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Branchen (58): Nutzfahrzeuge Schwere Geschäfte

28.08.2006 ·  Vier Wochen vor Beginn der IAA für Nutzfahrzeuge präsentiert sich die Branche mit glänzenden Zahlen. Das muß nicht so bleiben. Der nächste Konjunkturabschwung wird kommen, zuerst in Amerika, vermuten Experten.

Von Henning Peitsmeier
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Das Geschäft mit Nutzfahrzeugen boomt. Die Auftragsbücher von MAN, Scania oder Iveco sind prall gefüllt, die Fabriken produzieren an ihren Kapazitätsgrenzen. Marktführer Daimler-Chrysler hat in seinem Lastwagenwerk Wörth wegen der guten Auftragslage gerade 400 Mitarbeiter eingestellt. Auf vielen Märkten in der Welt werden die Hersteller von schweren und mittelschweren Lastwagen in diesem Jahr neue Absatzrekorde erzielen.

In Deutschland etwa hat sich die Nutzfahrzeugkonjunktur erstmals vom gesamtwirtschaftlichen Trend abgekoppelt. Eine ausgewiesen zyklische Branche, in der jedem Aufschwung ganz sicher der nächste Abschwung folgte, präsentiert sich überraschend robust. In den zurückliegenden drei Jahren steigerten die Nutzfahrzeughersteller ihren Umsatz um durchschnittlich acht Prozent, im laufenden Jahr wird eine Steigerung um sieben Prozent erwartet, und auch für das Jahr 2007 ist noch kein Konjunktureinbruch in Sicht.

Strengere Abgasvorschriften

Bessere Vorgaben hätte sich der Verband der Automobilindustrie (VDA) für seine große Weltmesse, die IAA der Nutzfahrzeuge im September, nicht wünschen können. Erst im vergangenen Monat rollten mit 16.300 Lastwagen über sechs Tonnen (plus 15 Prozent) so viele Fahrzeuge wie noch nie in einem Juli von den Bändern deutscher Hersteller. VDA-Präsident Bernd Gottschalk glaubt, daß die gute Auslastung anhält: „Wir sind für 2007 zuversichtlich, daß die Lkw-Konjunktur auch bei geringerer Drehzahl hochtourig bleiben wird, es sei denn, die Gesamtwirtschaft bekäme einen ,Mehrwertsteuer-Schnupfen'.“

Die Furcht vor einem Rückschlag ist gleichwohl nicht unbegründet. Weil das Geschäft in der Vergangenheit immer sehr zyklisch war, macht sich in der Branche Skepsis breit. Insbesondere der amerikanische Markt treibt so manchem Nutzfahrzeugvorstand Sorgenfalten auf die Stirn. In den Vereinigten Staaten treten zum 1. Januar 2007 strengere Abgasvorschriften in Kraft, die in diesem Jahr schon zu vorgezogenen Käufen geführt haben.

Asiatische Unternehmen rüsten für Export

Im kommenden Jahr dürfte die Nachfrage folglich nachlassen. MAN, Scania & Co. richten sich auf einen Abschwung im Amerika-Geschäft ein. Andreas Renschler, Nutzfahrzeugvorstand von Daimler-Chrysler, geht davon aus, daß der „Einbruch aber nicht so heftig wird, wie viele das annehmen“. Renschler sieht Daimler-Chrysler für den dortigen Abschwung gewappnet, dank einer sehr hohen Flexibilität mit Arbeitszeitkonten und Leiharbeitern in den eigenen Fabriken.

Ungemach droht den Nutzfahrzeugherstellern in den jungen Märkten Asiens durch neue Wettbewerber. Asiatische Unternehmen wie Dongfeng und FAW aus China oder Tata Motors und Ashok Leyland aus Indien, allesamt Schwergewichte in der Branche, blicken über die Grenzen ihrer Heimatmärkte hinaus, rüsten sich für den Export auf Märkte in Osteuropa, dem Nahen und Mittleren Osten sowie in Südamerika.

Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit

Und selbst Automobilhersteller, die bislang noch nie einen Lastwagen gebaut haben, könnten ebenfalls in das Nutzfahrzeuggeschäft einsteigen. Gerüchten zufolge plant der chinesische Autohersteller Chery den Bau von Nutzfahrzeugen, könnte damit schon 2008 beginnen, um von 2010 an 300.000 Einheiten auf den Markt zu bringen. Machte das Chery-Beispiel Schule, stiege die Gefahr globaler Überkapazitäten noch weiter, fürchten Branchenfachleute.

