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Branchen (52): Tabakindustrie In die Zange genommen

17.07.2006 ·  Schlechte und gute Nachrichten liegen eng beieinander. Tabakkonzerne kämpfen mit Absatzverlusten und bauen Stellen ab - Rauchverbote greifen um sich. Dennoch gibt es üppige Gewinne. Rauchfreie Tabakwaren sind zukunftsweisend.

Von Petra Schlitt und Roland Lindner
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Es war wieder einmal ein Wechselbad der Gefühle: Am Donnerstag der vergangenen Woche kamen aus der Tabakindustrie innerhalb weniger Stunden zwei gegensätzliche Meldungen. Zuerst sorgte die deutsche Niederlassung des weltgrößten Zigarettenherstellers Philip Morris, der seinerseits eine Tochtergesellschaft des amerikanischen Konsumgüterkonzerns Altria ist, für eine Schreckensnachricht: Das Unternehmen will im Jahr 2009 sein Werk in München schließen und die Produktion auf die beiden anderen deutschen Standorte Berlin und Dresden beschränken.

Rund 400 Mitarbeiter sollen betroffen sein. Philip Morris nannte den Schritt unvermeidbar und klagte über das verschlechterte Marktumfeld. Fünf Tabaksteuererhöhungen seit 2002 hätten der Branche in Deutschland schwer zugesetzt und den Zigarettenmarkt um 32 Prozent schrumpfen lassen. Bei Philip Morris selbst sei der Absatz um mehr als die Jahresproduktion in München eingebrochen.

Schadensersatzforderungen in Einzelklagen

Kurz nach dieser Hiobsbotschaft gab es in Amerika für die Branche Anlaß zum Jubeln: Der Oberste Gerichtshof in Florida hat der Tabakindustrie einen großen Erfolg beschert und eines der spektakulärsten Schadensersatzurteile, das es in den vergangenen Jahren gegen die Branche gab, aufgehoben. Im Jahr 2000 wurden mehrere Tabakunternehmen im Rahmen einer Sammelklage zu einer Strafzahlung von zusammen 145 Milliarden Dollar verurteilt, weil sie nach Ansicht einer Jury Verbraucher über die Gesundheitsrisiken des Rauchens getäuscht haben sollen.

Ein Berufungsgericht hatte das Urteil bereits im Jahr 2003 mit der Begründung revidiert, die Summe sei exzessiv, und der Fall hätte nicht als Sammelklage verhandelt werden dürfen. Der Oberste Gerichtshof hat diese Einschätzung nun bestätigt. Zwar wurde gleichzeitig die grundsätzliche Entscheidung, wonach die Industrie sich falsch verhalten hat, aufrechterhalten. Schadensersatzforderungen müssen nun in Einzelklagen gestellt werden.

Verbote in vermeintlich raucherfreundlichen Ländern

Das würde die Industrie nach Meinung von Analysten schlimmstenfalls einen Bruchteil der ursprünglichen Summe kosten. Mit dem Richterspruch ist eine der größten juristischen Bedrohungen in der Serie von Schadensersatzklagen der vergangenen Jahre aus dem Weg geräumt. Die Aktien der Tabakkonzerne setzten nach dem Urteil zu einem Höhenflug an.

Die zwei Meldungen unterstreichen, daß in der Tabakindustrie Widrigkeiten und Erfolgserlebnisse nahe beieinanderliegen. Einerseits scheinen die Marktbedingungen von Tag zu Tag ungünstiger zu werden, zumindest in den westlichen Industrienationen. Ein Land nach dem anderen führt Rauchverbote in der Öffentlichkeit ein: Von Amerika schwappte die Welle auf vermeintlich raucherfreundliche europäische Länder wie Irland, Italien und Spanien über.

Trotz Jammern geht es der Branche blendend

Nun wird in Deutschland über Einschränkungen diskutiert. Dabei ist Tabak ein begehrliches Objekt der Politik, wenn es um Steuererhöhungen geht. Das ist nicht nur in Deutschland so. In New York kann eine Schachtel Zigaretten wegen der hohen Steuern bis zu 8 Dollar kosten. Allem Jammern zum Trotz geht es der Branche blendend. Und auch an der Börse haben sich Unternehmen wie die beiden größten amerikanischen Hersteller Altria und Reynolds in den vergangenen beiden Jahren besser entwickelt als der Gesamtmarkt.

