11.09.2006 · Der Wirtschaftsbau ist das Zugpferd für die Belebung am Bau. Die Bauunternehmen profitieren davon, daß die deutsche Wirtschaft nach Jahren der Zurückhaltung wieder in die Erweiterung ihrer Kapazitäten investiert.
Von Michael PsottaIn der deutschen Bauwirtschaft herrscht wieder Aufbruchsstimmung. Seit Mai vergangenen Jahres sind die Auftragsbücher in jedem einzelnen Monat dicker geworden. Im ersten Halbjahr 2006 nahm der Auftragseingang gegenüber dem Vorjahreszeitraum um immerhin 8,6 Prozent zu. Erstmals seit sieben Jahren dürfte 2006 auch der Umsatz wieder steigen.
Nach einem Anstieg im ersten Halbjahr um 1,6 Prozent rechnen Branchenkenner damit, daß die Branche dieses Tempo zumindest bis zum Jahresende beibehalten kann. Auch der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie (HDB), der offiziell noch mit einem Umsatzwachstum 2006 von 1 Prozent rechnet, stellt jetzt in Aussicht, daß er während des wichtigsten Branchentreffens, des Tages der deutschen Bauindustrie am 20. September in Berlin, die Prognose anheben wird.
Abruptes Ende des Bauaufschwungs
Besonders stark wird diese Anhebung aber vermutlich nicht ausfallen. Die Vorsicht des Verbandes hat Gründe. Immerhin hat der Niedergang der Branche gut zehn Jahre angehalten. Mit Ausnahme eines kleinen Umsatzzuwachses 1999 sank das Geschäftsvolumen der Branche stetig. Die Zahl der Arbeitsplätze, 1995 noch rund 1,4 Millionen, ging um die Hälfte zurück.
Ein Teil des Niedergangs lag am abrupten Ende des Bauaufschwungs nach der Wiedervereinigung, der die Branche zu einem weit überzogenen Kapazitätsaufbau verführt hatte. Dazu kam, daß die deutsche Wirtschaft in den vergangenen Jahren ihre Fabriken und Büros in Deutschland stark rationalisiert und gleichzeitig neue Kapazitäten vor allem im Ausland aufgebaut hat.
Bauunternehmen profitieren
Zum Befund kommt die große Finanznot der Gebietskörperschaften, die den öffentlichen Bau stark eingeschränkt hat, und die Angst vieler potentieller Bauherren um ihren Arbeitsplatz, die den Wohnungsbau drückte. Diese über Jahre gewachsene Schwäche der deutschen Bauindustrie macht begreiflich, daß die Branche die gegenwärtigen Zeichen des Aufschwungs mit Skepsis betrachtet. Noch einmal will sie sich nicht nachsagen lassen, daß sie ihre Kapazitäten mit an Naivität grenzender Zuversicht aufgestockt hat und dann einem Niedergang beinahe ohne Gegenwehr entgegensah.
So sind sich jetzt die Branchenbeobachter erst einmal nur darin einig, daß es abzuwarten gilt, ob es sich wirklich um den Beginn eines dauerhaften Aufschwungs handelt. Das gilt selbst für den Wirtschaftsbau, der nach den Angaben des HDB das Zugpferd der Belebung am Bau darstellt. Die Bauunternehmen profitieren davon, daß die deutsche Wirtschaft nach Jahren der Zurückhaltung erstmals wieder in die Erweiterung ihrer Kapazitäten investiert.
Besondere Hoffnungen für Bürobauten
Als Beispiel gelten die Hafenbetreiber, die in großem Stil neue Terminals errichten, oder die Logistikbranche zu Lande, die sich immer mehr zu einer Drehscheibe des Warenumschlags im Zentrum Europas entwickelt und hierfür neue Lagerplätze errichtet. Derzeit weist wenig darauf hin, daß sich der Wirtschaftsbau wieder abschwächt, zumal unter den Aufträgen auch zahlreiche Industriebauten sind, die längerfristig errichtet werden und deshalb erst im nächsten oder übernächsten Jahr zu Umsätzen führen.
Besondere Hoffnungen verbinden sich mit dem Markt für Bürobauten, der gegenwärtig wegen vieler Leerstände noch darniederliegt, aber in wenigen Jahren neue Impulse bringen könnte. Der Wirtschaftsbau könnte also durchaus seinen Beitrag dazu leisten, daß die Bauwirtschaft auch längerfristig ihre Talsohle durchschritten hat. Doch weisen Experten darauf hin, daß das Wachstum des Wirtschaftsbaus im zweiten Halbjahr 2006 aus rechnerischen Gründen wieder etwas zurückfallen könnte. Das liegt daran, daß der Vergleichszeitraum dann nicht mehr das besonders schwache erste Halbjahr 2005 sein wird, sondern die erheblich bessere zweite Jahreshälfte.
