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Branchen (64): Einzelhandel Zum Lachen und zum Weinen

11.10.2006 ·  Im europäischen Vergleich ist die Konzentration in Deutschland vor allem im Lebensmittelhandel noch gering. Kein anderes Land hat so viele Einzelhandelsflächen. Doch die höhere Mehrwertsteuer droht den Aufschwung im Handel zu ersticken.

Von Brigitte Koch und Ulrich Friese
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„Wir schenken Ihnen die Mehrwertsteuer.“ So klingen in diesen Wochen zahlreiche Werbeslogans von Autohändlern, Möbelhäusern oder Elektronikfachgeschäften. Die anstehende Erhöhung der Mehrwertsteuer Anfang 2007 wirft ihre Schatten voraus. Der Einzelhandel betrachtet sie kurzfristig mit einem lachenden, langfristig indessen mit einem weinenden Auge.

Zunächst dürften vielen Händlern gute Zeiten bevorstehen. So rechnet die Branche gerade im Weihnachtsgeschäft mit vorgezogenen Käufen teurer Konsumgüter. Schmuck, Computer, Möbel, Fernseher oder edler Hausrat werden besonders gefragt sein.

Leichter Rückschlag erwartet

Ist für die Konsumstimmung derzeit durchaus ein Lichtblick zu erkennen, stellt sich im deutschen Einzelhandel die bange Frage, was im kommenden Jahr zu erwarten ist. Denn neben der höheren Mehrwertsteuer, die die Händler angesichts ihrer angespannten Margensituation trotz des Wettbewerbsumfelds auf die Endpreise umlegen wollen, werden weitere steuerliche Mehrbelastungen die Haushaltsbudgets strapazieren.

Der Handelsverband HDE erwartet, daß der Branchenumsatz 2007 preisbedingt steigen, real aber ein einen leichten Rückschlag erleiden wird. Für 2006 rechnet der Einzelhandel nach zehn Jahren Wachstumspause wenigstens mit einer leichten Belebung. Der HDE schätzt, daß etwas mehr als 392 Milliarden Euro in die Kassen fließen, 0,75 Prozent mehr als vor einem Jahr.

Weniger Erwerbslose, mehr Umsatz

Das Rheinische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) geht davon aus, daß die Steuererhöhungen zu Jahresbeginn 2007 der deutschen Wirtschaft zwar einen Dämpfer versetzen, den Aufschwung aber nicht abwürgen werden. Auf welcher Seite der Null-Linie sich die Einzelhändler im nächsten Jahr bewegen, hängt von der Entwicklung am Arbeitsmarkt ab.

Nach Schätzungen der Statistiker vom RWI oder dem Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel wird die Zahl der Erwerbstätigen in diesem und im kommenden Jahr erstmals wieder spürbar zunehmen. Das sorgt für Einkommen und könnte dem Handel entsprechend helfen.

Schier ungebrochene Ausgabefreude

Großbritannien als zweitwichtigster Einzelhandelsmarkt in Europa hat dies bereits erlebt. Wie in keinem anderen Land in Westeuropa konnten bislang die angelsächsischen Verbraucher, die mehrheitlich vom hohen Wertzuwachs ihrer Immobilien profitieren, mit ihren Pfunden wuchern: Angefeuert von Konjunkturaufschwüngen und geringer Arbeitslosigkeit, sorgten steigende Konsumausgaben dafür, daß auf der Insel Betreiber von Warenhäusern, Supermärkten oder Textildiscountern durchweg mit Zuwächsen von mindestens 3 Prozent pro Jahr kalkulierten.

Doch scheint der Konsumrausch mittlerweile zu weit zu gehen. Inzwischen werden immer mehr die finanziellen Folgen der schier ungebrochenen Ausgabefreude spürbar: „Die Verschuldung der privaten Haushalte hat ein bedrohliches Ausmaß erreicht“, schlagen britische Banken Alarm. Allein bei den acht führenden Kreditinstituten des Landes gipfelte in den vergangenen sechs Monaten die Risikovorsorge für faule Privatkredite in einem Rekordwert von 4,9 Milliarden Euro.

Hohe Verschuldung bremst Konsum

Damit nicht genug: Mit einer Verschuldung von 3.175 Pfund (4.740 Euro) pro Kopf nimmt Großbritannien eine unrühmliche Sonderstellung in Europa ein, warnt eine Studie. Denn auf dem Kontinent fällt dieser Wert mit 2.327 Euro nur halb so hoch aus. Die hohe Verschuldung könnte den britischen Konsum bremsen.

In Deutschland hat die Branche in diesem Jahr nicht zuletzt von der Fußball-Weltmeisterschaft profitiert, die etwa im Sporthandel, in den Getränkemärkten oder den Unterhaltungselektronik-Geschäften eine Sonderkonjunktur beschert und erste Erfahrungen mit verlängerten Ladenöffnungszeiten gebracht hat. Denn während der Sommerwochen durften die Läden über 20 Uhr hinaus ihre Türen geöffnet halten.

