16.10.2006 · Private-Equity-Fonds überbieten sich und kaufen sich immer teurer in Unternehmen ein. Die ambitionierten Renditeziele und die Schuldenlast können so für eine gekaufte Firma zur Gefahr werden.
Von Daniel SchäferWas haben der Grüne Punkt, eine Märklin-Eisenbahn und Brillengläser von Rodenstock miteinander gemein? Die hinter diesen Produkten stehenden Unternehmen sind durch Beteiligungskapital finanziert. Damit reihen sie sich in eine Vielzahl deutscher Firmen ein, die in den vergangenen Jahren aus der Obhut großer Konzerne, von Gründerfamilien oder der Börse in den Besitz zumeist angloamerikanischer Beteiligungsgesellschaften gewechselt sind.
Ausgestattet mit gewaltigen Finanzbudgets, versuchen private Eigenkapitalgeber (Private Equity) nun auch, ganze Konzerne zu übernehmen. Doch der Kampf um die Übernahmeziele wird immer heftiger. Der Beteiligungsmarkt droht zu überhitzen - mit gravierenden Folgen für manche der mit Private Equity finanzierten Unternehmen.
Beteiligungskapital zur Finanzierung
Die von Franz Müntefering angezettelte „Heuschrecken-Debatte“, in der Finanzinvestoren pauschal als Firmenaussauger diffamiert wurden, hat nicht unbedingt zur Klarheit beigetragen, was Private Equity überhaupt ist. Dabei ist Beteiligungskapital eigentlich nichts anderes als eine Art von Unternehmensfinanzierung. Der Anglizismus „Private Equity“ steht für privates Eigenkapital und gilt als Gegenstück zu dem öffentlich an Börsen gehandelten Eigenkapital der Aktiengesellschaften. In Deutschland wird Private Equity meist gleichgesetzt mit großen Firmenkäufen, im amerikanischen Raum dagegen werden auch Wagniskapital und Minderheitsbeteiligungen an größeren Wachstumsunternehmen dazugezählt.
In den vergangenen Jahren hat sich Beteiligungskapital zu einem der größten deutschen Arbeitgeber gemausert. Nach Zahlen des Bundesverbands Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK) beschäftigten von Private Equity finanzierte Firmen im Jahr 2005 fast 800.000 Mitarbeiter mit einem Umsatz von 170,3 Milliarden Euro. Der britische Beteiligungsfonds CVC zum Beispiel besitzt hierzulande Unternehmen, die 32.685 Mitarbeiter beschäftigen - das sind doppelt so viele, wie für den im Dax gelisteten Sportartikelhersteller Adidas arbeiten.
Könige der Finanzmärkte
Die neuen Könige der Finanzmärkte können sich die Schnäppchenjagd in Deutschland locker leisten. Denn die Beteiligungsbranche verfügt über eine größere Einkaufsmacht als je zuvor. Rund 6.000 Fonds gibt es, die schätzungsweise 1,3 Billionen Dollar Eigenkapital im Köcher haben. In diesem Jahr könnten nochmals rund 300 Milliarden Dollar an frischem Geld hinzukommen. Vor allem amerikanische und britische Beteiligungsgesellschaften strotzen vor Kraft.
Finanzinvestoren wie Kohlberg Kravis Roberts & Co. (KKR), die Texas Pacific Group, Blackstone, Permira oder Apollo haben zuletzt Fonds im Volumen von mehr als 10 Milliarden Dollar geschlossen. Hinzu kommt ein extrem spendabler Fremdfinanzierungsmarkt. Dieser erlaubt es den Fonds derzeit, die Übernahmen zu einem großen Teil mit Schulden zu finanzieren. Diese Kredite werden nach dem Erwerb dem gekauften Unternehmen aufgebürdet.
Sprudelnde Geldquellen
In Deutschland fehlen sowohl die Investoren als auch die ganz großen Fonds. Denn das Geschäft mit der Bereitstellung von Eigenkapital für Unternehmen war hierzulande lange Zeit ein Zubrot für deutsche Banken und Versicherungen. Sie investierten einen Bruchteil ihrer Anlagegelder direkt in Unternehmensbeteiligungen. Selbständige Fondsgesellschaften, wie sie in Nordamerika und Großbritannien seit Jahrzehnten Usus sind, gab es so gut wie nicht.
Im angloamerikanischen Raum indes sind die Fonds seit den Zeiten der aggressiven Firmenjäger in den achtziger Jahren zu einem Element des Wirtschaftskreislaufs avanciert. Gesellschaften wie Carlyle oder Warburg Pincus speisen sich aus den sprudelnden Geldquellen wie Pensionsfonds, Versicherungen, Stiftungen oder reichen Privatleuten.