Weder sparen noch antizyklisch investieren
Etwas überraschend hat sich auch der öffentliche Bau im bisherigen Jahresverlauf positiv entwickelt. Das liegt in erster Linie an den wieder üppigeren Steuereinnahmen aller Gebietskörperschaften. Vor allem in den Kommunen, wo der Investitionsstau besonders groß ist, fließen die Bauausgaben derzeit reichlich. Das ist nicht erstaunlich, da Städte und Gemeinden üblicherweise weder sparen noch antizyklisch investieren, sondern das Geld dann ausgeben, wenn sie es haben.
Zu einer positiven Einschätzung des öffentlichen Baus trägt diesmal vor allem der Bund bei, der in den vergangenen Jahren eine Reihe von zugesagten Bauprojekten im Jahresverlauf dann doch - mit Hinweis auf die Haushaltslage - gestoppt hatte. Das sei 2006 anders, berichtet der HDB. Das zeige sich in der Verkehrsinfrastruktur, wo die Ausgaben des Bundes wie auch der Bahn im ersten Halbjahr jeweils mit zweistelliger Rate gestiegen seien.
Auftragseingang im Wohnungsbau
So bleibt der Wohnungsbau der Problemfall des deutschen Baus, zumindest auf den ersten Blick. Während der Umsatz im Wirtschaftsbau nach der bisherigen Einschätzung des HDB in diesem Jahr auf 27,3 (Vorjahr: 26,8) Milliarden Euro und im öffentlichen Bau auf 23,3 (23) Milliarden Euro zunehmen dürfte, ist im Wohnungsbau mit einem nochmaligen Rückgang auf 24,3 (24,5) Milliarden Euro zu rechnen.
Die Einschätzung des HDB fußt darauf, daß der Auftragseingang im Wohnungsbau in der ersten Jahreshälfte mit plus 5 Prozent deutlich geringer zunahm als im Wirtschaftsbau und im öffentlichen Bau. Hinzu kommt, daß selbst dieser geringe Anstieg im wesentlichen auf privaten Bauentscheidungen vom Jahresende 2005 im Hinblick auf die 2006 beendete Eigenheimförderung fußt. Das würde auf eine Abschwächung im Wohnungsbau im Jahresverlauf deuten.
Rückgang der Genehmigungen
Dennoch gibt es Anzeichen, daß der Wohnungsbau wieder auf Touren kommt. So wurden in der ersten Jahreshälfte 108.000 neue Wohnungen genehmigt, ein Viertel mehr als im Vorjahreszeitraum. Damit zeichnet sich ab, daß der Rückgang der Genehmigungen im vergangenen Jahr um gut 10 Prozent auf 211.000 Wohnungen 2006 mehr als wettgemacht werden dürfte. Seinen Beitrag hierzu liefert auch der deutsche Fertigbau. Dessen Anteil an den Ein- und Zweifamilienhäusern liegt im internationalen Vergleich zwar immer noch auf bescheidenem Niveau von derzeit gut 14 Prozent, nimmt aber seit Jahren zu. Gegenwärtig ist die Produktionskapazität des deutschen Fertigbaus für 30 Wochen ausgelastet, und alles deutet darauf hin, daß der Anteil auch 2006 zunimmt.
Zwar führen mehr Baugenehmigungen nicht sofort zu höheren Umsätzen. Die Entwicklung zeigt aber, daß auch der Wohnungsbau neue Impulse erhalten hat. Der wesentliche Grund hierfür dürfte sein, daß die Zuversicht mancher Bauherren wieder steigt, die gegenwärtige Aufhellung der Konjunktur sichere auch den eigenen Arbeitsplatz und rechtfertige deshalb langfristige Investitionsentscheidungen. Dem steht aber entgegen, daß die für 2007 angekündigte Mehrwertsteuererhöhung am Bau zu Vorzieheffekten führen dürfte. So zeigt sich im Wohnungsbau, daß die Lage allmählich besser wird, das Vertrauen in den nachhaltigen Aufschwung aber noch fehlt.
Michael Psotta Jahrgang 1957, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung.
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