterstützung durch die Förderung wettbewerbsfähiger Rahmenbedingungen zugesichert.

Vom Berliner „Masterplan Güterverkehr und Logistik“ erhofft sich Kubenz einen beschleunigten Ausbau der Verkehrsinfrastruktur: „Deutschlands Straßen verkommen immer mehr, wenn der Staat nicht etwas unternimmt.“ Gegenwärtig treibt das Gewerbe jedoch eine andere Sorge: Fahrer und Lastwagen werden knapp. Wer heute einen neuen Brummi ordert, muß mindestens ein halbes Jahr warten.

Quelle: F.A.Z., 30.10.2006, Nr. 252 / Seite 21
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Jahrgang 1957, Wirtschaftskorrespondent in Bonn.

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