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Branchen (63): Stahlindustrie Nervöses Monopoly

02.10.2006 ·  Die Stahlelite trifft sich in Buenos Aires zum Weltstahlgipfel. Die gute Laune über die prächtigen Geschäfte wird aber durch die Sorge um die weitere Konzentration getrübt. Die Übernahmeschlacht setzt neue Akzente in der Konsolidierung.

Von Werner Sturbeck
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Das Stahljahr 2006 verspricht eines der besten der letzten Jahrzehnte zu werden. Die traditionell stark zyklische Branche hat den Abschwung nach dem Ausnahmejahr 2004 schnell und ohne große Blessuren überwunden. Der weiterhin stark wachsende Bedarf zeugt vom Stahlhunger in den aufstrebenden bevölkerungsreichen Schwellenländern. Es wird noch einige Jahre dauern, bis sich der Stahlverbrauch pro Kopf der Bevölkerung in China, Indien, Brasilien oder Rußland den wesentlich höheren Werten in den Vereinigten Staaten, der EU, Japan und Südkorea nähern wird.

Dennoch sind viele Vorstände nicht gerade in Festtagslaune nach Buenos Aires zu der an diesem Montag eröffneten Weltstahlkonferenz gereist. Obwohl die Weltwirtschaft noch deutlich wächst, gibt es an einigen großen Stahlmärkten unübersehbare Eintrübungen. So hat in den Vereinigten Staaten die Stahlkonjunktur zu schwächeln begonnen; in Fernost drücken zunehmende chinesische Exporte auf die Flachstahlpreise.

Angriff der „neureichen“ Stahlbarone

Das spannendere Thema am Rande der Konferenz ist der Fortgang der Branchenkonsolidierung. Als sich die Stahlelite im Oktober vergangenen Jahres in Seoul versammelt hatte, zählte man bereits mehr Eigentümerwechsel als im gesamten Jahr 2004, und dies zu kräftig erhöhten Kaufpreisen. Sorgen verursachten vor allem die „neureichen“ Stahlbarone, die dank eigener Rohstoffvorkommen und vorteilhaftester Energie- und Arbeitskosten in wenigen Jahren ihre Kassen aufgefüllt hatten, selbst aber als Eigentümer nicht angreifbar sind.

Solche Konzerne, wie die der russischen Oligarchen Roman Abramowitsch oder Aleksej Mordaschow, könnten den ebenfalls nach externem Wachstum strebenden etablierten Stahlkonzernen alle zum Verkauf stehenden Filetstücke wegschnappen, fürchtete man damals. Auch über die Opfer feindlicher Übernahmen wurde spekuliert, wenngleich es bis Oktober 2005 in der Stahlbranche noch kein Beispiel dafür gab. Daß sich Mittal Steel als größter Produzent die Nummer zwei am Stahlmarkt, die erheblich umsatzstärkere Arcelor, einverleiben würde, war unvorstellbar.

Weltmarktführer mit 120 Millionen Tonnen

So hat der monatelange, erbitterte und am Ende doch erfolglose Widerstand der Arcelor-Spitze in der Konsolidierungsdiskussion völlig neue Akzente gesetzt. Vor dem Fall Arcelor-Mittal galt es als wahrscheinlich, daß im Laufe der Jahre durch Unternehmenskäufe vier bis fünf Giganten mit Produktionskapazitäten um 100 Millionen Tonnen entstehen würden.

Als solche „Integratoren“ schienen vor allem Arcelor und das Unternehmen des Inders Lakshmi Mittal geeignet. Nach deren überraschendem Zusammenschluß ist der neue Weltmarktführer mit 120 Millionen Tonnen allein dreimal so groß wie der nächstfolgende Wettbewerber Nippon Steel oder größer als die drei größten Konkurrenten - Nippon und JFE in Japan sowie die koreanische Posco - zusammen.

Transaktionsvolumen von 40 Milliarden Euro

In diesem Jahr wächst die Zahl der Transaktionen noch schneller. Bis zum Jahresende dürften die Käufe und Fusionen um gut ein Drittel in Richtung 180 steigen. Die dabei bewegten Werte haben enorm zugenommen. Allein das Transaktionsvolumen von Arcelor-Mittal übersteigt mit 40 Milliarden Euro den 2004 erfaßten Gesamtwert in der Stahlindustrie. Aber in diesem Übernahmefieber läßt sich noch kein weiterer Integrator ausmachen.

Die dafür in Frage kommenden Konzerne versuchen zunächst, sich vor einem ähnlichen Schicksal wie Arcelor abzusichern. Die Übernahme des einstigen Weltmarktführers war lehrreich: Das luxemburgische Unternehmen hat im Bietergefecht mit Thyssen-Krupp um den kanadischen Stahlkonzern Dofasco als Angreifer den Preis stark in die Höhe getrieben; an der Börse unterbewertet und mit einem international breit gestreuten Aktienkapital, hat sich Arcelor verwundbar gemacht.