Kapitalkräftige Stiftungen sind rar
Die deutschen Gesellschaften backen kleinere Brötchen. Die Ausnahme ist der Private-Equity-Arm der Allianz, die Allianz Capital Partners. Sie hat - jedoch bislang fast ausschließlich aus Geldern des Konzerns - auch in größere Unternehmensbeteiligungen wie der Druckmaschinensparte von MAN investiert. Ansonsten verfügen die größten Gesellschaften wie Odewald oder die Deutsche Beteiligungs-AG über Fonds mit weniger als 1 Milliarde Euro.
Der Grund: Dank des umlagefinanzierten Rentensystems fehlt es hierzulande an finanzstarken Pensionskassen als Investoren. Auch kapitalkräftige Stiftungen sind rar. Während in Amerika bekannte Pensionsfonds wie die der Universitäten Harvard oder Yale 15 bis 30 Prozent ihres Anlagegeldes Private Equity anvertrauen, investieren die deutschen Versicherungskonzerne noch nicht einmal 1 Prozent in diese Anlageklasse.
Randbereiche von Konzernen
Beteiligungskapitalgeber kaufen Unternehmen und versuchen, binnen einiger Jahre deren Wert zu steigern, um sie später mit hohen zweistelligen Renditen abzustoßen. Dabei nehmen sie nicht mehr nur Randbereiche von Konzernen wie die derzeit zum Verkauf stehende Gabelstaplersparte von Linde oder auch Mittelständler wie den Brillenglashersteller Rodenstock ins Visier, sondern zunehmend ganze Konzerne. Zuletzt standen selbst Dax-Unternehmen auf der Einkaufsliste.
Blackstone etwa hat für 2,7 Milliarden Euro einen Anteil von 4,5 Prozent an der Deutschen Telekom erworben. Ein Konsortium aus drei Beteiligungsfonds hat für 4,2 Milliarden Euro die Pharmasparte und damit den größten Teil von Altana erworben. Zuletzt haben mehrere Beteiligungsfonds unter der Führung von Bain Capital gar einen - erfolglosen - Vorstoß gewagt, den Autozulieferer Continental zu kaufen.
Aggressivere Finanzierungspakete
Mit der zunehmenden Gigantomanie nehmen auch die Exzesse zu. Es drohen nicht nur die wilden Jahre zurückzukehren, in denen die Fonds auch feindliche Übernahmen angegangen sind. Die ersten Fonds wie KKR und CVC haben sich dies in ihren Fondsstatuten angeblich schon genehmigen lassen. Zudem laden die Private-Equity-Fonds in immer mehr Fällen den Unternehmen viel mehr Schulden auf, als für diese verträglich sind.
Angeheizt wird dies von den Banken, die zu hohen Gebühren immer aggressivere Finanzierungspakete anbieten. Das macht die Übernahmen in vielen Fällen zu einem Vabanquespiel: Steigen die Kapitalmarktzinsen rapide oder verschlechtert sich das wirtschaftliche Umfeld, können die hohen Zins- und Tilgungszahlungen für das Unternehmen schnell zum Problem werden.
Spiel mit dem Schuldenfeuer
Diese immer riskanter werdenden Übernahmen spiegeln sich in den Noten der Ratingagenturen für Schulden von Unternehmen, die durch Private Equity finanziert wurden. Die Zahl der schlechter als „B+“ benoteten Kredite ist seit dem Jahr 2000 von gut einem Fünftel auf mehr als 40 Prozent gestiegen. Statistisch bedeutet ein derartiges Rating, daß binnen drei Jahren 18 Prozent der Unternehmen ihre Schulden nicht mehr bedienen können.
Für die Beteiligungsfonds hält sich das Risiko dennoch in Grenzen: Schlimmstenfalls riskieren sie einen Verlust des eingesetzten Eigenkapitals und damit eine Verschlechterung ihrer Fondsrendite. Doch für die betroffenen Unternehmen hat das Spiel mit dem Schuldenfeuer mitunter fatale Folgen. In der deutschen Automobilzuliefererbranche ist das schon zu sehen.
Zu hohe Zins- und Tilgungslast
Der Zulieferer TMD Friction etwa rutschte in eine Krise, weil er die Zins- und Tilgungslast nicht mehr stemmen konnten. Die dahinter stehende Beteiligungsgesellschaft Montagu mußte schließlich die Kontrolle an die Gläubiger abgeben. Solche Fälle werden sich nach Ansicht von Fachleuten künftig auch in anderen Branchen häufen.
Dennoch wird man sich an die Präsenz der Finanzinvestoren dauerhaft gewöhnen müssen. Wie die entwickelten Private-Equity-Märkte Amerika oder Großbritannien zeigen, grasen die Private-Equity-Fonds keinesfalls nur als „Heuschrecken“ ein Land ab, um dann weiterzuziehen. Bedarf für vernünftig eingesetztes Beteiligungskapital wird es immer geben.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.375,43 | −1,34% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2424 | −0,52% |
| Rohöl Brent Crude | 104,62 $ | −2,09% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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