Längere Öffnungszeiten

Die Manager der großen Handelsunternehmen haben sich überwiegend positiv zu den Ergebnissen geäußert und glauben an einen Schub aus einer Freigabe. Mit Ausnahme des Saarlandes streben alle Bundesländer zum 1. Januar 2007 eine Liberalisierung des Gesetzes an. Branchenkenner erwarten, daß besonders der Lebensmittelhandel aus dem Abendeinkauf Nutzen ziehen wird. Verglichen mit Deutschland, ist im „Einkaufsparadies Großbritannien“ die Diskussion um Ladenöffnungszeiten weit gediehen.

Dank frühzeitiger Liberalisierung sind familiengeführte Betriebe ebenso wie Supermärkte oder Warenhäuser von Montags bis Samstags entweder rund um die Uhr oder zumindest bis 22 Uhr geöffnet. Eine Ausnahme stellt bisher der Verkauf am Sonntag dar, an dem viele Filialen der Handelsriesen nur zwischen 10 Uhr und 19 Uhr geöffnet sind. Doch die Diskussion läuft, wann die letzten Hürden im britischen Einzelhandel endgültig fallen.

Wenige Anbieter teilen sich den Markt

Organisches Wachstum ist auf dem gesättigten deutschen Markt kaum mehr möglich, sagte Metro-Chef Hans-Joachim Körber kürzlich. Er rechnet mit einer weiteren Konsolidierung in Deutschland, der mit einer Einzelhandelsfläche je Einwohner bestückt ist wie kein zweites europäisches Land.

Ein Blick auf die Konzentration im Lebensmittelhandel zeigt, daß Deutschland in dieser Hinsicht allerdings noch weit hinter skandinavischen Ländern, der Schweiz oder Frankreich zurückliegt. Hierzulande erwirtschaften die fünf größten Unternehmen zwei Drittel des nationalen Lebensmittelumsatzes. In Norwegen liegt der Anteil bei 88 Prozent, in der Schweiz bei 86 Prozent und in Frankreich bei mehr als 72 Prozent.

Nationale Wettbewerber auf Distanz

Anders ist die Lage in Großbritannien, wo es nur noch vier große Anbieter gibt. Der schnelle Aufstieg des Marktführers Tesco weckte nicht nur das Mißtrauen britischer Verbraucherverbände, sondern rief auch die nationalen Wettbewerbshüter auf den Plan. Der Konzern dominiert den britischen Einzelhandel mit einem Marktanteil von knapp 31 Prozent.

Nationale Wettbewerber wie die zu Wal-Mart gehörende Handelskette Asda (Marktanteil: 16,7 Prozent), Sainsbury (16,2) oder Morrisons (11,3) rangieren mit Abstand dahinter. Tesco halte die Konkurrenz aus dem In- und Ausland etwa bei der Suche nach neuen Standorten gezielt auf Distanz, indem landesweit Grundstücke in attraktiven Lagen „auf Vorrat“ gehortet werden würden, lautet der Vorwurf.

Wal-Mart scheiterte in Deutschland

Das Handelsimperium Wal-Mart hat es nicht nur in Großbritannien mit harter Konkurrenz zu tun. Nach mehreren Verlustjahren gab der amerikanische Konzern in Deutschland sogar auf. Wal-Mart ist es nicht gelungen, auf dem schwierigen deutschen Markt, der im Lebensmittelhandel zu fast 39 Prozent (England: 6,4 Prozent) von den Discountern bestimmt ist, erfolgreich zu expandieren.

Nun kommt auf Metro die Herkules-Aufgabe zu, die von Wal-Mart übernommenen SB-Warenhäuser im Chor mit den zum Konzern gehörenden Real-Häusern zu sanieren. Branchenbeobachter sind skeptisch, denn auch die grüne Wiese ist hierzulande kein Erfolgsrezept mehr.

Versandhäuser verlieren gegen Discounter

Strukturveränderungen und Marktanteilsverschiebungen in Richtung Größe zeichnen sich auch in anderen Handelsbranchen ab, so im Textil- und Bekleidungshandel, der unter einem deutlichen Abschmelzen des klassischen inhabergeprägten Mittelstandes leidet. Wie die Fachzeitschrift „Textilwirtschaft“ jüngst ermittelt hat, teilen sich heute die 20 größten Bekleidungshändler 51 Prozent des Marktes. Vor zehn Jahren entfielen auf sie noch 42 Prozent.

Vertikale Anbieter wie Zara oder Esprit, die das gesamte Geschäft vom Entwurf über die Produktion bis hin zum Verkauf in der Hand haben, sowie Discounter steigern ihre Marktanteile. Während die klassischen Universalversender wie Quelle, Neckermann, Otto, Schwab oder Baur mit rückläufigen Umsätzen kämpfen, gewinnen Spezialversender oder das Internet an Bedeutung. Und die Einkaufssender QVC und HSE 24 sind zu einer festen Größe geworden.

Quelle: F.A.Z., 09.10.2006, Nr. 234 / Seite 25
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