Gegenseitigen Beistand bei Übernahme

Nach solchen Erkenntnissen haben die drei führenden japanischen Stahlkonzerne sich gegenseitigen Beistand für den Fall eines feindlichen Übernahmeversuchs versichert und den Pakt mit kleineren Überkreuzbeteiligungen besiegelt. Posco hat gerade einen ähnlichen Schutzschild mit Nippon geschaffen. In China hat die Regierung ausländischen Interessenten restriktive Grenzen gesetzt.

In Deutschland sind die meisten Stahlunternehmen aufgrund ihrer Eigentümerstruktur schwer angreifbar. Unternehmer wie Jürgen Grossmann, der aus dem einstigen Pleitefall Georgsmarienhütte einen gut aufgestellten Nischenanbieter von Spezialstahl schuf, hat allein die Entscheidungshoheit. Bei den Publikumsgesellschaften Thyssen-Krupp und Salzgitter sieht das anders aus. Sie haben durch feste Partnerschaften und Aktienrückkauf starke Sperrminoritäten geschaffen, um sich ungewollte Aufkäufer vom Leib zu halten.

Preiseinbrüche abgewendet

So ist weltweit bei börsennotierten Unternehmen mit größerem Streubesitz die Nervosität unübersehbar. Ihnen sind derzeit Abwehrkonzepte wichtiger als die Aufholjagd zu Arcelor-Mittal. Anders sieht das bei den unangreifbaren Unternehmen aus. Brachenkenner sprechen von einem stärker werdenden Drang der russischen Stahlwirtschaft nach Westeuropa. Nachdem der von Arcelor als „Weißer Ritter“ geholte Mordaschow, der seine Severstal an die Weltspitze führen will, doch nicht zum Zuge kam, gilt der italienische Marktführer Riva als Wunschkandidat.

Aber die Konsolidierung hat auch ihre positiven Seiten. Die beiden führenden Stahlkonzerne haben in der Nachfrageabschwächung des Jahres 2005 durch stark verkürzte Produktion die früher üblichen Preiseinbrüche abwenden können. Für kleinere Wettbewerber ergeben sich durch den Konzentrationsprozeß neue Chancen. Kartellrechtlich erfordert der Zusammenschluß von Arcelor und Mittal Bereinigungen im Portfolio.

Weltproduktion sind 802 Millionen Tonnen

Salzgitter dürfte zu den Bietern gehören, wenn der neue Marktführer seine moderne und leistungsstarke Produktion von schweren Trägern in Thüringen verkaufen muß. Thyssen-Krupp treibt zum Einstieg in den Nafta-Markt zwar den Bau eines großen Massen- und Edelstahlwalzwerks im Süden der Vereinigen Staaten voran, hofft aber weiterhin, durch Druck der amerikanischen Wettbewerbsbehörde doch noch an Dofasco zu kommen.

Das Monopoly vollzieht sich vor der Kulisse einer guten Mengenkonjunktur, bei der selbst die zum Teil stagnierenden oder sinkenden Preise noch überdurchschnittlich hoch sind. Bis Ende August ist die Weltproduktion um 9,4 Prozent auf 802 Millionen Tonnen gestiegen. In Asien ist die Zunahme mit 13 Prozent überdurchschnittlich stark, wobei hier wiederum China (plus 18,6 Prozent) und Indien (plus 15,3 Prozent) das Tempo vorgeben. Aber auch in Nordamerika und in der europäischen Union sind die Wachstumsraten mit sieben beziehungsweise sechs Prozent noch ungewöhnlich hoch.

Explodierenden Kosten für Erze, Koks und Fracht

Die Ertragslage der meisten Stahlproduzenten ist gut, wahrscheinlich sogar besser als 2004. Denn damals konnten die explodierenden Kosten für Erze, Koks, Kokskohle und Frachten nur mit Verzögerung an die Kunden weitergereicht werden. In diesem Jahr ist der Kostenauftrieb moderater, und die Produzenten konnten die im zweiten Halbjahr 2005 deutlich reduzierten Preise bis August wieder nahe an das Niveau von 2004 heranbringen. Auch in Deutschland gehört die Stahlwirtschaft zu den boomenden Branchen. Davon zeugt der im September erreichte Tarifabschluß.

Von einer Gehaltssteigerung um 3,8 Prozent nebst 1.250 Euro Einmalzahlung können die Beschäftigten andere Branchen nur träumen. Aber den Stahlproduzenten waren solche Zugeständnisse lieber als ein Streik. Denn die meisten arbeiten gegenwärtig an ihrer technischen Kapazitätsgrenze auf eine Gesamterzeugung von 46,5 Millionen Tonnen Rohstahl hin. Das wäre nicht nur ein Zuwachs von 5 Prozent gegenüber 2005, sondern auch eine Million Tonnen mehr, als die Wirtschaftsvereinigung Stahl im Frühsommer noch prognostiziert hatte.

Quelle: F.A.Z., 02.10.2006, Nr. 229 / Seite 23
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Jahrgang 1949, Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

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