Marktführer Altria, zu dem neben Philip Morris der Nahrungsmittelhersteller Kraft gehört, hat seinen Gewinn 2005 dank des Zigarettengeschäfts um 11 Prozent auf 10,4 Milliarden Dollar ausgebaut, bei einem um 9 Prozent auf 97,9 Milliarden Dollar gestiegenen Umsatz. Dem Unternehmen haben vor allem die internationalen Märkte geholfen: Das Ausland steuert weit mehr als das Doppelte zum Umsatz bei als das Inland.

Jede dritte Zigarette wird in China geraucht

Altria baut seine Auslandsaktivitäten daher weiter aus. Angesichts der schwachen Entwicklung in westlichen Ländern wie Deutschland setzt das Unternehmen auf wachstumsstarke asiatische Länder wie China. Jede dritte Zigarette in der Welt wird heute in China geraucht. Der Markt war lange für die globalen Anbieter unzugänglich, da er vom staatseigenen Monopolisten China National Tobacco Corp. (CNTC) kontrolliert wird.

Im Dezember hat Altria einen ersten Durchbruch geschafft und mit CNTC eine Vereinbarung geschlossen, wonach die Amerikaner in dem Land die Marke Marlboro produzieren und verkaufen dürfen. Einige Monate zuvor hatte Altria den drittgrößten indonesischen Zigarettenhersteller Sampoerna für 5 Milliarden Dollar übernommen.

Geschäft mit rauchfreien Tabakprodukten

Marktkenner sind sich jedoch darüber einig, daß das Engagement in diesen Märkten für westliche Anbieter nicht einfach sein wird. Statt dessen müssen sie sich darauf einstellen, daß in ein paar Jahren die Chinesen in westlichen Märkten wie Europa Fuß fassen und zukaufen wollen, meint Gareth Davis, der Chef des britischen Tabakkonzerns Imperial Tobacco.

Neben geographischer Expansion versuchen amerikanische Hersteller, ihr Produktportfolio auszuweiten. So bauen sie das Geschäft mit rauchfreien Tabakprodukten wie Kau- oder Schnupftabak aus. Das ist im Vergleich zu den Fabrikzigaretten ein kleines Segment. Wegen der Abschwächung auf dem amerikanischen Zigarettenmarkt werden aber auch Nischenprodukte interessant. Reynolds zahlte jüngst 3,5 Milliarden Dollar für die amerikanische Conwood, einem Hersteller von solchen rauchfreien Tabakprodukten. Altria will das Geschäft selbst entwickeln und steht vor dem Start eines rauchfreien Tabakprodukts mit dem Namen Taboka.

Generelles Rauchverbot nicht zu vermeiden

In Deutschland versuchen Tabakkonzerne bislang, dem drohenden gesetzlichen Rauchverbot mit Selbstbeschränkungen zu begegnen. Mit dem Hotel- und Gaststättenverband Dehoga haben sie sich verpflichtet, Nichtraucherbereiche in Lokalen zu schaffen und diese sukzessive auszuweiten. Wolfgang Hainer, Geschäftsführer des Verbandes der Deutschen Cigarettenindustrie (VdC), befürchtet dennoch, daß sich ein generelles Rauchverbot nicht vermeiden läßt. Die Konzerne sorgen sich, daß damit die Verkaufszahlen weiter sinken; die Branche schätzt die Absatzrückgänge auf bis zu 5 Prozent.

Mancher Vertreter der Tabakindustrie hofft noch immer, daß sich in Deutschland Toleranz durchsetzt, nicht die Reglementierung. Imperial-Tobacco-Chef Davis praktiziert das Toleranzmodell im eigenen Haus: „Meine Frau mag es nicht, wenn ihr Rauch ins Gesicht geblasen wird“, sagt er und nimmt Rücksicht. Davis raucht seit seinem 16. Lebensjahr bis zu 20 Zigaretten am Tag. Die Toleranz im Davis-Haushalt geht weit. Zu Hause liegen Zigaretten offen herum. Und er würde auch seinen bislang noch nicht rauchenden Kindern nicht verbieten, zuzugreifen - Hauptsache, sie tun es nicht heimlich.

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Jahrgang 1970, Wirtschaftskorrespondent in New York.

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