Dagegen hilft den europäischen Herstellern nur eines, nämlich die Verbesserung ihrer Wettbewerbsfähigkeit. Hakan Samuelsson, der MAN-Vorstandsvorsitzende, hat vor wenigen Wochen auf einer Branchenveranstaltung in Frankfurt auf die Problematik zu hoher Kostenstrukturen hingewiesen. Die Arbeitskosten in Deutschland liegen nach seinen Worten im Vergleich an der Weltspitze: „Dieser Kostennachteil gegenüber den Wettbewerbern muß ausgeglichen werden“, sagte Samuelsson. Und fügte hinzu, wie MAN das Thema angeht: „Zum einen durch eine besonders hohe Produktivität, zum anderen durch Standorte in kostengünstigeren Regionen.“

Das dichte Service- und Vertriebsnetz fehlt

MAN ist als erster europäischer Nutzfahrzeughersteller in großem Stile in den indischen Markt eingestiegen. Anfang Mai eröffneten die Deutschen in Pithampur mit dem indischen Hersteller Force Motors ein Gemeinschaftswerk zum Bau schwerer Nutzfahrzeuge. Die ersten Lastwagen sollen schon Ende dieses Jahres das Werk verlassen. MAN hält eine Minderheitsbeteiligung von 30 Prozent an dem Unternehmen, in das die beiden Partner zunächst 150 Millionen Euro investieren.

So wie MAN erschließen sich auch andere Nutzfahrzeughersteller die neuen Wachstumsmärkte durch Kooperationen mit lokalen Partnern. Daß die dortigen Hersteller eines Tages zu Wettbewerbern von MAN, Scania, Volvo & Co. in Europa werden können, wird gegenwärtig ausgeschlossen. Göran Simonsson, Deutschland-Geschäftsführer Volvo Trucks, kennt den Grund: „Indern und Chinesen fehlt in Europa das dichte Service- und Vertriebsnetz - es sei denn, sie kaufen einen von uns.“

Absatzsteigerung um ein Prozent

Auf den größten Märkten für Lastwagen über sechs Tonnen in Nordamerika und Westeuropa spielen die Aufsteiger aus Asien noch keine Rolle. Hier machen die etablierten Konzerne das Rennen unter sich aus. Die Hersteller und ihre Zulieferer profitieren hier zum einen von der Beschleunigung der gesamtwirtschaftlichen Aktivitäten. Vor allem bei den Unternehmen des gewerblichen Güterfernverkehrs haben sich die Fuhrparkinvestitionen belebt. Kräftige Impulse kommen auch von den Auslandsmärkten.

Aufgrund der positiven Entwicklung erwartet der VDA für das gesamte Jahr in Westeuropa abermals eine Absatzsteigerung um gut ein Prozent auf knapp 2,4 Millionen Fahrzeuge. Es wäre das dritte Jahr in Folge mit einem Verkaufszuwachs. Dabei spielen auch Vorzieheffekte eine Rolle. Der VDA erwähnt hier die zum 1. Mai dieses Jahres in der Europäischen Union erfolgte Einführung des digitalen Tachographen sowie das verbindliche Inkrafttreten der Abgasgrenzwertstufe Euro IV für Nutzfahrzeuge im Herbst.

Neuzulassungen stiegen um acht Prozent

Und der VDA vergißt vier Wochen vor Beginn der IAA Nutzfahrzeuge nicht den Hinweis auf ein „erfreuliches Omnibus-Jahr 2006“ - trotz Flaute in den öffentlichen Kassen. So verließen in den ersten sieben Monaten 5.000 Busse die Fabrikhallen in Deutschland, ein Plus von zwölf Prozent.

Im Inland stiegen die Neuzulassungen um acht Prozent, vor allem getrieben durch die steigende Nachfrage nach Bussen mit modernen Abgasstandards und auch die zusätzlichen Transportanforderungen während der Fußball-Weltmeisterschaft. Noch kräftiger war der Zuwachs in der Produktion für die Auslandsmärkte: Hier erzielten die deutschen Bushersteller ein Plus von 20 Prozent.

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Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondent in München.

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